regisseur simon stone im parkett des burtheaters, mit rotem pullover und langen haaren
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Simon Stone: „Wir sind alle so furchtbar intolerant geworden“

Der Regisseur und Autor Simon Stone gilt am Theater als Spezialist für einen schwer traumatisierten Mittelstand. Sein Burgtheater-Wurf „Das Ferienhaus” nach Ibsen-Motiven irritiert und fasziniert das Publikum. Ein Gespräch über Cancelculture, Netzhass und die Überlebenskraft des Theaters.

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Ein Stararchitekt und jähzorniger pädophiler Patriarch, der die Töchter und Nichten seiner Familie über Generationen missbraucht hat. Und viele, auch die Mütter und Tanten in dieser durch und durch verrotteten Familie, haben dabei wissend weggesehen. Dann schwebt noch eine greise Mutter herein, eine reuige Ibsen-Nora, die ihre kleinen Kinder und den Vater verlassen hat und nach 40 Jahren zurückkehrt, in der Hoffnung, so tun zu können, als ob das alles „normal“ gewesen wäre. Ein lesbisches Paar trifft sich Jahre nach der Trennung an diesem beschädigten und beladenen Ort, wo es die gemeinsame Tochter großgezogen hat, um die Trauer des Verlusts zu teilen und dabei alte Wunden aufzureißen. Irgendwann taucht eine verlorene Tochter auf, das schwarze Schaf, schwer von Alkohol und Drogenkonsum gezeichnet, die als Störfaktor den Morast, in dem diese Familiensaga ihr Fundament hat, noch einmal kräftig aufwühlt und dabei verschüttete, verdrängte zerstörerische Dynamiken wachrüttelt.

Hauptsache, es hat „alles seine Ordnung in dieser Familie“, sagt eine Figur. Oft wird auch die fatale Phrase „Alles gut!“ in das Gemetzel geworfen, ein beißender Zynismus, denn in dieser Designer-Hölle von einem Ferienhaus, das Generationen als Refugium hätte dienen sollen, ist nichts gut und nahezu alles kaputt, vor allem dessen Bewohner. Und die einmal in lauter Verzweiflung gestellte Frage des schwulen Sohns eines homophoben Vaters – „Warum sind wir nicht normal?“ – läuft ins Leere.

Der Zuschauer sitzt angesichts dieses Dickichts aus Kränkungen, Gewalt, Verzweiflung, Verrat und Bitterkeit wie eine Fliege an der Wand in diesem „Terrarium“, mit einer Entgeisterung, die Simon Stone, 41, so beschreibt: „Holy Moly, was ist denn hier los?“ In ein solches Gefühl wünscht er, sein Publikum zu manövrieren. Das gelingt dem australisch-schweizerischen Regisseur in der Burgtheater-Produktion „Das Ferienhaus“ auf verstörende und bei all der Schrecklichkeit des Gezeigten auch extrem unterhaltsame Weise.

Spuren der Verstörung

Blickt man in die Gesichter der Zuschauer beim Verlassen des Burgtheaters nach fast vier Stunden, sieht man Spuren der Irritation, die das Wiedererkennen von Themen und Familiendynamiken in den eigenen Lebenswelten nach sich zieht. Es wird wenig geredet, viel geschwiegen im Zuschauerraum, nachdem das Haus mitsamt seinen Lebenslügen abgefackelt wurde und die grandiose Birgit Minichmayr nach ihrer irrwitzigen Performance als Alkoholruine ihre letzten lakonischen Sätze gesprochen hat.

Angelika Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort