Während Frauen lernen, Räume einzunehmen, suchen viele junge Männer nach Orientierung – und finden sie bei den Falschen.

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„Fresse, Linker, dummer SauTrampel. Das Mullahregime ist für weltweit Millionen ermordete Menschen verantwortlich. Die endlich wegzubomben ist eine Heldentat wie die Landung der USA in der Normandie. Sie verblödete, dumme Fut“, schreibt „Burning Marx“ mir auf der Plattform X, nachdem ich einen Kommentar meines Kollegen Robert Treichler zu den aktuellen Vorgängen im Iran retweetet habe.

Solche Fanpost bekomme ich öfter. Ich sei hässlich, könne nicht reden, sei sowieso „fetzendeppert“ - sexualisierte Beschimpfung ist an der Tagesordnung. Ich bin damit bei weitem nicht alleine. Misogynie, Sexismus, das Verbreiten falscher Gerüchte oder Vergewaltigungswünsche erleben viele Frauen. Je höher sie in der Hierarchie sind, je lauter im öffentlichen Diskurs, desto heftiger fallen die Attacken aus.

Neu ist das alles nicht. Neu ist das Ausmaß. Und die Selbstverständlichkeit, mit der es passiert. Studien zeigen seit einigen Jahren, dass Online-Hass gegen Frauen deutlich zunimmt. Plattformen wie X sind Brandbeschleuniger: weniger Moderation, mehr Reichweite für Empörung; Algorithmen, die Konflikt belohnen.

Uga-Uga–Machismus

Das fällt nicht zufällig in eine Zeit, in der rechtspopulistische Parteien weltweit Aufwind haben und Figuren wie Donald Trump die politische Normalität verschieben. Der Feminismus, der lange wie ein relativ stabiler gesellschaftlicher Fortschritt wirkte, erlebt messbare Rückschritte. Rechte Parteien gewinnen Stimmen mit dem Versprechen, vermeintlich „natürliche“ Rollen wiederherzustellen: Frauen zurück in die Zuständigkeit für die Familie, Männer zurück in die Rolle des starken Entscheiders. Das Absurde: Immer mehr Menschen, ja, auch Frauen, lassen sich darauf ein.

Der Hass erfüllt dabei einen Zweck. Er soll nicht überzeugen, sondern verunsichern. Wer beschimpft, verspottet oder sexualisiert angegriffen wird, soll sich überlegen, ob er oder sie das nächste Mal wirklich noch etwas sagt. Es geht darum, am Sicherheitsgefühl zu rütteln – und Frauen subtil oder weniger subtil aus dem öffentlichen Raum zu drängen.

Auffällig ist, wer diesen Ton anschlägt. In den allermeisten Fällen sind es Männer, die Frauen so begegnen. Nicht alle Männer natürlich. Aber doch ist eine sehr große Mehrheit derer, die sich öffentlich auf diese Weise äußern, eben männlichen Geschlechts. Man könnte versucht sein, darin einen neuen „Kampf der Geschlechter“ zu sehen. Doch das greift zu kurz. Gleichberechtigung hat historisch nie ohne Verbündete funktioniert. Frauenrechte wurden immer auch von Männern vorangetrieben – von Vätern, Kollegen, Politikern, Aktivisten. Ohne diese Alliierten wäre vieles, was heute selbstverständlich scheint, nie erreicht worden.

Was ist ein „guter Mann“?

Das Problem ist nur: Während es heute relativ leicht erscheint, Frauen zu empowern – ihnen Mut zu machen, Räume einzunehmen und Netzwerke zu bilden - ist es schwieriger geworden, jungen Männern eine positive Rolle anzubieten.

Wo sind heute die Vorbilder, an denen man sich als junger Mann orientieren kann, ohne in alte Machomuster zurückzufallen? Was bedeutet Stärke, wenn Dominanz nicht mehr das Ziel sein soll? Wo zeigt sich Selbstbewusstsein, wenn „der starke Mann“ plötzlich als Problem gilt?

Die politische Rechte beantwortet diese Fragen sehr einfach. Sie liefert klare Rollenbilder, einfache Feindbilder und eine Sprache, die Stärke verspricht: Mann gegen Welt, Faust auf den Tisch, fertig. Figuren wie Andrew Tate verkaufen diese Mischung aus Männlichkeitsnostalgie und Social-Media–Provokation millionenfach.

Das ist widerlich – aber es funktioniert. Es ist eine unbequeme Wahrheit: Wenn wir wollen, dass die Gleichberechtigung weiterkommt, muss sich der Feminismus auch stärker damit beschäftigen, wie moderne Männlichkeit aussehen kann. Nicht als Rückschritt, sondern als Fortschritt. Männer, die Verantwortung übernehmen, ohne Dominanz zu brauchen. Männer, die sichtbar sind, ohne andere klein zu machen.

Denn eine Gesellschaft, in der Frauen sich ständig verteidigen müssen und Männer nicht mehr wissen, worauf sie stolz sein dürfen, wird auf Dauer für niemanden angenehm. Anders gesagt: Gleichberechtigung funktioniert am besten, wenn beide Geschlechter mitmachen. Und nicht nur eines laut genug schreit.

Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.