Das bereits vielfach bewährte Konzept Simon Stones, Ibsen-Themen und -Charaktere, in diesem Fall aus den Stücken „Baumeister Solness“, „Die Frau vom Meer“ und „Nora (Ein Puppenheim)“ in eine durch Zeitensprünge (von 1964 bis in die jüngste Gegenwart) wirbelnde Familientragödie zu verpacken, fasziniert und beklemmt, und dies liegt nicht nur an Stones Sprach- und Bildgewalt, sondern auch am Schauspielensemble: Caroline Peters, Birgit Minichmayr, Franziska Hackl, Michael Wächter, Roland Koch und Michael Maertens, der als so grausamer wie jämmerlicher Patriarch brilliert, allesamt nahezu Stone-Veteranen, spielen in einem fast schon unterkühlten Naturalismus, in einem hart realistischen, bewusst untheatralischen Flow, der die Monstrosität der Konflikte, Beziehungen und Situationen erst langsam, aber umso nachhaltiger zur Entfaltung bringt.
Stone liebt seine Schauspieler spürbar. „Es ist ein Geben und Nehmen“, erzählt Caroline Peters, die mit dem in der Schweiz geborenen und in Australien aufgewachsenen Künstler schon mehrfach in Wien, Basel und Berlin, unter anderem als Medea und Yerma, fulminante Fahrten in den Abgrund angetreten ist: „Der Arbeitsprozess ist sehr offen. Im Gegensatz zu anderen Produktionen, wo man manchmal fast wie eine künstlerische Beihilfe in einer festgefahrenen Maschinerie funktionieren muss, wird man bei Simon Stone zum Teil seines künstlerischen Stils. Wir reden während der Arbeit auch sehr viel über neue gesellschaftspolitische Entwicklungen, das gehört bei den Proben dazu. Man fühlt sich bei ihm sehr aufgehoben.“
„Wenn man als Schauspieler während der Proben in bestimmten Situationen scheitert und nicht mehr weiterweiß“, sagt Roland Koch, „interessiert Simon das viel mehr, als wenn man glatt funktioniert. Weil es die Figuren besser spiegelt, die ja ständig nicht mehr weiterwissen.“
Im Gegensatz zu früheren originären Burgtheater-Produktionen wie „Komplizen“ (nach Maxim Gorki) und „Hotel Strindberg“, wo Stone jeweils nur ein Grobkonzept mitgebracht und den weiteren Verlauf des Geschehens mit seinem Ensemble erarbeitet, präzisiert und immer wieder auch umgeworfen hat, verfügt „Das Ferienhaus“ über eine bereits bestehende Textgrundlage, basierend auf der Uraufführung „Ibsen Huis“ 2017 in Amsterdam. Mit ein paar Kunstkniffen hat Stone das Stück in die österreichische Wirklichkeit verpflanzt. Michael Maertens im Part des abgründigen Stararchitekten bekommt Versatzstücke von Adolf Loos und dessen pädophilen Neigungen aufgesetzt. Wie Loos hatte auch er Ballettelevinnen in seine Wohnung gelockt und tagelang eingesperrt.
Während der Generalprobe sitzt Stone vermeintlich entspannt im dunklen Zuschauerraum des Burgtheaters und lacht trotz der Tragik des Bühnengeschehens immer wieder aus tiefer Kehle auf. Als ob er mit der Authentizität der „Schatten“ aus dem Ibsen-Universum, wie er sie nennt, die er aus dem 19. Jahrhundert in eine Gegenwart voll Fremdenhass, Therapeutenabhängigkeit, digitalem Irrsinn, transgenerationalem Trauma-Getrigger, im Internet ausgetragener Meinungskriege und ungebrochener Homophobie schlittern lässt, durchaus zufrieden wäre.
Ein Gespräch mit Simon Stone zu bekommen, ist nicht einfach, wird mehrfach verschoben. Der hünenhafte Mann mit den tellergroßen blauen Augen und der Jesus-Frisur ist seit seinem Durchbruch mit der Gegenwartsoptimierung der „Wildente“, die 2013 in einer australischen Produktion bei den Wiener Festwochen gastierte, ein international heiß begehrter Künstler. Letzten Oktober feierte sein Journalistinnen-Thriller „The Women in Cabin 10“ (Buch und Regie), mit Keira Knightley in der Hauptrolle, Netflix-Premiere. In London läuft gerade sein gefeiertes Ibsen-Derivat „Lady From the Sea“ mit Alicia Vikander in der Titelrolle. Wenige Tage nach unserem Gespräch wird offiziell verlautet, dass er in der zweiten Jänner-Woche mit den Dreharbeiten zu „Elsinore“ startet: einer Verfilmung des Lebens des „Chariots of Fire“-Stars Ian Charleson, der mit 40 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion starb und knapp davor noch als „Hamlet“ in London brilliert hatte. Die tragische Geschichte nach einem Drehbuch von Stephen Beresford ist hochkarätig besetzt: Andrew Scott spielt den Schotten Charleson, dessen Homosexualität erst nach seinem Tod bekannt wurde, Oscarpreisträgerin Olivia Colman seine behandelnde Ärztin. Zum Zeitpunkt des Interviews unterlag der Regisseur noch einer vertraglichen Schweigeklausel.
Stone scheint bester Laune, ist aber dennoch nervös. Nicht wegen der anstehenden Herausforderungen, sondern weil er genau 40 Minuten Zeit hat, bis er seine Tochter aus dem Kindergarten abholen muss. Seine eigene Kindheit, die der Sohn eines Biochemikers und einer Veterinärwissenschafterin vorrangig im britischen Cambridge, später in Australien verbrachte, sei schön gewesen, hatte aber ihre schrecklichen Momente. Details möchte er nicht preisgeben. Er sei „verletzlich gewesen und konnte sich oft nicht sicher fühlen“. Und: „Diese Verletzlichkeit zu zeigen, wurde nicht gefördert.“ Sein Deutsch ist fließend, aber man hört, dass es nicht seine Muttersprache ist.
Alle Theaterstücke gelesen
Ein, zwei Mal die Woche hat er als Kind das Bett nicht verlassen und wie besessen gelesen. Jedes Theaterstück, dessen er habhaft werden konnte: „Euripides, Strindberg, den gesamten Shakespeare und natürlich Ibsen. Ich habe über Jahre nur Theaterstücke gelesen. Und wenn man als Teenager schon so viel Zeit und Liebe da hineinsteckt, wirst du irgendwann zu einem Experten. Manche Dinge habe ich damals natürlich noch nicht verstanden und erst 20 Jahre später begriffen, worum es ging.“ Das Lesen war weniger Eskapismus, diente eher als Treibstoff für die eigene Vorstellungskraft: „Als Teenager bist du ja meist fremdbestimmt. Die Eltern und die Großeltern sagen dir ständig, was du machen musst, sogar im Urlaub. Ich bin vor meinem 18. Lebensjahr selten in andere Welten gekommen. Aber die Literatur hat mir geholfen, Antworten auf die Fragen zu finden: Wie will ich eigentlich denken? Wie will ich leben? Was für eine Art von Romantik möchte ich?“ Shakespeares „Maß für Maß“, das ja in Wien spielt, hat in ihm schon früh den Wunsch gezündet: „Ich möchte einmal nach Wien und dort Theater machen. Und jetzt sitze ich hier.“
Seine ideologische Grundhaltung beschreibt er als „eher links-politisch“, wobei er es wirklich bedenklich findet, dass „die linke Seite, zu der ich gehöre, inzwischen genau dieselben Waffen benutzt wie die rechte – mit Cancelling und Sprechverboten. Wir sind alle so unglaublich intolerant geworden gegenüber Menschen, die nicht dieselbe Meinung haben wie wir selbst. Alle glauben, dass die einzige Lösung darin besteht, Hass gegenüber anderen Menschen aufzubauen. Das finde ich ekelhaft, und es tut mir weh, dabei zuzuschauen.“ Beide Lager seien „so empfindlich geworden“. Und ja, wenn zum Beispiel ein Onkel Friedrich am Familientisch „rassistische Bemerkungen“ von sich gibt, müssen wir „vielleicht mit einem gewissen Charme argumentieren, versuchen, ihn ein wenig zu verführen – und nicht nur mit Strenge und Radikalität die eigene Meinung durchpeitschen.“ Irgendwie müsse man auch lernen, diese Onkel Friedrichs auszuhalten, denn durch die „Isolation des Internets“ habe man verlernt, Menschen mit gegensätzlichen Meinungen in denselben Räumen überhaupt zu ertragen: „Die Welt wäre besser, wenn alle so denken und daran arbeiten würden.“
In Simon Stones Theaterwelten gibt es diesbezüglich keinen Trost und wenig Hoffnung. „Du bist hungrig nach der Zukunft, aber auf dem Weg dorthin wollen sie dich zertrampeln“, sagt der an HIV sterbende Sohn im Ferienhaus. Katastrophen, wohin der Blick sich wendet, wie bei Ibsen, in den Stone, wie er einmal bekannte, „fast verliebt ist“. Nirgendwo sonst als am Theater könne man die Realität so direkt widerspiegeln wie auf einer Bühne in analoger Interaktion mit dem Publikum: „Und je mehr wir an unseren Handys kleben, desto größer wird die Sehnsucht nach dieser Direktheit werden.“
Aber woher kommt diese konsequente Verzweiflung in seinen Figuren und Themen? Da lacht er laut auf: „Niemand, der glücklich ist, schreibt für das Theater. Man hat wirklich gar keinen Grund, Theater zu machen, wenn man glücklich ist.“ Und er sieht sehr zufrieden aus, als er das sagt.