Christian Rainer: 44 - 4

Christian Rainer: 44 - 4

Was in vier Jahrzehnten wichtig war. Eine wahllose Auswahl.

Peter Michael Lingens hat es übernommen, über 44 Jahre profil zu räsonieren. Er räumt dabei mit dem Mythos auf, dass dieses Magazin früher viel besser war. (Das hören die Kolleginnen und Kollegen seit 43 Jahren.) Zwischen den Zeilen lese ich sogar, das Gegenteil sei der Fall. Danke, lieber Michael, ich gebe dieses Kompliment an deine Zeit als Herausgeber zurück; so sind wir pari. (Früher gab es übrigens eher mehr als weniger Sex-Cover, mindestens so viele Zeitgeschichte-Cover und auch damals regelmäßig Wissenschafts-Titelgeschichten; das lässt sich objektivieren. Und ja: 44 Jahre sind kein rundes Jubiläum. Aber ein hübsches.)

Ich erlaube mir daher, hier vier Dinge ins Gedächtnis zu rufen, die sich in vier Jahrzehnten tatsächlich verändert haben. Zum Guten oder zum Schlechten, irreversibel oder nicht, das lässt sich nicht in allen Fällen feststellen.

1. Was diese Zeitspanne von allen erinnerlichen unterscheidet: Eineinhalb heranwachsende Generationen (früher wären es zwei gewesen) in Westeuropa haben keinen Krieg erlebt, die jungen Männer mussten selber nicht kämpfen. Das hängt mit dem Schock des Zweiten Weltkrieges zusammen, auch damit, dass aus den Fehlern in der Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges gelernt wurde. Die schnelle Entwicklung der Europäischen Union und damit die zentrale friedenserhaltende Struktur in diesem Raum ist den 60 Millionen Toten geschuldet.

Was Frieden bedeutet, kann man sich nur im Krieg vorstellen. Anders gesagt: Nur wer Krieg erlebt hat, weiß um die privilegierte Situation von Frieden. So birgt die Ruhe über mehrere Generationen auch eine Gefahr: In wenigen Jahren wird es keine Zeitzeugen mehr geben, nicht unter den Bürgern Europas, speziell nicht bei jenen, die Fäden ziehen. Das entwertet schleichend die Bedeutung der Union im Bewusstsein ihrer Bewohner.
Hinzu kam eine große Portion Glück. Der Kalte Krieg hätte anders enden können, vor allem auf dem Alten Kontinent, und hier gerade in der Fugenlage Österreichs: mit kompletter Zerstörung, Auslöschung und atomarer Verseuchung auf alle Zeiten. Im Nachhinein betrachtet: War die Wahrscheinlichkeit, dass dies eintritt, geringer als 50 zu 50? Angesichts einiger verrückter und vieler kalt kalkulierender Politiker dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs wohl nicht; von der technischen Unzuverlässigkeit und Unbeherrschbarkeit der nuklearen Waffenarsenale ganz zu schweigen.
Unser Überleben ist ein Zufall.

2. Das Ende jener Zweiteilung Europas und der Welt ist denn auch das zweite augenfällige Ereignis. Ich spreche bewusst nicht von einem Ende der Teilung in eine demokratische und eine kommunistische Hälfte. Die Dinge sind komplizierter. Es ist ja eher der Sieg der Marktwirtschaft über die Planwirtschaft; hinzu kommen – zugegeben – Demokratisierung, Zivilisierung, größere Rechtsstaatlichkeit auch in den Ländern, die formal kommunistisch blieben, jedenfalls kein Mehrparteiensystem kennen, also China und andere.

Diese Entwicklung ist eine gute, das wissen die Österreicher in Grenznähe zum sowjetischen Einflussbereich besser als alle anderen; sollten es wissen. Aber die Differenzierung bleibt wichtig: So unwahrscheinlich eine Rückkehr zu staatlich gelenkten Wirtschaftssystemen erscheint, so unklar ist, ob sich Demokratien mit allen Bürgerrechten oder Einparteiendiktaturen mit Willkür statt Rechtsordnung oder Mischsysteme wie in Russland durchsetzen werden. Da gilt es, wachsam zu bleiben, für die eigenen demokratischen Errungenschaften und für deren Verbreitung zu kämpfen.

3. Ein politikfernes Feld mit politischen Implikationen: die Digitalisierung der Welt unter besonderer Berücksichtigung des Internets. Da hat sich Gewaltiges getan, unvergleichbar Größeres als in der Medizin (seit der Erfindung von Antibiotika wenig) oder der Mechanik (wir verwenden weiterhin den Ottomotor, eben 150 Jahre alt geworden, durch Ressourcenverbrauch und Erderwärmung vielleicht mitschuldig am Ende der Menschheit). In jedem besseren Digitalarchiv steckt heute mehr gespeichertes Wissen als in allen Büchern der Welt vor 44 Jahren, jeder PC-Prozessor kann schneller kombinieren als das menschliche Hirn (auch kreativer), vermutlich werden alleine per Facebook mehr Worte kommuniziert als mit Briefen, Telegrammen, Fernschreibern und Telefon im Jahr 1970.

Gut oder schlecht? Macht uns die Digitalisierung glücklicher? Eine Frage des Blickwinkels. Das Leben wurde schneller, spannender, auch unterhaltsamer. Die Arbeitswelt wurde produktiver, lästige Tätigkeiten sind automatisiert. Der Wetterbericht ist verlässlich geworden. Also eher alles besser. Die Kehrseite: Die Überwachung von jedem und allem ist Realität; alles von jedem wird in die Ewigkeit gespeichert bleiben. Das ist in guten Zeiten potenziell unangenehm; unter anderen politischen Verhältnissen kann die Allwissenheit gefährlich und tödlich werden.

Obacht also!

4. Schließlich, und damit verbunden: Die Freiheit des Einzelnen hat in den vergangenen 44 Jahren global zugenommen, viele Rechte wurden demokratisiert, die Akzeptanz von individuellen Eigenheiten ist gewachsen, Frauen (und Kinder) haben besonders profitiert. Die Welt ist liberaler und toleranter geworden. Das ist eine uneingeschränkt positive Entwicklung.
Und daran haben Medien mitgewirkt. Ganz besonders Magazine wie profil (natürlich auch online).

christian.rainer@profil.at