Ärztliches Versagen
„Ich habe im Zuge meines Lungenkrebses auch so meine Erlebnisse gehabt“, schrieb mir Freund und Kollege A. im letzten November. Was er danach berichtete, versetzte mich in fassungslosen Zorn.
Weil er unter ständigem Husten mit Fieberschüben litt, hatte er im Mai 2025 seinen langjährigen HNO-Kassenarzt aufgesucht. Der gab ihm folgenden Rat: „Gehen Sie runter zum dm, und kaufen Sie sich Spitzwegerichzuckerl. Die helfen bestimmt.“ A. konnte das, wie er schrieb, „nicht so recht glauben“ und ließ noch am selben Tag und auf eigene Kosten ein Lungenröntgen machen. Diagnose: Lungenentzündung. Nach zwei Wochen vergeblicher Behandlung wurde er abermals aktiv und veranlasste weitere Röntgenbilder und eine CT-Untersuchung. Das Ergebnis war niederschmetternd: Lungenkrebs mit zahlreichen Metastasen in Knochen und Organen.
Nun begannen endlich die notwendigen Therapien. Bei der ersten Besprechung mit dem behandelnden Lungenfacharzt erfuhr A.: Sein Krebs hätte schon im Jänner, also ein halbes Jahr früher, entdeckt werden können.
Damals musste er sich einer Operation am Knie unterziehen, und wie üblich wurde vor der OP ein Lungenröntgen gemacht. Der zuständige Arzt schrieb in den Befund, dass er eine verdächtige Stelle entdeckt habe und dass eine CT-Untersuchung anzuraten wäre.
Den Befund bekam der Patient nie ausgehändigt. Die Operateure auf der Orthopädie beachteten ihn nicht. So verlor K. fünf wertvolle Monate an Therapie.
Vor Kurzem ist Freund A., gerade 65, seiner Krankheit erlegen. Ob er sie überlebt hätte, wenn er früher behandelt worden wäre, wird man nie genau wissen, aber Tatsache ist, dass Ärzte, die es in der Hand gehabt hätten, frühere Rettungsmaßnahmen einzuleiten, das unterlassen haben. Desinteresse, Schlamperei, Verantwortungslosigkeit, Inkompetenz („Kaufen Sie sich Spitzwegerichzuckerl!“)? Alles miteinander. Wie ist das möglich?
Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass A. das Opfer einer höchst unglücklichen, aber nur ausnahmsweisen Verkettung von ärztlichem Versagen wurde. Man kann aber auch fragen, was vielleicht ganz allgemein an einem durchaus üblichen Umgang mit Kranken nicht stimmt, wenn deren Leben davon abhängt, ob medizinisches Personal bereit ist, seine Verantwortung wahrzunehmen. Darf ein aufmerksamer und sorgfältiger Umgang mit Kranken bloß ein Benefit sein, in dessen Genuss man vielleicht kommt, vielleicht aber auch nicht?
Krankenkassen und Gesundheitspolitik haben ein Patient:innenbild etabliert, das Kranke nur noch als Kostenfaktor zeigt. Es wurde beflissen von den Medien übernommen. Versicherte erscheinen als unvernünftige Wesen, die es vor der Inanspruchnahme von Leistungen zu sortieren, zu reglementieren, zu kanalisieren gilt. Facharztzugang, MR, CT – wirklich nötig? Ständig wird überlegt, wo man Barrieren einbauen könnte, damit sich Menschen, die um ihre Gesundheit bangen, nicht einfach bei kostspieligen Untersuchungsverfahren bedienen können.
Wenn letzten Endes eine lebensbedrohliche Erkrankung diagnostiziert werden muss, dann wird an Behandlungen in der Regel nicht gespart. Das schon. Aber bis dahin!
Nun sind die meisten Leute ja gar nicht darauf aus, von schweren Erkrankungen zu erfahren. Sie möchten vielmehr beruhigt werden. Sie glauben zunächst gerne, dass eine Computertomografie nicht nötig ist. Sie lutschen Hustenzuckerl. Sie möchten sich darauf verlassen können, dass der Arzt oder die Ärztin schon rechtzeitig das Richtige veranlassen wird. Sie wollen den Mediziner:innen ja vertrauen. Aber sie dürfen damit nicht in Lebensgefahr geraten. Und wenn sie glauben, es stimmt was nicht, dann darf man sie nicht zu hypochondrischen Depperln erklären, die frivol-leichtfertig die Kassen in den Ruin zu treiben versuchen.
Dass, wie im Fall von A., ein verdächtiger Befund, der noch dazu der Operationsfreigabe dienen sollte, einfach im Papierkorb landet, ist verstörend. Welche Kontrollmechanismen haben versagt? Man wüsste es gerne. Damit so etwas wenigstens nicht wieder passiert.