„She Said“: Wie die „New York Times“ Harvey Weinstein zu Fall brachte

Maria Schraders Film „She Said“ rekapituliert die Genese der #MeToo-Bewegung als Triumph des investigativen Journalismus. Aber hat sich Hollywood seither entscheidend verändert?

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Der Versuch, sie gewaltsam zum Schweigen zu bringen, führte am Ende dazu, dass sie redeten, lautstark sogar. Die Dinge, die sie sagten, erzeugten Gegendruck, massiv genug, um Monumente zu stürzen. Wenn die Frauen ihre Stimmen nicht erhoben hätten, um öffentlich über die Demütigungen und den Missbrauch zu sprechen, die sie erlebt hatten, wäre alles geblieben, wie es immer war. Die Ausbeuter hätten weiter ungehindert zulangen, die Mächtigen ihre Macht auskosten können, es hätte #MeToo nie gegeben und damit auch kein zeitgemäßes Instrument der Ächtung körperlicher Übergriffe und Vergewaltigungen.

„She Said“ heißt daher, aus gutem Grund, das Buch, das Jodi Kantor und Megan Twohey, Reporterinnen der „New York Times“, 2019 über ihre langwierige Spurensuche im Fall Weinstein veröffentlichten; denselben Titel trägt nun auch ein Film, der die Ereignisse des Jahres 2017 aus Sicht jener Redaktion rekapituliert, die das System der sexualisierten Gewalt in Hollywood erstmals aufdeckte. Maria Schrader hat diesen Film inszeniert (er läuft ab 8. Dezember in Österreichs Kinos); als Schauspielerin hat sie begonnen, seit den 1990er-Jahren inszenierte sie fallweise auch selbst, aber erst seit etwa sieben Jahren treibt sie ihre Regiekarriere konsequent voran: Mit dem erstaunlich feingliedrigen Stefan-Zweig-Drama „Vor der Morgenröte“ (2016), in dem auch Hauptdarsteller Josef Hader seine Virtuosität beweisen konnte, erregte sie internationale Aufmerksamkeit; die deutsche Miniserie „Unorthodox“ (2020), die sie für globale Aufgaben empfahl, war der nächste Markstein, gefolgt von der ein wenig substanzarmen Androiden-Comedy „Ich bin dein Mensch“ (2021). 

„She Said“ ist nun Schraders erste amerikanische Produktion, unabhängig produziert, aber mit seinem 32-Millionen-Dollar-Budget doch ein Film von beträchtlichem, auch moralischem Gewicht. Denn er zeigt, spannend, transparent und ohne unnötige Dramatisierungen, wie die Übersetzung individueller Traumata in politisches Engagement funktioniert: wie zwei couragierte Investigativjournalistinnen buchstäblich von Tür zu Tür laufen, um die (meist namhaften) Zeuginnen der Taten Weinsteins dazu zu überreden, ihre Scham und ihren Wunsch, das Erlebte ad acta zu legen, für eine Reportage zu überwinden, die keinen Stein auf dem anderen lassen sollte. Am 5. Oktober 2017 publizierten Kantor und Twohey in der „New York Times“ die Ergebnisse jener monatelang betriebenen Recherche zum Treiben des damals 65-jährigen Harvey Weinstein. Ihre Vorgesetzten hatten sie trotz Weinsteins massiver Interventionen, Klagsdrohungen und des drohenden Verlusts von Werbegeldern unterstützt. 

Weinsteins missbräuchliches Verhalten gegen ihm untergeordnete junge Frauen war bereits über zwei Jahrzehnte vor dem Platzen der Bombe in der „New York Times“ (und fünf Tage später auch im „New Yorker“) in der Branche ein offenes Geheimnis. Niemand wollte öffentlich sprechen, schon gar nicht mit Klarnamen Demütigendes nacherzählen. Der mächtige Harvey, hieß es, könne jede und jeden mit zwei Anrufen ruinieren. Tatsächlich reichte Weinsteins langer Arm bis in höchste Politkreise: Hillary Clinton, die er im Wahlkampf unterstützt hatte, beauftragte – erfolglos – ihren Pressesprecher, Ronan Farrow davon abzuhalten, seine Weinstein-Story im „New Yorker“ zu publizieren.

Die Schauspielerin Ashley Judd war eine der Ersten, die sich bereit erklärt hatte, in der „New York Times“ von Weinsteins Zudringlichkeiten und von den karriereschädigenden Meldungen zu berichten, die in den Medien auftauchten, nachdem sie ihn abgewiesen hatte. Judd spielt sich in „She Said“ selbst, vertraut diesem Film das am eigenen Leib Erlittene durch ihre physische Präsenz an. Einen noch stärkeren Einbruch des Dokumentarischen durch die Schutzhaut der Fiktion aber gewährt ein zweiminütiges Tondokument, 2015 aufgenommen von dem italienischen Model Ambra Battilana Gutierrez, ein Stress-Dialog, der die kühl nachinszenierten Geschehnisse plötzlich gespenstisch real färbt: Die Audioaufnahme, in der Harvey Weinstein zu hören ist, wie er eine unzählige Male mit „Nein“ und „Ich will nicht“ sich widersetzende junge Frau in einem Hotelkorridor unter Druck zu setzen und in sein Zimmer zu locken versucht, ist eine Masterclass in Sachen Manipulation. 

Aber hat sich Hollywood seit #MeToo wirklich verändert? Aktuelle Studien suggerieren eher das Gegenteil. Natürlich, die Härte, mit der sexuelle Übergriffe inzwischen geahndet werden, hat sich vervielfacht; es ist nicht mehr so einfach, sexistisch zu sprechen und zu handeln, und wer ein deutlich gesetztes Nein übergeht, kann sich enorme Konflikte einhandeln. Die Täter werden von einer woken, sozialmedial gut vernetzten Community identifiziert und entlarvt und über den Umweg der Arbeitgeber, die sich einen derartigen Reputationsverlust nicht leisten können, ihrer Ämter enthoben. Und große Institutionen legen Wert darauf, unabhängige Vertrauensstellen einzurichten, um Mobbing, Diskriminierung und Belästigung zu minimieren.

Aber die Betroffenen selbst, die öffentlich gegen jene auftreten, die ihnen Gewalt angetan haben, werden für ihren Mut von der Filmindustrie keineswegs belohnt. Schauspielerinnen berichten von stark sinkender Nachfrage, seit sie sich online zu Wort gemeldet hätten; kein Hashtag kann verhindern, dass eine als „schwierig“ betrachtete Künstlerin, die einer Produktion möglicherweise „Probleme“ bereiten könnte, nicht mehr zu Vorsprechen eingeladen wird. Die Unterdrückung unliebsamer Stimmen, gegen die #MeToo angetreten ist, findet weiterhin statt, auf ungeahnte neue Weisen.

Aber auch die dunklen Seiten eines parajuristischen Werkzeugs wie #MeToo liegen auf der Hand. Grauzonen und Komplexitäten werden unterschlagen im Sinne eines „höheren“ Ziels: der „Rape Culture“ Einhalt zu gebieten. Eine Stimme kann genügen, um ohne Richter so etwas wie einen Schuldspruch zu fällen. Und US-Theoretikerinnen wie Maggie Nelson oder Jane Ward sehen in der Bewegung, neben allen Fortschritten,  eine unzulässige Konzentration auf „die heterosexuelle Dyade männlicher Täter / weibliches Opfer“ – und die Gefahr der „Verbrüderung unseres Schmerzes mit Puritanismus oder Bestrafungsfantasien“. Ein neues politisches Bewusstsein könne auch „in Sex-Panik umschlagen“, schreibt Nelson noch. 

Einer, der mit Harvey Weinstein einst öfter zu tun hatte, ist der Filmproduzent Joe Neurauter. Der gebürtige Tiroler hat zwölf Jahre lang in Los Angeles gelebt, dort Film studiert und 2006 sein Produktionsdebüt, „All the Boys Love Mandy Lane“, vorgelegt – einen Teen-Horrorfilm mit Amber Heard in der Titelrolle. profil erreicht Neurauter, der zwischen den USA und Europa pendelt, in München, wo er neben seiner Produzententätigkeit – an einem Remake von „The Crow“ ist er derzeit ebenso beteiligt wie an einem neuen Arnold-Schwarzenegger-Werk – seit Jänner ein Filmstudio auf einem ehemaligen Militärflugplatz mitbetreibt, eine Autostunde von der bayerischen Metropole entfernt. 

Im September 2006, so erzählt Neurauter, wurde „Mandy Lane“ beim Festival in Toronto uraufgeführt, ein Film, den niemand am Rader hatte; noch in derselben Nacht sei es zu einem Bieterkrieg gekommen, den Weinstein, der auch zur Premiere gekommen war, für sich entscheiden konnte. „Das war natürlich das Szenario, von der jeder junge Filmemacher damals träumte“, erinnert sich der Produzent. „Einen Film an Harvey Weinstein zu verkaufen, wurde in der Branche als Gütesiegel für die Qualität deines Talents und deiner Arbeit angesehen. Plötzlich gingen Türen auf, das Telefon klingelte, Agenten und Studio-Bosse luden dich plötzlich zu Dinnerpartys ein.“ Gleichzeitig habe sich umgehend auch die Kehrseite dieser neuen Verbindung gezeigt. Nur wenige Wochen später habe Weinstein versucht, „das Ende des Films umzuschneiden, und er drohte damit, sollten wir uns seinen Ideen nicht fügen,  das Werk einzustampfen. Wir haben uns nicht gefügt, und so kam es dann auch.“

„Die soziopathischen Aspekte seines Charakters kamen immer wieder durch.“

Joe Neurauter, Filmproduzent, über seine Begegnungen mit Harvey Weinstein
 

In den sechs bis sieben Treffen, die Neurauter mit Harvey Weinstein zwischen 2006 und 2008 hatte, bekam er „die ganze Bandbreite seiner Persönlichkeit“ zu spüren. „Auf der einen Seite konnte er extrem intelligent, eloquent und überzeugend sein, und man erkannte in seinem Verhalten die viel zitierte Brillanz des Hollywood-Moguls. Auf der anderen Seite aber kamen die soziopathischen Aspekte seines Charakters immer wieder durch: Jede Beziehung war rein transaktional definiert. Jeder Witz, jeder Satz hatte eine Intention: jemanden zu seinem Nutzen und für seine Zwecke zu manipulieren. Da war nichts Authentisches.“ 

Im Jänner 2008 wollte Weinstein, obwohl die Querelen um „Mandy Lane“ juristische Folgen hatten, auch Neurauters nächste Produktion kaufen, die beim Sundance-Filmfestival lief. „Obwohl wir nicht planten, einen weiteren Film an Harvey Weinstein zu verkaufen, folgten wir der Einladung in sein Chalet in Park City, wo er mit seinen Lakaien saß, sich ein Football-Spiel anschaute und uns eine halbe Stunde lang ignorierte. Wir gingen dann einfach wieder. Es war eine reine Machtdemonstration. Es war absurd.“

Die Gerüchte, wie Weinstein mit jungen Frauen umging, gab es „immer schon“, sagt auch Neurauter, sie kursierten in der Branche. „Man kannte keine Details, aber ich kaufe es Leuten wie Quentin Tarantino nicht ab, die heute sagen, dass ihnen diese Gerüchte gänzlich unbekannt gewesen sind.“

Kantor und Twohey gewannen übrigens für ihre Recherchen 2018, gemeinsam mit Ronan Farrow, der im „New Yorker“ viele weitere Details der Ausbeutungsmethoden Weinsteins zusammengetragen hatte, den Pulitzer-Preis. Das Buch, das sie „She Said“ nannten, ist ihren Töchtern gewidmet.

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.