Turrini über Peymann: „Geschenk für uns alle“

Claus Peymann inszeniert aktuell wieder am Burgtheater

Claus Peymann inszeniert aktuell wieder am Burgtheater

Der letzte Regie-Gigant, vielleicht ein Genie, in jedem Fall Machtmensch, Kunstautist und Größenwahnsinniger: Claus Peymann, 78, bedient alle Facetten. profil fragte Schauspieler und Weggefährten nach ihren besten oder auch schlimmsten Peymann-Momenten. Im Folgenden lesen Sie den Text von Peter Turrini über seine Zeit mit Peymann.

Bevor Peymann 1986 an der Burg begann, schickte er mir, wie einigen anderen Schriftstellern auch, einen knappen Brief: „Woran dichten Sie gerade? Bitte dringend um Nachricht.“ Diese Frage hat seit Jahrhunderten in Österreich keiner mehr einem Dramatiker gestellt. Es war ein Geschenk für uns alle, dass da einer kam, der voller Neugierde für das Entstehende war. Peymann ist der theaterliebendste Mensch, der mir je untergekommen ist, aber natürlich auch ein totaler Kunstautist. An einem Heiligabend wollte er partout über eine Szene mit mir debattieren. Als ich ihm erklärte, dass ich an dem Abend bei meiner Familie sein wollte, sagte er nur: „Jetzt fängst du auch schon mit dem Kitsch an.“

„Wir haben wieder ein Stück!“

Nach einer langen Leseprobe in seiner völlig minimalistischen Wohnung im 19. Bezirk, in der wir zu zweit ein neues Stück mit verteilten Rollen lasen, bestellte er sich einmal telefonisch eine Pizza. Und kam überhaupt nicht auf die Idee, mir auch eine anzubieten. Aber nicht aus Geiz, er war immer großzügig, sondern aus seinem Autismus heraus. Vor Premieren legten wir uns manchmal gemeinsam auf den Boden des Direktionszimmers und machten Atemübungen, um unsere Anspannung kleiner zu machen. Auftragsstücke holte er sich prinzipiell persönlich ab. Das war ein Ritual zwischen uns. Er reiste zu mir ins Weinviertel, lief nach der Übergabe wie ein beschenktes Kind über die Wiese hinter dem Haus und rief: „Wir haben wieder ein Stück!“

Wir haben natürlich auch auf Tod und Teufel gestritten. Das ging sogar so weit, dass er mich von den Proben aussperren ließ. Einmal äußerte ich mich kritisch über die Art seiner Inszenierung bei einer Szene. Er rannte wütend davon, ich ihm hinterher, wobei ich versuchte, ihn mit österreichischer Schleimigkeit zu beruhigen. Er drehte sich nur kurz um und brüllte dann los: „Ich werde doch wohl wissen, wie man Turrini inszeniert!“

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