© APA - Austria Presse Agentur

profil-Morgenpost
04/26/2022

Herz, Hirn und Talent

Vom Abgang eines geradezu bezwingend sympathischen Zeitgenossen – und von den Rückzugsgefechten, die wir alle führen.

von Stefan Grissemann

Die guten Kräfte treten ab, die Verluste summieren sich. Nach dem betrüblichen Ableben des weltweit akklamierten Universalkünstlers Hermann Nitsch vergangene Woche, dem die Coverstory des aktuellen profil gilt, gibt es seit vorgestern auch noch den Unfallstod des fabelhaften Willi Resetarits zu beklagen. Den Satz, mit dem unsere Nitsch-Strecke beginnt, könnte man mit einem bloßen Austausch der Namen auch auf Resetarits vulgo Ostbahn-Kurti münzen: „Es ist schwer, sich die österreichische Gegenwart ohne Hermann Nitsch vorzustellen.“ Tatsächlich fehlt nun auch Resetarits diesem Land in einem sehr elementaren Sinne: Denn an Menschen, die Herz, Hirn und Talent vereinen können, an unbeugsamen, dabei geradezu bezwingend sympathischen Kämpfern gegen politische und soziale Ungerechtigkeit ist die hiesige Kulturszene wahrlich nicht reich.

In einem profil-Interview vor fünf Jahren, das Sie hier nachlesen können, betonte der Burgenlandkroate, Musiker und Menschenrechtsaktivist Willi Resetarits die Unverzichtbarkeit von Freunden, also Gleichgesinnten, wenn man gesellschaftlich Relevantes auf die Beine stellen wolle. Zum Musizieren lade er sich ja auch seine Freunde ein. In der Sozialarbeit sei das nicht anders. „Um ein Projekt wie das Wiener Integrationshaus umzusetzen, brauche ich jemanden von der Wiener SPÖ, der sich Gehör verschaffen kann. Dann brauche ich Sozialarbeiter mit dem Schwerpunkt Flüchtlingsarbeit, einen Architekten und viele Helfer. Wie es der Zufall so will, habe ich diese Menschen immer in meinem Bekanntenkreis.“ Seine proletarische Herkunft hat Resetarits bei allem Erfolg nie verdrängt, sondern im Gegenteil zu einem Motor gemacht: „Man hat eine Verpflichtung sich zu engagieren, wenn man wie ich immer Glück im Leben gehabt hat.“ Persönliche Erinnerungen an Willi Resetarits wird in der kommenden profil-Ausgabe ein Ihnen sehr wahrscheinlich bestens bekannter Autor festhalten. Keine Spoiler!

Nichts los da draußen

Während diesem Planeten also der Grundstoff Menschlichkeit langsam auszugehen scheint (vgl. dazu die Weltnachrichten bezügl. Ukraine, Rechtsextremismus, Korruptionsaffären undundund), glimmen dennoch im – inzwischen nur noch ironisch so genannten – Homo sapiens da und dort noch Emotionen auf. Sollten Sie Sebastian Hofers laufende Serie zu den Basisgefühlen des privilegierten globalen Westens noch nicht kennen: dringende Empfehlung. Hofers „Lexikon der modernen Emotionen“ schlägt nämlich mutig eine Schneise durch die undurchsichtige Welt der zeitgemäßen Empfindungen. Im fünften Teil seiner Erkundungen geht er einem Gefühl nach, das er „Freiheitstress“ nennt. Damit meint er die seltsam durchkreuzte Sehnsucht nach den Abenteuern da draußen, die man einst, prä-Covid, so sehr zu schätzen wusste. Hofers Einlassungen zur neuen Unlust, das Haus „zum Spaß“ noch zu verlassen, kulminieren in dem schönen, auf einen Satz gebrachten Cocooning-Manifest: „Jeder Mensch ist eine Partyinsel.“

Einen in diesem Sinn zurückgezogenen Dienstag wünscht Ihnen

Stefan Grissemann