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Gesellschaft
04/21/2022

Sebastian Hofers Lexikon der modernen Emotionen – Nummer 5: Freiheitstress

Wie fühlen wir uns heute? Was spüren wir da eigentlich genau? Und ist das gut so? Eine Forschungsreise durch die Welt der zeitgemäßen Empfindungen.

von Sebastian Hofer

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Gefühl Nr. 5: Freiheitstress – das quälende Gefühl, dass man jetzt langsam wieder etwas erleben sollte.

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Auf ihrem äußerst empfehlenswerten Debütalbum formulieren die britischen Indierock-Musikerinnen Rhian Teasdale und Hester Chambers alias Wet Leg eine – bei mir – derzeit leider weit verbreitete Stimmung: „It used to be so fun / Now everything just feels dumb / I wish I could care.“ Tja, in der Tat, es machte früher solchen Spaß, jetzt fühlt sich alles bloß doof an, und ich wünschte, es würde mir etwas bedeuten. Das Stück, aus dem die Zeile stammt, heißt: „I Don’t Wanna Go Out“, und ja, der Pandemieknick macht sich tatsächlich bemerkbar. Die Welt steht mir wieder offen, aber, wenn ich ehrlich bin, will ich sie gar nicht mehr so dringend betreten. Die Verheißungen des süßen, unbeschwerten Lebens erscheinen mir derzeit irgendwie bitter. Einerseits ist das natürlich reine Gewohnheitssache. Die vergangenen zwei Jahre haben mir neben sehr vielem anderen auch gezeigt, dass ich in meinem höchstpersönlichen Lebensbereich, also: zu Hause, auch ganz ohne Feuerwehrfest, Praterdome oder Kellerdisco jede Menge Spaß haben kann. Eine der großen postdramatischen Erkenntnisse lautet wohl: Jeder Mensch ist eine Partyinsel.

Und wenn es gar nichts zu erleben gibt? Vielleicht müssen wir ja von einer Fear of Missing Nothing (FOMN) reden.

Andererseits lässt sich diese Empfindung auch andersherum fassen: Vielleicht liegt es nämlich gar nicht an mir, sondern an dir, an ihnen, an der Welt? Vielleicht will ich nur deshalb nicht so gerne raus und feiern gehen, weil es halt nichts zu feiern gibt oder weil es da draußen gar nicht so prickelt, wie ich gern glauben möchte?

Die große Angst, etwas zu verpassen, die Fear of Missing Out (FOMO), die einen früher einmal ja auch schon einmal erheblich gestresst und auf allerlei Veranstaltungen getrieben hat, ist einer neuen Furcht gewichen: Dem unangenehmen Verdacht, dass es da draußen gar nicht so viel zu verpassen gibt – oder zumindest nichts, was einen stressen müsste. Nennen wir es: Fear of Missing Nothing (FOMN). Und sagen wir einmal so: Danke, aber heute nicht.

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Wie oft habe ich dieses Gefühl: zwei bis dreimal wöchentlich, gehäuft an Freitagen und Samstagen

Mit welchen Gefühlen ist es artverwandt: Horror Vacui, Furcht vor der Freiheit

Wenn ich über dieses Gefühl ein Lied schreibe, trägt es folgenden Titel: Guat is gonga, nix is gscheng

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Bisher erschienene Teile: