Unter der Routinekruste: Die Oscars 2015 gerieten überraschungsarm

Unter der Routinekruste: Die Oscars 2015 gerieten überraschungsarm

Zuckerguss statt Politik, Hedonismus statt Subversion: Die 87. Academy Awards in Los Angeles gerieten überraschungsarm. Ein Kommentar.

Es gab, zu bereits fortgeschrittener Stunde, einen Moment im Rahmen der Feierlichkeiten zu den diesjährigen Academy Awards, da meinte man seinen Augen und Ohren nicht zu trauen. Scarlett Johanssson fand in ihrer kurzen Präsentationsrede, die mit einer knappen Würdigung jener antirassistischen Märsche, die der Bürgerrechtler Martin Luther King im März 1965 veranstaltete, begann, süß lächelnd zu der bestechenden Überleitung, dass damals, vor exakt einem halben Jahrhundert, im Kino ein neuer Film gelaufen sei, den manche Leute heute noch – man müsste hinzufügen: seltsamerweise – als Klassiker begreifen: „The Sound of Music“, die Geschichte der Trapp-Familie. Und schon war die Politik, die man mit dem zu wenig gewürdigten King-Drama „Selma“ zu diskutieren gehabt hätte, vom Tisch und die einstmals subversive Lady Gaga mit einer kitschseligen „Sound-of-Music“-Hommage im Abendkleid auf der Bühne – was insbesondere in einem Jahr, da sich in den Schauspielkategorien kein einziges der vielen in Hollywood arbeitenden afroamerikanischen Talente fand, geradezu programmatisch wirkte.

Auch Regisseurinnen blieben heuer so gut wie abwesend, „Selma“-Spielleiterin Ava DuVernay wurde, als doppelt minoritär (schwarz und weiblich), schmählich übergangen, was bei der Zusammensetzung der 6028 wahlberechtigten Mitglieder der Academy andererseits nachvollziehbar erschien: Das Oscar-Gremium ist zu 94 Prozent weiß und zu 77 Prozent männlich – und 86 Prozent dieser Juroren sind über 50.


Wer hat diesem Hurensohn eigentlich seine Green Card verschafft?

Gegen solch biedermeierliche Zustände begehrten nur zwei auf: Die als beste Nebendarstellerin in dem ansonsten übergangenen Meisterwerk „Boyhood“ ausgezeichnete Patricia Arquette brach, sympathisch linkisch, mit Brille auf der Nase und Manuskript in der Hand, ein kleines feministisches Manifest für Lohnanpassung und Gleichberechtigung vom Zaun. Und der Drehbuchautor Graham Moore, prämiert für sein (adaptiertes) Script zu dem Alan-Turing-Biopic „The Imitation Game“, versuchte sich in schwulem Aktivismus, erzählte von seinem einstigen Außenseitergefühl und sprach allen, „die sich anders fühlen“, Mut zu. Auch sie könnten einmal auf einer solchen Bühne stehen, im Zentrum einer sie bewundernden Gesellschaft.

Die Hauptpreise des Abends (bester Film, beste Kamera, beste Regie, bestes Originaldrehbuch) gingen, wie erwartet, an den von zwei mexikanischen Künstlern, von Alejandro González Iñárritu („Wer hat diesem Hurensohn eigentlich seine Green Card verschafft?“, scherzte Sean Penn) und seinem Kameragenie Emmanuel Lubezki geprägten Film „Birdman“. Wes Andersons exzentrisches „Grand Budapest Hotel“ wurde dagegen einigermaßen unterschätzt, der Film gewann zwar ebenso viele Statuen wie „Birdman“, aber drei davon (neben der besten Musik) in „dekorativen“ Kategorien – in Szenen- und Kostümbild sowie Make-up und Frisuren. Die Oscars für Tonschnitt, Montage und besten Nebendarsteller (JK Simmons) machten den Indie-Schlagzeugkrimi „Whiplash“ zum dritten Gewinner des Abends. Die einzige Überraschung betraf den besten Darsteller: Eddie Redmayne nahm für seine Performance als Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ dem als sicheren Sieger geltenden Michael Keaton („Birdman“) die Trophäe ab. Der Krankheitsbonus funktioniert immer noch bestens: Als beste Hauptdarstellerin würdigte man Julianne Moore, die in „Still Alice“ mit Alzheimer zu leben lernen muss.


How did I get here?

Seltsam lustlos und teilweise auch sehr infantil („The Lego Movie“) lief der Abend so ins Leere; als wäre die Routinekruste nicht zu brechen gewesen: Conferencier Neil Patrick Harris blieb blass, seine scherzreduzierte Performance hatte mit der Schärfe früherer Oscar-Moderationen nichts zu tun. „How did I get here?“, fragte der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski, als er für sein sprödes Schwarzweißdrama „Ida“, das man zur besten fremdsprachigen Produktion erklärte, auf die Bühne gebeten wurde, ironisch – aber er hatte damit auch recht.

Wenn sich die Oscar-Show in diesem Stil weiterentwickelt, wird man 2028, mit Anbruch der 100. Academy-Awards-Gala, getrost durchschlafen können. Auch wenn man, zur Selbstvergewisserung, nebenbei noch Laura Poitras’ Whistleblower-Doku „Citizenfour“ auszeichnete: Konservativer als 2015 hat sich das ach-so-liberale Hollywood seit Jahren nicht mehr selbst gefeiert.