Das Viennale-Programm 2015: Von der Schnauze bis zum Schwanz

Los geht es mit: Todd Haynes' Fifties-Melodram "Carol"

Los geht es mit: Todd Haynes' Fifties-Melodram "Carol"

Tiefes Leid, hohes Tier: Das Programm der Viennale 2015 hat heuer eine deutlich animalische Schlagseite.

Ganz ohne den medialen Unmut, den er sonst stets pünktlich (und PR-versiert) ein paar Tage vor Eröffnung der Viennale erregt, durchläuft Direktor Hans Hurch derzeit die Vorbereitungsphase seiner am 22. Oktober – mit Todd Haynes’ Fifties-Melodram „Carol“ – startenden Veranstaltung. Während man sich für zwei Wochen Filmhochbetrieb rüstet, gibt sich das Programm zwar unüberschaubar, aber politisch korrekt: Ein Spezialprogramm gilt Griechenlands Underdog-Kino, und den 26. Oktober begeht die Viennale im Gartenbaukino ab 10.30 Uhr als „Internationalfeiertag“, als Charity mit Flüchtlings- und Integrationsfilmen von Chaplin über Skolimowski bis Eastwood.

Todd Haynes im Gespräch mit Stefan Grissemann über seinen neuen Spielfilm "Carol" (Das Interview fand in englischer Sprache statt).

Abenteuerlustigen Cinephilen seien, zur ersten Orientierung, fünf zentrale Filme aus dem Dickicht des Programms ans Herz gelegt: die überirdisch schöne Martial-Arts-Abstraktion „The Assassin“ des taiwanesischen Meisters Hou Hsiao-hsien; Charlie Kaufmans verquere Puppentrick-Romanze „Anomalisa“ ; „In Jackson Heights“ , Frederick Wisemans Ode an die Multikulturalität eines New Yorker Stadtteils; Alex Ross Perrys Beziehungs-Indie-Schocker „Queen of Earth“ sowie Miguel Gomes’ dreiteilige Variation über „1001 Nacht“.

Der Besuch der alten Dame aus Hollywood ist fast schon ein Fixpunkt dieses Festivals: Nach Fay Wray (2001), Lauren Bacall (2004) und Jane Fonda (2007) soll heuer Stargast Tippi Hedren, 1963/64 Heldin zweier Hitchcock-Werke, für Gala-Glanz sorgen.
Die Tiere sind – von Laurie Andersons „Heart of a Dog“ bis zu Tippi Hedrens verzweifeltem Kampf gegen das aus der Luft attackierende Federvieh in Hitchcocks „The Birds“ – ein Leitmotiv dieses Viennale-Jahrgangs: Die „Animals“ genannte Festival-Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum bietet (bis 30.11.)eine „kleine Zoologie des Kinos“. In nicht weniger als 140 Exponaten unternimmt man da einen Streifzug durch 120 Jahre tierischer Filmgeschichte, nose to tail gewissermaßen. Fast alle großen Regiekräfte haben sich mit Tieren künstlerisch befasst: Rossellini, Bresson, John Ford und Pasolini taten es, Alain Resnais, Werner Herzog und Wes Anderson ebenso; Katzenliebhaber wie Maya Deren, Sasha Hammid, Chris Marker und Hundefreunde wie William Wegman produzierten Einschlägiges. Die Faszination ist erklärbar: Im Mysterium der Tiere liegt das dunkle Andere des Menschen, das entrechtete Double des humanimal.

Das sprachlose Leid des Bresson’schen Esels Balthasar bewegt tiefer als jedes Menschenmelodram, und Posthumanismus-Experimente wie das Hochseefischereispektakel „Leviathan“ weisen darauf hin, dass die Fauna lange vor dem Menschen da war und ihn überdauern wird. Das Zusammenspiel von Tier und Homo sapiens ist oft skurril, wie zwei Austro-Beiträge zu „Animals“, Peter Kubelkas „Unsere Afrikareise“ (1966) und Ulrich Seidls „Tierische Liebe“ (1995) belegen.

Die in dieser Schau antretenden Tiere sind nicht nur Lassie, Bambi und Schweinchen Babe, sondern durchaus exotischer: Es gibt hier Nashörner, Leoparden, Monster-Fliegen und Horror-Ameisen, zerstörerische Fantasy-Kreaturen wie Japans Godzilla und Hollywoods King Kong, dazu die irren Cartoon-Tiere Winsor McCays, Tex Averys, Chuck Jones’, Hayao Miyazakis sowie die gar nicht wortkargen Plastilin-Vierbeiner der Aardman-Schmiede. Die Wirkungsmacht der Filmtiere reicht locker auch in den digitalen Raum, wie die jüngste Arbeit dieser Schau, Kelsey Goldychs „Trash Cat“ (2015) beweist: Eine liebend gerne Papierkörbe umwerfende Hauskatze verschlägt es irrtümlich in den Desktop eines PCs, wo es aber glücklicherweise, ganz rechts unten, doch noch eine Rundablage umzuwerfen gibt.