Tradition vor Risiko: Die Preise zu den Filmfestspielen Venedig 2015

Regisseur Lorenzo Vigas stemmt den Goldenen Löwen

Regisseur Lorenzo Vigas stemmt den Goldenen Löwen

Stefan Grissemann über die Preisverleihung der 72. Filmfestspiele in Venedig.

Es sah am Ende so aus, als habe jenes Gremium, das nach 12 langen Tagen so etwas wie Sinn in das sehr heterogene (und bisweilen ins Absurde abdriftende) Wettbewerbsprogramm des Filmfests am Lido bringen sollte, sich dazu entschlossen, die meisten der gewagteren Entwürfe dieses Jahrgangs (Alexander Sokurov, Amos Gitai, Liang Zhao) zu ignorieren und stattdessen dem Konservativen, Traditionellen den Vorzug zu geben. So verlautbarte die von „Gravity“-Regisseur Alfonso Cuarón geleitete Jury der diesjährigen Mostra am Samstagabend, kurz nach 20 Uhr, ihre zentrale Entscheidung und sprach den Goldenen Löwen der 72. Filmfestspiele in Venedig überraschend keinem der im Vorfeld ventilierten Favoriten zu, sondern einem etwas unauffälligen Film aus Venezuela: „Desde allá“ („From Afar“), das Spielfilmdebüt des 48-jährigen Lorenzo Vigas, ist eine Beziehungsstudie – ein reicher Mann mittleren Alters lädt zu Gewalt neigende Straßenjungen zu sich nach Hause ein, um sie als Objekte seiner Begierde nur anzusehen, nicht zu berühren. Vigas’ Werk ist klassischer Arthouse-Stoff, eine bedächtige, durchaus kluge Inszenierung, die dem Gegenwartskino jedoch wenig Neues zu bieten hat.

Zwischen realistischer Komödie und subtiler Traurigkeit

Gleich zwei Preise gingen an einen ebenfalls nicht viel mehr als netten, fast fernsehhaften Film aus Frankreich: In Christian Vincents Gerichtssaalfabel „L’Hermine“ meinte die Jury rätselhafterweise das beste Drehbuch zu erkennen; verständlicher schien da die Entscheidung, als besten Darsteller Fabrice Luchini auszuzeichnen, der seine Richterrolle sehr gekonnt am schmalen Grat zwischen realistischer Komödie und subtiler Traurigkeit anlegte.

Einen Löwen in Silber gab es für den Argentinier Pablo Trapero, der für die Jury der beste Regisseur dieses Programms war: Traperos leicht zynisch getöntes Kidnapping- und Mörderepos „El clan“ führte zwar die hohe visuelle Kompetenz dieses Filmemachers vor, bewegte sich aber zu sehr im Fahrwasser größerer Vorbilder wie Martin Scorsese oder Brian DePalma. Der Große Preis der Jury, der an den unnachahmlichen US-Puppentrickfilm „Anomalisa“ von Charlie Kaufman und Duke Johnson ging, blieb der einzig absehbare. Als beste Schauspielerin wurde die Italienerin Valeria Golino genannt, die als kämpferisches und phantasiebegabtes Familienoberhaupt in Giuseppe Gaudinos Film PER AMOR VOSTRO eine tatsächlich bewegende Performance hinlegte. Der Spezialpreis der Jury ging an den recht kruden, zwischen Albtraum und sozialem Realismus changierenden türkischen Beitrag „Abluka“ („Frenzy“) von Emin Alper.

Mutigere Auszeichnungen

Abseits des Wettbewerbs gab es mutigere Auszeichnungen: Der Luigi de Laurentiis-Preis für ein zukunftsweisendes Debüt wurde dem jungen amerikanischen Schauspieler Brady Corbet verliehen, der mit seiner Präfaschismusstudie „The Childhood of a Leader“, die auch in der „Orizzonti“-Nebenschiene als beste Regieleistung gewürdigt wurde, Aufsehen erregt hatte. Ein weiteres verstörendes US-Werk wurde dort übrigens als bester Film prämiert: Jake Mahaffys Religions- und Heilungsdrama „Free in Deed“. Der „Orizzonti“-Jurypreis ging an ein abwegig-meisterliches Doku-Kunstprojekt aus Brasilien, an Gabriel Mascaros „Neon Bull“.