<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Deutsches Sommertheater

Bushido - <small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Deutsches Sommertheater

Die Skandale um den Künstler Jonathan Meese und den Rapper Bushido: Stress ohne Grund.

Also wirklich, da sind die Grenzen dessen, was Kunst darf, die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Davor muss das Volk beschützt werden. Deutschland hat seine Sommerskandale, und Medien, Politik und Justiz sind gerade dabei, sich gründlich lächerlich zu machen. Im Zentrum der Erregung: der Künstler Jonathan Meese und der Rapper Bushido.
Meese stand Donnerstag vergangener Woche vor Gericht, weil er bei einer Performance die Hand zum Hitlergruß gereckt hatte. Er wird der „Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen“ beschuldigt.

Ein Bushido-Song wurde am selben Tag von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt, darf also öffentlich nicht mehr verbreitet werden. Begründung: Das Lied „Stress ohne Grund“ enthalte schwulenfeindliche Parolen sowie Tötungs- und Gewaltfantasien. Die entsprechenden Textstellen zielen direkt auf die grüne Spitzenpolitikerin Claudia Roth, den SPD-Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit und den FDP-Politiker Serkan Tören. Alle drei haben angekündigt, Bushido deshalb zu klagen.

Bushido und Meese: Die wollen doch nur provozieren, heißt es nun allerorten. Da muss man allerdings fragen: So what? Hat Kunst nicht immer wieder das Publikum ganz gezielt vor den Kopf gestoßen?

Jonathan Meese ist einer der gefragtesten Künstler Deutschlands. Kenner zahlen heute bis zu 100.000 Euro für seine Gemälde, Skulpturen und Installationen. Seine anarchische, ironische und groteske Art und Weise, mit der er sich in seiner Arbeit mit deutscher Geschichte, deutschen Mythen und deutschem Wahn auseinandersetzt, ließ ihn zu einem Star der internationalen Kunstszene werden. Inzwischen ist Meese auch ein begehrter und gefeierter Bühnenbildner – demnächst bei der Produktion von „Parsifal“ in Bayreuth.

Dass er in seinen Performances und seinen jetzt bei Suhrkamp veröffentlichten Schriften viel wirres Zeug von sich gibt – wie über die angeblich notwendige „Diktatur der Kunst“, die Überholtheit der Demokratie und ähnlichen Unsinn –, ist, zugegeben, ärgerlich. Sein Werk fasziniert dennoch, ob man es nun mag oder nicht. Bitte googlen! Es zahlt sich aus.

Meeses Verteidigung vor Gericht erscheint zudem plausibel und vernünftig: „Ich mache doch nicht in der U-Bahn den Hitlergruß oder fordere im gefüllten Restaurant die Abschaffung der Demokratie. Habe ich nie getan, werde ich auch nie tun. Ich bin doch nicht bescheuert.“ In seinen Kunstaktionen müsse man „strikt trennen zwischen der Bühnenperson Jonathan Meese und dem mickrigen Privatmenschen Jonathan Meese“. Der Angeklagte Meese beruft sich auf die im Grundgesetz garantierte Freiheit der Kunst.

Jonathan Meese, ein Neonazi, ein gewaltverherrlichender Ewiggestriger? Sicher nicht. Der Prozess wurde vertagt. Blamiert haben sich die Richter jedoch bereits jetzt – da helfen ihre guten antifaschistischen Absichten nicht.

Dass sich Claudia Roth nicht freut, wenn in Bushidos Lyrik davon geträumt wird, auf sie zu schießen („und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz“), ist verständlich. Der Wunsch, der Freidemokrat Tören möge „ins Gras beißen“, ist für den Genannten ebenfalls unerfreulich. Wer aber glaubt, das wären konkrete Aufrufe zu Gewalttaten, weiß nicht, was Gangsta-Rap ist, jener Sprechgesang, als dessen herausragender deutscher Vertreter Bushido gilt.
Was dieses Hiphop-Genre so populär werden ließ (und auch in den Pop-Mainstream führte), ist gerade seine tabubrechende Unterschicht-Vulgarität, seine artifiziell übertriebene Glorifizierung von Gewalt, Kriminalität und Drogen. Das ist das spezifische Stilmittel des Gangsta-Raps. „Ich schieße nicht mit Kugeln, sondern mit Worten“, sagt Bushido. Und die Rap-Fans wüssten das und könnten damit umgehen. Den Jugendschützern aber muss gesagt werden: Jedes Shakespeare-Drama, jeder „Tatort“ stimuliert nicht weniger Gewaltfantasien als ein aggressiver Rap. Würde die in ihm ausgedrückte Mordlust für bare Münze genommen, Gangsta-Rap müsste als Ganzes verboten werden: Kaum ein Song kommt ohne „die Bullen“ aus, die es zu killen gelte.

Die Homophobie der Rap-Songs ist gewiss nicht sympathisch. Jugendgefährdend, wie Frau Roth besorgt annimmt, dürfte das freilich nicht wirklich sein. Da mag „Schwuchtel“ am Schulhof ein gängiges Schimpfwort sein. Aber die heutigen Teens und Twens hegen – das zeigen alle Untersuchungen – signifikant weniger Anti-Schwulen-Vorurteile als alle Generationen vor ihnen.

Es sollte doch in einer entwickelten Demokratie erlaubt sein, Quatsch, Falsches, auch Widerwärtiges – wie homophobe Ressentiments – zu äußern, ohne es gleich mit der Justiz oder Jugendschützern zu tun zu kriegen. Seltsamerweise kommen heutzutage die Rufe nach Zensur, nach dem Richter und nach Verboten weniger von rechter und konservativer, als von linker und grüner Seite. Der fortschrittliche Autoritarismus ist aber nicht viel weniger unangenehm als der reaktionäre, bitteschön.

Angesichts dieser entbehrlichen Skandale muss aber, Bushido paraphrasierend, den Deutschen geraten werden: Macht euch bitte keinen Stress ohne Grund!n

georg.ostenhof@profil.at