© Günther Pichlkostner/First Look/picturedesk.com

Interview
04/18/2022

Valerie Fritsch zum Ukraine-Krieg: "Luxus der Ferne"

Die Grazer Autorin Valerie Fritsch hat die Ukraine vor dem russischen Raubzug intensiv bereist. Sieben Antworten auf drängende Fragen.

von Wolfgang Paterno

profil: In der Ukraine tobt der Krieg. Haben Sie für sich selbst inzwischen eine Sprache dafür gefunden?
Fritsch: Ich muss auch in diesem Fall meiner mir lang gewachsenen Sprache vertrauen, sie ist mein Kopf-und Handwerkszeug, das für die Übersetzung, Ordnung und Unordnung jeder möglichen Welt dient. Sie arbeitet sich an den bloßen Ereignissen, der fremden und eigenen Betroffenheit ab, ist um größtmögliche Präzision bemüht-und trotzdem eine Annäherung, fehlerhaft und voller Lücken, aus dem Luxus der Ferne. Naturgemäß fehlt mir der unmittelbare Eindruck, dabei ist Krieg nicht nur eine geopolitische Entwicklung, sondern etwas sehr Intimes, ein Unglück, das den Menschen vor Ort konkret zustößt. In unserer Alltagssprache findet man die Spuren des Krieges in militärischen Begriffen, die, lange unbenutzt, innerhalb von Tagen ins private Vokabular aufgenommen wurden. Anderseits ringen viele damit, ihr Mitgefühl, ihre Unsicherheit und Wut mit besonderer Bestimmtheit auszudrücken.

profil: Für Ihren Roman "Herzklappen von Johnson &Johnson" recherchierten Sie unter anderem in der Ukraine. Wie erinnern Sie sich an das Land?
Fritsch: Ich fuhr mit meinem Lebenspartner einen großen Bogen von Österreich nach Kasachstan, die Ukraine war eines der ersten Länder auf dieser Reise. Mir sind die Straßen in Erinnerung, die so schlecht waren und voller Schlaglöcher, dass die Leute in galizischen Gegenden lachend sagten, wer geradeaus fahre, der müsse betrunken sein. Die Gastlichkeit war herzerfrischend, andauernd wurde man bekocht, zu Wodka eingeladen. Ich mochte die Landschaft, die schief stehenden Strommasten, die hölzernen Kirchen, von denen es in manchen Landstrichen fast so viele wie Häuser zu geben schien. Die Wälder von Bronitza nahe der Stadt Drohobytsch haben sich mir eingebrannt, in denen während des Zweiten Weltkrieges von den Nazis Massaker an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden. Heute erinnern, unter im Wind schaukelnden Bäumen, zehn Meter lange Grabplatten an die Grausamkeit und die Opfer. Viele Orte bergen den Schmerz der alptraumhaften Vergangenheit, von der die Ukrainer mehr als genug haben. Die Menschen, die ich damals kennenlernte, hatten dennoch eine eigene Fröhlichkeit, viele blieben mir als Freunde. Freunde, um die ich mir nun besondere Sorgen mache.

profil: Die deutschen Grünen fordern "schwere Waffen" für die Ukraine. Ist die Friedensbewegung am Ende?
Fritsch: Sie hat sich in Anbetracht der Umstände wohl an den Spruch erinnert: "Wenn du den Frieden willst, sei bereit für den Krieg."
profil: Boykottaufrufe gegen russische Literatur und Kultur sind zu vernehmen. Soll man Dostojewski noch lesen?
Fritsch: Man sollte immer lesen, vorrangig gute Bücher. Tote Autorinnen und Autoren für lebendige Politiker verantwortlich zu machen, halte ich für grundfalsch. Ein ganzes Stück Kultur und Literatur aus der Weltgeschichte herauszuschneiden, ebenso. Allein sich eine Form des Verständnisses für etwas Fremdes zu verbieten-Literatur ist immer auch ein Guckund Schlüsselloch in andere Welten, andere Seelen-scheint mir kontraintuitiv. Künstlerinnen und Künstler wiederum, die sich zum Propagandasprachrohr des Aggressors machen, zu boykottieren, um ebendieses Sprachrohr nicht zu verlängern, und somit der Menschenverachtung, die es verlautbart, keinen Raum mehr zu geben-dies halte ich für geboten.

profil: An den Grenzen der Ukraine spielen sich jeden Tag Familientragödien ab. Junge Männer fragen sich: illegal fliehen oder kämpfen? Was also tun?
Fritsch: Die Frage der Stunde-um die Antwort beneide ich niemanden. Viele erleben starke Zerrissenheit: als Bürger mit Freiheitsideal und als vom Krieg zutiefst beängstigter Mensch, mit oder auch ohne Familie. In beiden Fällen geht es um die Zukunft, wie man leben will und kann, wenn man überhaupt überlebt. Die eigene Handlungsfähigkeit in einem Krieg als militärisch unausgebildeter Zivilist zu bestimmen, muss einem trotz Kampfgeistes als haarsträubende Aufgabe erscheinen; nicht ausreisen zu dürfen, für unbestimmte Zeit von den Nahestehenden getrennt zu sein, wiederum als unmenschlich. Wer es über die Grenze geschafft hat, ist vielleicht beschämt vom Weg-Sein und erleichtert über das Da-Sein. Andererseits wollen bewundernswert viele kämpfen, Widerstand leisten. Zu diesem inneren Widerstand und seinen Handlungsmaximen kann man aber niemanden verpflichten.

profil: Der Ukraine wurde unlängst von einem österreichischen Autor nahegelegt, die Waffen zu strecken. Soll das von den Russen überfallene Land kapitulieren oder kämpfen?
Fritsch: Das Land hat sich längst dafür entschieden, sich erbitterst zu wehren. Den Gewalt-und Großmachtfantasien Russlands ist anders auch nicht beizukommen.

profil: Wagen wir einen Blick in die fernere Zukunft: In welchem Europa werden wir 2030 leben?
Fritsch: Ich habe keine Glaskugel und bin mit Prognosen komplexer, ständig dynamischer Systeme sehr vorsichtig, empfinde die jetzigen Ereignisse jedoch als Zäsur. Ob diese auch zur Zeitenwende wird, wird man sehen.

Valerie Fritsch, 32, zählt zu Österreichs wichtigsten Gegenwartsautorinnen. Die Grazerin, die sich selbst als "Schriftstellerin, Polaroid-Fotografin und Reisende" beschreibt, veröffentlicht seit 2015 im Suhrkamp-Verlag, zuletzt den Roman "Herzklappen von Johnson& Johnson" (2020),für den sie 16.000 Kilometer mit dem Auto von Graz nach Kasachstan reiste.