Der Qualtinger wird da aus dem Ehrengrab geholt – und vor allem auch der Artmann. Bei Voodoo Jürgens spricht der Dialekt manchmal schlicht aus sich selbst heraus, die Sprache gewinnt dann eine materielle Qualität, die über das Geschichtenerzählen hinausweist, dazu ein paar Zeilen der Vorabsingle „Vaschwindn“ aus dem neuen Voodoo-Jürgens-Album „Gschnas“: „a gfüde stroßn / a zacha weg / a oschneida / den kana kennt / des reibawegal / gibts imma no / auf unauffällig / seil ma si o“. Vokale und Konsonanten tanzen Schlurfwalzer – Lautpoesie, gemma gedscho.
Man darf sich Voodoo Jürgens freilich nicht als Virtuosen vorstellen, seine Gesangsstimme lehnt sich teils doch schräg an die Musik, wackelt da ein bisschen herum wie Lou Reed in seinen besseren Tagen, fühlt sich in den Zwischen- und Nebentönen aber bald ganz wohl. Es ist eine Stimme, die Geister beschwören kann. Tom Waits wäre auch als Held und Vorbild zu erwähnen, Bob Dylan sowieso, Voodoo Jürgens hat in letzter Zeit aber auch viel afrikanischen Jazz gehört, das lässt sich an den teils deutlich freier arrangierten Stücken von „Gschnas“ nachvollziehen, bei denen, wie der Künstler jetzt ausführt, die Musik erstmals vor den Texten entstand.
„Ich bin kein großer Fan davon, immer alles gleich zu machen. Irgendwie muss man sich ja schon challengen, sonst wird es irgendwann doch fad“, erklärt Voodoo Jürgens mit von der Verkühlung schwer gechallengter Stimme. Also haben sie es diesmal eben ganz anders gemacht, zunächst als Band gemeinsam 16 Stücke eingespielt, mit denen Jürgens dann in sich und ans Texten ging. Das stellte sich als gröbere Herausforderung heraus: „Ich war ein paar Monate sehr allein mit diesen Stücken.“ Den dabei regelmäßig sich regenden Zweifel thematisiert Jürgens in dem gleichnamigen Stück: „er nimmt mi ei / setzt si hi / mocht si brad / nimmt si in raum / olle vier eckn, deckn und wänd“.
„Gschnas“ ist, nur damit an dieser Stelle keine Zweifel entstehen, ein echtes Meisterwerk, ein großes, wichtiges Album, mit dem Voodoo Jürgens und seine Band, die sogenannte Ansa Panier, nicht nur in ihrem eigenen Maßstab einen Meilenstein setzen. Die Stimmung erscheint, mit einigen Ausreißern ins Schalkige, trotzdem getrübt, auch das titelgebende Fest ist keine reale Party, sondern nur ein schöner Traum: „i wünsch ma / dass ollos a riesn gschnas is / und olle haun si ins kostüm / und es soi foschingskropfn regnan / zum vogaltaunz“.
Realität und Fiktion
Wo es Faschingskrapfen regnet, da lass dich ruhig nieder, aber halt die Augen auf bei der Senderwahl. Denn im Frühjahr 2026 bezeichnet „Vienna Calling“ keine Underground-Doku mehr, sondern eine hochgradig mittelmäßige ORF-Castingshow im Vorfeld des Song Contests. Die Szene, die darin vorgeführt wird, hat wenig mit der Welt zu tun, in der Voodoo Jürgens lebt. Sehr viel näher an der Wirklichkeit als dieses leider realistische Wettsingen ist die Fiktion in Adrian Goigingers Kinofilm „Rickerl“, dessen Titelrolle Voodoo Jürgens 2023 mit der Inbrunst des Phlegmatikers spielte – und dabei wohl mehr als ein bisschen von sich selbst auf die Leinwand legte. Die Rolle des um Familie und Publikum raufenden Neben- bis Nullerwerbsmusikers Erich „Rickerl“ Bohacek ist hart am Original angelegt und dabei originell genug, um Voodoo Jürgens einen Österreichischen Filmpreis als bester Darsteller einzubringen – im selben Jahrgang übrigens wie die ebenfalls vom Pop zum Schauspiel changierende, aber insgesamt doch deutlich mehr kunstfigurhafte Anja Plaschg alias Soap&Skin (für ihre Rolle in „Des Teufels Bad“).
Die real existierende Biografie des Voodoo Jürgens alias David Öllerer, geboren 1983 in Tulln, enthält Spuren von Boulevardklischees: der Vater ein Strizzi, der Bub ein Schulbetriebsskeptiker; abgebrochene Konditorlehre, Gelegenheitsjobs unter anderem als Friedhofsgärtner; erste Versuche mit der Punkband „Die Eternias“, Künstlernamenfindung, schließlich Durchbruch mit Wiener Slang-Poesie und Beislschmäh. Schon die erste Single, die Weltnummer „Heite grob ma Tote aus“ aus dem Jahr 2016, definierte den Style und den Habitus dieses Voodoo Jürgens, der sich aber nach eigenen Angaben doch sehr glaubhaft darum schert, eben nicht im Klischee zu versumpern oder immer wieder einem nostalgischen Schee-woars hinterherzutigern. Die Menschen mögen eine sehr konkrete Vorstellung davon haben, wer, wie, was Voodoo Jürgens ist; Voodoo Jürgens selbst geruht in aller Ruhe zu widersprechen: „Ich versuche eigentlich ständig, keine Comicfigur meiner selbst zu werden. Es geht mir auch nicht darum, etwas zu bedienen, was jemand von mir erwarten könnte. Zum Glück gibt es in der Musik immer wieder neue Türen, die man aufmachen kann. Und das Voodoo-Universum gibt da ja doch schon recht viel her.“
Ein Job namens „Musiker“
Relativ stabil bleibt freilich Herrn Voodoos deutliche und auch konsequent ausgelebte Abneigung gegen die angeblichen Notwendigkeiten des Popkulturbetriebs. Insta-Reels und TikTok-Features featuring Voodoo Jürgens wird man sich wohl auch weiterhin aufzeichnen können. Man hat sich die Karriere als Musiker ja nicht deswegen ausgesucht, weil man alles für den Erfolg tun möchte. Man möchte Musik machen, Konzerte spielen, Haltung bewahren, und wenn die Haltung darin besteht, schräg auf einem Barhocker zu thronen.
„Ich bin damit aufgewachsen, dass es immer geheißen hat, man kommt mit der Musik nicht durch. Von dem her war meine Erwartungshaltung nie sehr hoch. Die Idee, dass man von der Musik leben könnte, war nie mein Nummer-eins-Antrieb. Wünschen kann man sich das natürlich schon, aber dass das in meinem Fall so aufgeht, wie es aufgegangen ist, habe ich selber am wenigsten geglaubt. Ich war damals ja auch schon 30 Jahre alt. Bis dahin war mir ganz klar, dass ich immer irgendeinen Job machen werde müssen, der mir die Wohnung zahlt.“
Im Moment jedoch heißt dieser Job ganz wirklich und tatsächlich: Musiker. „Gschnas“ wurde im vergangenen Jahr im Studio Nord in Bremen aufgenommen, das in den 1960er-Jahren eines der ersten privaten Tonstudios Deutschlands war, untergebracht in einem umfunktionierten Tanzlokal aus dem späten 19. Jahrhundert. Ein Ort voller Geschichte, die ganz und gar nichts mit Wien zu tun hat. Heintje nahm hier seine Hits auf, Rudi Carrell spielte den Evergreen „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ ein. Und Voodoo Jürgens hat einen Schnupfen. Aber immerhin die Gewissheit, dass es in diesem Frühling sicher keine Faschingskrapfen mehr regnen wird.