Wildes Porträt von Helmut Berger feiert in Venedig Premiere

Wildes Porträt von Helmut Berger feiert in Venedig Premiere

Das Filmfestival Venedig zeigt nur einen einzigen neuen Film aus Österreich, aber der hat es in sich: In „Helmut Berger, Actor“ kommt der Dokumentarist Andreas Horvath dem einstigen Visconti-Star gefährlich nah.

Der Begriff Exhibitionismus ist fast zu schwach, um zu beschreiben, was in diesem Film passiert. Dabei beginnt es noch verhältnismäßig beschaulich: Helmut Berger räkelt sich im Bett, hinter sich eine Tapete mit zahllosen Fotos der jungen Brigitte Bardot. Mit wirrem Haar und halbnackt schlurft er durch seine Salzburger Wohnung zu einem mit den Überresten einer durchzechten Nacht bedeckten Tisch, zieht sich eine Hose über den faltigen Hintern und beginnt unverfroren zu onanieren. Theatralisch markiert Berger einen Orgasmus; irgendwann schreit er „Stop!“, lächelt ins Objektiv und sagt mit schnarrender Stimme: „I’m an actor.“

Man sieht schon: Es geht in diesem – als Dokumentarfilm angekündigten – Werk nicht nur um die Verletzung der Grenzen des sogenannten guten Geschmacks, sondern vor allem um die verschwimmenden Grenzen zwischen dem scheinbar Erhaschten und dem präzise Durchgestalteten. Der Weg vom nackten Sein zur Selbstdarstellung ist bekanntlich kurz, „Authentizität“ im Kino sowieso eine Schimäre. Aber „Helmut Berger, Actor“ hat zweifellos, auch wenn hier wohl vieles für die Kamera entworfen wurde, eine ganze Menge mit jenem Mann zu tun, der sich von der einstmaligen Superstar-Schönheit (unter anderem in den Filmen Luchino Viscontis) in das bereitwillig seine Exzentrikerrolle übernehmende Liebkind der Illustrierten- und „Dschungelcamp“-
Kultur verwandelt hat.

„Schrei nach Aufmerksamkeit, Nähe und Intimität“

Zur Nachstellung des eigenen Lebens gehört die Ausstellung des eigenen Körpers. Eine Masseurin bearbeitet den von blauen Flecken überzogenen Leib Bergers. Und immer wieder stellt sich der Porträtierte zur Schau, setzt dem (angenommenen) Voyeurismus seines Publikums (realen) Exhibitionismus entgegen; so blendet Berger Show und Wahn ineinander. Im Katalog der Filmfestspiele in Venedig, wo das Werk am Mittwoch dieser Woche uraufgeführt wird, findet sich ein Verweis auf den Wiener Aktionismus: Die Radikalität und Schonungslosigkeit, mit der Berger Emotionales und Körperliches preisgebe, habe Ähnlichkeit mit aktionistischen Methoden. Wenn dieser Vergleich letztlich auch ins Leere geht: Für den Salzburger Fotografen und Dokumentaristen Andreas Horvath, 47, dessen eher spröde Filmsprache ihn in Österreich Kinoszene zu einem (auch deshalb künstlerisch sehr freien) Außenseiter gemacht hat, sind die Detailaufnahmen des alternden Körpers seines Protagonisten ein gutes Mittel, um die „Schroffheit“ dieses Charakters, seinen „Schrei nach Aufmerksamkeit, Nähe und Intimität“ zu vermitteln.

Und tatsächlich ist Berger, 71, eine zwiespältige Figur: selbstverliebt und demütig zugleich, im Wechsel zwischen Depression und Angriffslust, so erhaben wie absurd. Man habe ihn vor diesem Projekt gewarnt, gibt Andreas Horvath zu; aber er habe unbedingt in die Welt des Helmut Berger eindringen, sich verwirren lassen wollen von „diesem charmanten Betrüger, diesem augenzwinkernden, dabei zutiefst ernsthaften nichtspielenden Schauspieler“. Und aus der Konfusion wächst ein Kampf, der hier immer herbere Züge annimmt: Denn Horvath gerät ganz persönlich an Berger, wird zu seinem Hassliebesobjekt – und droht an dem Projekt zu scheitern.

„Don’t hit me, you fucking asshole“

Denn Berger ist, bei allem Respekt, eine Zumutung. Er träumt, wenn er sich gerade nicht in cholerische Ausbrüche hineinsteigert, von Luxus, Adel und verflossenem Jetset – und beispielsweise davon, mit seinem Regisseur ein großes Erinnerungsbuch zu machen oder in ein kleines italienisches Lokal zu investieren. Das Verhältnis zwischen Horvath und Berger ist jedoch fragil: Der Star fühlt sich belästigt und ausgefragt, sein Gegenüber sei egoistisch und naiv, kenne das Geschäft nicht, sei überhaupt ein Langeweiler, was man als Dokumentarfilmer ja ohnehin naturgemäß sei. Er provoziert und erpresst seinen Regisseur, auch sexuell: Man könne nur arbeiten, wenn man einander physisch näherkomme. Horvath schweigt im Off zu alldem meist klug, aber schließlich endet auch seine Gelassenheit. Lärmend setzt er sich gegen Bergers Übergriffe zur Wehr („Don’t hit me, you fucking asshole“), in denen zwischen Abscheu und Anziehung kaum je zu unterscheiden ist.

Horvath meint im profil-Gespräch, er habe gewusst, worauf er sich einlasse: Berger sei ein schwieriger Mensch und bisweilen „sehr unkooperativ“, aber sein Film habe ja nicht nur infernalische, „sondern auch viele schöne und harmonische Momente.“ Aber punktuell habe Berger „eine Grenze überschritten“, sei „handgreiflich geworden“, was zu der lautstarken Konfrontation geführt habe.

„Jetzt musst du mit etwas fertigwerden“, gesteht ihm Berger in einem ungeahnten Augenblick: „Ich hab mich verliebt in dich.“ Horvath meint, es falle ihm schwer, dies zu glauben. Eben, entgegnet Berger, und er wählt einen Visconti-Titel von 1974: „Gewalt und Leidenschaft“. Seine Liebe sei gewachsen „wie ein Tumor“, sagt er noch. „Jetzt weißt du’s.“

Improvisation ist nicht das schlechteste Lebensprinzip

Die bewusst grenzwertige Form seines Films hat mit dem Ausnahmezustand zu tun, in die sich Horvath mit diesem Projekt selbst manövriert hat: Er setzt nervenaufreibende Horrorfilmmusik zu langen Einstellungen von Himmel, Wald und Regen, lässt dazu die telefonischen Konfliktbotschaften eines einsamen Filmdarstellers hören („Ich habe Angst vor dir, okay? Ausgeladen!“). Horvaths expressiver Minimalismus, der mit dräuenden Wolken und dramatischem Orchester arbeitet, passt in diesen Film der Extreme, in das Porträt eines Lebenssüchtigen, der umgeben von den Toten seiner Vergangenheit wohnt: Die Mutter lächelt aus einem Goldrahmen, daneben finden sich ein Visconti-Foto mit persönlicher Notiz und ein Bild von Romy Schneider. In diesem Umfeld wird Berger selbst zu einer Art Phantom – Horvath lässt ihn aus den Bildern verschwinden, blendet ihn weg wie ein Gespenst, das dauerhafte Präsenz nicht erlangen kann.

Und so kulminiert dieses späte Kapitel der Weltkarriere des Helmut Steinberger aus Bad Ischl in der vielleicht bizarrsten Selbstbefleckungsszene der Filmgeschichte: Berger masturbiert da noch einmal, diesmal expliziter, hysterisch brüllend, für seinen Regisseur, für die Kamera, mit Blick auf seinen Mentor, den Regisseur Luchino Visconti. Ob Helmut Berger diese Woche nach Venedig kommen wird, um die Weltpremiere jenes Films, der exklusiv ihm gilt, öffentlichkeitswirksam zu begleiten, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Berger hält sich seine Optionen weiter offen. Improvisation ist nicht das schlechteste Lebensprinzip.