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Kultur
03/08/2022

Wo die Götter leiden: Kinostart für "The Batman" und "The Card Counter"

Zwei neue Kino-Spektakel vermessen Amerikas Aggressionspotenziale: Es geht um ein urbanes Crime-Inferno, und den langen Schatten des Irakkriegs.

von Stefan Grissemann

Die Angst, die Brian Eno und David Bowie 1995 in ihrem Song "I'm Afraid of Americans" formulierten, ist begründet. Ein Land, in dem die Waffengewalt als Bürgerrecht gilt und die Demokratie nur ein Begriff ist, hinter der sich Korruption und Zynismus verbergen, verdient Misstrauen. Und dass Gewalt nur wieder Gewalt gebiert, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Zwei spektakuläre neue US-Kinoproduktionen befassen sich auf höchst unterschiedliche Weise mit der bangen Frage, wie man etwas so schwer Greifbares wie die Moral in einem Klima des Verbrechens und der Vernichtung noch aufrechterhalten kann.

Der eine dieser beiden Filme stammt aus dem Herzen der Industrie, aus Hollywood, er folgt der Logik der Konzerne: "The Batman" ist dennoch eine satisfaktionsfähige Parabel über die Unmöglichkeit, in einer brutalisierten urbanen Welt noch menschlich zu handeln. Der andere ist eine Arbeit vom entgegengesetzten Ende des Budget-Spektrums, ein Film aus dem Geist der Unabhängigkeit, inszeniert und geschrieben von einem großen Eigensinnigen des US-Kinos. Paul Schrader ("American Gigolo"; "Der Trost von Fremden"; "First Reformed"). "The Card Counter" zeichnet die Reise eines einsamen Profispielers nach, der seine traumatische Vergangenheit als amerikanischer Folterer im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis nicht hinter sich lassen kann. Er muss seinen Ausbildner, den Mann, der ihn damals psychisch versehrt hat, zur Strecke bringen. Schrader frönt, unterstützt von einem erstklassigen Hauptdarsteller (Oscar Isaac) seinem alten Bressonianismus, um einen existenzialistischen Noir herzustellen.

Fantasy-Spezialist Matt Reeves ("Cloverfield", "Planet der Affen") wagt mit "The Batman" dagegen einen Neustart der Kinoabenteuer um den seit 1939 aktiven DC-Comichelden. Robert Pattinson spielt ihn diesmal, depressiver denn je, wie Hamlet gepeinigt von der Erinnerung an seinen toten Vater. Reeves setzt die im Treibsand des Bösen versinkende City Gotham unter Dauerregen und in eine endlos scheinende Nacht, in der Batman und Catwoman (Zoë Kravitz) gegen den Sündenpfuhl der Stadteliten und einen maskierten Psycho-Terroristen namens The Riddler (Paul Dano) antreten, der die korrupte Stadt mit Morden und Bomben bestraft. Der seltsam dynamische Miserabilismus von "The Batman" verwandelt sich gegen Ende hin leider in allzu fettes Pathos, gegen das auch sein feines Ensemble (mit dabei: Colin Farrell, Jeffrey Wright, John Turturro) nichts ausrichten kann.

"God is an American" heißt es in dem eingangs erwähnten Bowie/Eno-Song noch. Ein Mensch, der anderen systematisch Schmerz zufügt, erhebt sich über diese, als wäre er der Allmächtige. Den Schaden, den er sich dabei zufügt, kann er nicht ermessen. Auch Superhelden sind zornige Götter, die keinen Ausweg aus den Moralsackgassen, in denen sie festsitzen, mehr kennen.