Viennale-Direktorin Sangiorgi: „Es reizt mich nicht zu provozieren“

Eva Sangiorgi ist seit Anfang des Jahres neue Viennale-Direktorin

Eva Sangiorgi ist seit Anfang des Jahres neue Viennale-Direktorin

Eva Sangiorgi, die neue Direktorin der Viennale, über die Verzichtbarkeit von Stars, ihre Ablehnung von Frauenquoten und das Erbe Hans Hurchs.

Interview: Stefan Grissemann, Fotos: Philipp Horak

profil: Sie hatten extrem wenig Zeit, Ihre erste Viennale vorzubereiten – nämlich kaum sechs Monate. Wie fanden Sie das?
Sangiorgi: Aufregend. Es machte mich schon nervös, aber ich dachte: Vielleicht sogar besser so! Ich sprang gewissermaßen in diesen Job, konzentrierte mich voll aufs Programm. Und die Zeit reichte, um eine gute Auswahl zu treffen. Natürlich reichte sie nicht, um die Organisation des Festivals zu reformieren, das ich in seiner Tradition aber ohnehin respektiere.

profil: Wird die Viennale 2019 ganz anders aussehen als Ihre erste?
Sangiorgi: Nein, ich halte die Grundideen dieses Festivals für gut und richtig. Aber für nächstes Jahr werde ich mehr Zeit haben, etwa um die historischen Programme intensiver zu bearbeiten und um wirklich das Gefühl zu kriegen, dass ich die Viennale als Ganzes manage. Es braucht eben Zeit, um im Detail zu verstehen, wie dieses Festival funktioniert, was es darstellt. Ich plane keine massiven Änderungen, werde der Viennale etwa keinen Wettbewerb verpassen, aber organisatorische Neuerungen wird es geben.
profil: Wie muss ein gutes Filmfestival aussehen und wirken?
Sangiorgi: Es braucht viel Interaktion, viele Gäste, aber nicht notwendigerweise große Stars.

Eva Sangiorgi: "Die alten Kategorien passen nicht mehr."

Eva Sangiorgi: "Die alten Kategorien passen nicht mehr."

profil: Ihr Vorgänger Hans Hurch liebte es, jedes Jahr einen – meist amerikanischen, weiblichen und betagten – Superstar einzuladen, um damit auch nicht-cinephile Menschen zu erreichen. Brauchen Sie so etwas nicht?
Sangiorgi: Ich verstehe die Strategie gut, aber ich würde keine Gäste einladen, die einst berühmt waren, aber schon lange keine Filme mehr machen, weil ich fürchte, dass dies nicht zum Rest meines Programms passen würde, das ja vor allem mit dem gegenwärtigen Zustand des Kinos befasst ist. Wir werden dieses Jahr viele renommierte Viennale-Gäste haben, aber keine Stars aus dem Studiobereich. Wir haben eher Personen eingeladen, die Regie führen – und sich über Kontakt zum Publikum freuen, für Gespräche zur Verfügung stehen. Das sind vielleicht keine ikonischen, aber faszinierende Figuren.

profil: Es gehört eigentlich zu den Stärken der Viennale, dass sie rote Teppiche und Star-Elite gar nicht nötig hat.
Sangiorgi: Ja, aber es gibt auch Menschen, die sehr bekannt sind und trotzdem künstlerisch avanciertes Gegenwartskino machen. Einige von diesen werden wir heuer bei der Viennale erleben.
profil: Abgesehen von Alice Rohrwachers bestechendem Märchen „Lazzaro felice“, das Sie als Eröffnungsfilm zeigen werden: An welche Regiekräfte oder Werke würden Sie denken, wenn man Sie nach den wegweisenden Filmen dieses Jahres fragte?
Sangiorgi: Da würde ich – neben Lee Chang-dongs „The Burning“, Jafar Panahis „3 Faces“ oder auch Brady Corbets „Vox Lux“ – „La flor“ nennen, ein knapp 14-stündiges, exzellent geschriebenes Epos des Argentiniers Mariano Llinás, das spielerisch und filmkennerisch zwischen den Genres wechselt, mal Thriller, dann wieder Musical ist, dabei sehr klug und unterhaltsam agiert.

Viennale-Trailer

profil: Stellen einen 14-stündige Filme nicht vor kuratorisch kaum lösbare Probleme? Man muss sie teilen, weil keinem Kinogänger zuzumuten ist, 14 Stunden lang en suite im Kino zu sitzen.
Sangiorgi: „La flor“ hat drei Teile, so wurde der Film konzipiert. Wir zeigen ihn eben an drei aufeinanderfolgenden Tagen.
profil: Zu Ihren allerersten Reformideen gehörte der Wunsch, die Trennung zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen aufheben zu wollen. Wie soll das in der Praxis funktionieren? Im Katalog wird auf einen Blick ersichtlich sein, welche Filme mit Schauspielern hergestellt wurden und welche nicht.
Sangiorgi: Ich will dem Publikum ja nichts verheimlichen. Ich vermische nur die Gattungen. Und auch Dokumentarfilme haben in der Regel Mitwirkende.

profil: Es geht Ihnen lediglich darum, Ihr Gesamtprogramm auch all jenen nahezubringen, die bislang bestimmte Katalogabteilungen aus Desinteresse überblättert haben?
Sangiorgi: Genau. Und manche Filme sind tatsächlich nicht zu definieren, etwa jene, die experimentell mit Archivmaterial arbeiten. Oder würden Sie Jean-Luc Godards jüngsten Film, „Das Buch der Bilder“, als Dokumentarfilm bezeichnen?
profil: Nein, eher als Essay.
Sangiorgi: Eben. Angesichts solcher Filme bräuchten wir noch mehr Kategorien als früher. Die alten Kategorien passen nicht mehr. Wenn man sich davon befreit, programmiert man auch viel freier und kümmert sich etwa nicht mehr dauernd um die Frage, ob Spiel- und Dokumentarfilme ungefähr gleichwertig vertreten sind. Die Viennale 2018 wird rund 130 abendfüllende Filme an 14 Tagen präsentieren. Punkt.
profil: Ist das nicht zu viel? Die meisten Menschen fühlen sich vom Viennale-Programm eher überwältigt als an der Hand genommen.
Sangiorgi: Vielleicht. Das Festivalangebot ein wenig zu reduzieren, ist eine Überlegung wert – aber das kann ich erst 2019 angehen. Heuer war dafür keine Zeit mehr.


Ich erkenne meine Persönlichkeit und meine Interessen in diesem Programm schon wieder. Dennoch lege ich Wert auf Kontinuität.

profil: Die sich abzeichnende Viennale 2018 erscheint sehr vertraut – strukturell und kuratorisch. Sehen Sie Ihre erste Viennale als eine Art Fortsetzung der Arbeit von Hans Hurch?
Sangiorgi: Ich erkenne meine Persönlichkeit und meine Interessen in diesem Programm schon wieder. Dennoch lege ich Wert auf Kontinuität, auf die Handschriften bestimmter Filmemacher, die mit der Viennale seit Langem verbunden sind. Das Erbe Hurchs, seine Perspektiven und Sensitivität, halte ich in Ehren – ich kannte ihn persönlich gut. Aber ich war auch überrascht, dass manche wesentlichen Regiekräfte bislang vernachlässigt wurden – der außerordentliche Amerika-Porträtist Roberto Minervini etwa.
profil: Hurch war in seinem Wesen und seinen filmischen Interessen sehr klassisch. Sie sind deutlich jünger, filmisch ganz anders sozialisiert. Insofern überrascht die Nähe Ihrer Programmierung zu Hurchs Vorlieben.
Sangiorgi: Mich interessieren schon auch andere Filme. Ich habe dieses Jahr sogar ein paar Werke hineingeschmuggelt, die vor einem Jahr übersehen wurden. Aber die Viennale 2017 wurde ja nur noch zum Teil von Hans programmiert.

profil: Sie sehen sich selbst seit Langem als Teil der „Viennale-Familie“. Wann besuchten Sie das Festival erstmals?
Sangiorgi: 2006, vielleicht auch ein, zwei Jahre später. Ich bin leider schlecht mit Daten. Seit 2012 war ich jedenfalls jedes Jahr in Wien, um für das Avantgarde-Festival, das ich in Mexico City gegründet hatte, Filme auszuwählen.
profil: Wie fanden Sie die Viennale als Gast?
Sangiorgi: Ich fand die Viennale großartig, aber natürlich interessierte mich nicht alles an den Programmen. Auf gewisse Filmporträts, dokumentarische Künstlerhommagen etwa hätte ich verzichten können. Sie fielen bisweilen allzu konventionell aus. Es geht mir immer auch um die Form, nie nur um thematische Linien.


Ich werde mich politisch jedenfalls nicht weit ins Lokale und Parteipolitische vorwagen.

profil: Hurch liebte die politische Provokation, die er mitunter auch strategisch einsetzte, um sein Festival zu bewerben. Könnte man sagen, dass Ihnen diese Art von Denken und Arbeiten gar nicht entspricht?
Sangiorgi: Ja. Es reizt mich nicht zu provozieren – und ich bin ja immer noch eine Fremde hier, nicht wahr? Das stünde mir gar nicht zu, das wäre zu narzisstisch. Ich finde auch, dass ein Filmfestival nicht das Zentrum der Welt ist, und ich hoffe, dass mein Programm schlicht durch seine Inhalte glänzt. Aber vielleicht werde ich mein natürliches Lächeln strategisch einsetzen.
profil: Sie werden also Ihre Funktion als öffentliche Figur nicht zu politischen Ansagen oder Interventionen nützen?
Sangiorgi: Das weiß ich noch nicht. Ich werde mich politisch jedenfalls nicht weit ins Lokale und Parteipolitische vorwagen, da ich erst seit sechs Monaten hier lebe und leider keine Österreicherin bin.
profil: Leider?
Sangiorgi: Ich komme aus Mexiko, wo ich 16 Jahre lang gelebt und gearbeitet habe, Teil des kulturellen und politischen Umfelds war – tatsächlich fühle ich mich als Mexikanerin, obwohl ich meinem Pass entsprechend Italienerin bin.

profil: Sie werden in Ihrer ersten Viennale-Rede also nicht politisch argumentieren?
Sangiorgi: Ich habe sie noch nicht vorbereitet, aber natürlich wird sie auch politisch sein, nur sicher nicht spezifisch österreichisch. Und sie wird in enger Verbindung zu den dezidiert politischen Filmen stehen, die wir zeigen.
profil: Werden Sie globale Themen wie Migration ansprechen?
Sangiorgi: Oder Zensur, wie sie etwa in China oder Russland geübt wird. Ja, darüber werde ich reden.
profil: Was sollte oder müsste die Viennale Ihrer Meinung nach denn leisten – abgesehen davon, gute Filme zu zeigen?
Sangiorgi: Ein Filmfestival ist ein soziales Ereignis, es muss Kommunikation zwischen Künstlern, Kuratoren und Publikum herstellen. Und es muss die Stärke des Kinos demonstrieren und festigen, das gesellschaftliche Ritual des gemeinsamen Filmsehens und -diskutierens feiern.

Eva Sangiorgi mit profil-Redakteur Stefan Grissemann

Eva Sangiorgi mit profil-Redakteur Stefan Grissemann

profil: Die Struktur der Viennale erscheint, insbesondere seit der wenig professionell betreuten Direktionsausschreibung im vergangenen Jahr, dringend reformbedürftig. Teilen Sie diese Meinung?
Sangiorgi: Ich muss sagen, dass ich das Ergebnis dieser Entscheidung bin, also fühle ich mich geehrt, weil sich erfahrene Fachleute beworben hatten, einige aus Österreich und andere aus dem Ausland. Ich denke, dass die Wahl nach professionellen Kriterien erfolgt ist. Ich glaube nicht, dass eine Notwendigkeit besteht, die Viennale umzustrukturieren. Aber wenn Sie sich auf das Team beziehen, werden wir sehen, wie gut meine erste Viennale intern funktionieren wird, bislang bin ich mit dem Team, das ich übernommen habe, aber sehr glücklich. Ich wollte keine Gruppe von Vertrauten mitbringen und hier eine Menge Leute ersetzen. Wir arbeiten miteinander in Vertrauen und Respekt. Ein paar personelle Änderungen habe ich dennoch bereits vorgenommen, die Zusammenarbeit etwa mit einigen Beratern aufgegeben.


Ich weigere mich, aus bloßen Gerechtigkeitsgründen ein Geschlechtergleichgewicht herzustellen.

profil: Die Programmauswahl in Cannes und Venedig wurde auch heuer heftig wegen des eklatanten Regisseurinnenmangels kritisiert. Insofern war es überraschend zu sehen, dass sämtliche Tributes und Hommagen Ihrer ersten Viennale rein männlich besetzt sind.
Sangiorgi: Stimmt. Und leider sind die Künstler, denen sie gelten, auch alle weiß und europäisch. Ich bin eine Katastrophe! Nein, im Ernst: Solche Dinge passieren eben, denn für mich haben Ideen kein Geschlecht. Irgendwann bemerkte ich, dass alle Tribute-Ideen, die ich dieses Jahr realisieren konnte, um männliche Regisseure und Schauspieler kreisten. Mir ist das Problem der Unterrepräsentation von Frauen im Kino bewusst, aber ich weigere mich, aus bloßen Gerechtigkeitsgründen ein Geschlechtergleichgewicht herzustellen. Es ist leider eine Tatsache, dass viel weniger Frauen Filme machen als Männer. Im Kurzfilmbereich haben wir interessanterweise praktisch gleich viele Frauen wie Männer. Aber auch das hat eben mit dem Umstand zu tun, dass Kurzfilme produktionstechnisch niederschwelliger, für Frauen leichter realisierbar sind.
profil: Sogar die große diesjährige Retrospektive, die sich um B-Pictures dreht, ist so gut wie komplett in männlicher Regiehand.
Sangiorgi: Allerdings: Da haben wir nur Ida Lupino – und unzählige Schauspielerinnen.

profil: Sie sind gegen Quoten?
Sangiorgi: Absolut! Es geht in der Kunst nur um Qualität, nicht um Geschlecht oder Zahlen.
profil: So argumentieren doch auch die männlichen Direktoren von Cannes und Venedig. Was entgegnen Sie denn Frauen, die sich empören, dass Sie Ihr eigenes Geschlecht nicht berücksichtigen?
Sangiorgi: Dass ich sie nicht ungeachtet der filmischen Qualität repräsentieren will. Ich würde mich mies fühlen, wenn ich den Film einer Frau vor allem deshalb auswählen würde, weil ich selbst eine Frau bin. Und ich würde hinzufügen, dass ich die Schwerpunkte der kommenden Viennale auch nicht deshalb gewählt habe, weil sie Männern gelten, sondern weil deren große Arbeiten aktuell stattfinden. Und wir eröffnen mit dem fabelhaften neuen Film einer Frau.
profil: Das Kino scheint immer deutlicher in zwei weitgehend getrennte Teile zu zerfallen: in jene Filme, die noch in die Kinos kommen – und in jene, die als Kunstprodukte im Festivalbetrieb reüssieren.
Sangiorgi: Auf einem Festival wie der Viennale sind Unterhaltung und Arthouse einander oft näher, als man glaubt. Mir geht es darum, in Wien das Kino in seiner gesamten Breite und Wirkmächtigkeit zu präsentieren. Insofern habe ich hier natürlich auch mit den Playern der Unterhaltungsindustrie zu tun. Aber ich bin als Festivaldirektorin nicht für alles offen: TV-Serien interessieren mich kaum, und ich finde auch nicht, dass man sie auf Festivals zeigen muss, um breitere Publikumsschichten anzuziehen. Denn Serien fachen die Leidenschaft fürs Kino nicht an.

Zur Person
Eva Sangiorgi, 40. Die gebürtige Italienerin, die seit 2010 das renommierte Ficunam-Festival in Mexico City geleitet hat, wurde im vergangenen Jänner, nach einer viel zu späten Ausschreibung, Nachfolgerin des überraschend verstorbenen Hans Hurch als Viennale-Direktorin. Der Zeitdruck war enorm: Bis März musste die Kommunikationswissenschaftlerin und Kunsthistorikerin noch ihr eigenes Festival abwickeln, ehe sie im April nach Wien zog und in bloß sieben Monaten ihre eigene Version der Viennale ins Leben rief. Wiens internationales Filmfestival beginnt sein 14-tägiges Programm am 25. Oktober.