Christian Rainer: Blau kommt schicksalshaft

Christian Rainer: Blau kommt schicksalshaft

Worüber man zwischen zwei Wahlen so nachdenken muss.

Zunächst einmal denkt man darüber nach: Ist das Wort „schicksalshaft“, das da oben im Titel lautstark nach Aufmerksamkeit giert, nicht zu hoch gegriffen?

Der Duden – eigenartig übrigens, dass wir selbst dieses Buch der Bücher nun via Suchmaschine konsultieren, disruptiv, kostenfrei, offensichtlich finanziert über ein Online-Versicherungsvergleichsbanner, irgendwie beschämend, im Ergebnis aber breiter und präziser als im Papierformat – der Duden also definiert „schicksalshaft“ in zwei Bedeutungen: einerseits kausal „vom Schicksal bestimmt, ohne menschliches Zutun geschehend, zustande kommend und unabwendbar“, zweitens final als „jemandes weiteres Schicksal bestimmend, sich auf jemandes Leben entscheidend auswirkend“.

Ein Zufallstreffer: ein prächtiger Ansatz nicht nur, um das Wort „schicksalshaft“ zu hinterleuchten, sondern – wichtiger – als Erklärungsmuster für die brisante politische Lage in Österreich.

Voraussetzung: Die Wahlen in Oberösterreich und in Wien finden jenen Ausgang, der weithin erwartet wird. Für Oberösterreich umfasst diese Erwartung einen fulminanten Zuwachs der FPÖ, gravierende Verluste der ÖVP und wohl auch ein Desaster der Sozialdemokraten. Ich halte ein derartiges Ergebnis für wahrscheinlich. (Wenn Sie diesen Text lesen, wissen Sie mehr, falls die Wahl bereits geschlagen ist.) Für Wien lässt sich der entsprechende Sachverhalt präziser skizzieren, und er ist dramatischer: In der Hauptstadt geht es längst um die Frage, ob die Freiheitlichen an die SPÖ herankommen, sie ein- oder überholen. Die Wahrscheinlichkeit dieser Szenarien? Einfache Antwort: groß. Ich kenne niemanden – Minister und Wiener Stadtpolitik eingeschlossen –, der eine relative Mehrheit für Strache ausschließen wollte.

Voraussetzung somit gegeben. Käme es anders, könnte die FPÖ also etwa in Wien nicht zur Spitze aufschließen, wäre dies nicht per Umkehrschluss ebenso „schicksalshaft“ – zumal dies kaum nachhaltig ein Hinwegfegen des blauen Meinungsschleiers bedeuten würde.


Ich weigere mich, die naheliegende Antwort zu geben, wie sie vom durchschnittlichen Wähler bis zu den Durchschnittseliten weitergemurmelt wird.

Der Duden also. Beginnen wir mit der Frage, woher das alles rührt, ob ein entsprechendes Resultat der Wahlen „vom Schicksal bestimmt“ wäre, ob es „unabwendbar“ erscheinen müsste, dass Wien zur ersten westlichen Hauptstadt würde, in der eine extrem rechte, ausländerfeindliche Partei mit einem Obmann aus neonazistischem Umfeld zur stärksten Kraft erstarkte! Oder simpler ausgedrückt: Sind die anderen Parteien unschuldig daran, dass die FPÖ so stark wurde?

Ich weigere mich, die naheliegende Antwort zu geben, wie sie vom durchschnittlichen Wähler bis zu den Durchschnittseliten weitergemurmelt wird: dass nämlich die Regierungsparteien, die Faymanns, die Mitterlehners, die Häupls mit ihrer unentschlossenen oder mit mieser Politik die Wähler in die Arme Straches getrieben hätten. Ich halte es für zumindest möglich, dass objektive Umstände wie die österreichische Geschichte und die geografische Lage und subjektive Befindlichkeiten wie eine spezifisch österreichische Geisteshaltung in jedem Fall ein populistisch-dumpfes Lager befördert hätten. Oder einmal mehr anders ausgedrückt: Ich bezweifle, dass ein Kanzler Christian Kern und ein Vizekanzler Sebastian Kurz der Populismuswelle trocken entgegenschwimmen, das Wasser teilen, Strache aufhalten könnten.

Hinweise auf eine schicksalshafte historische Entwicklung sind also gegeben.

Und dann? Schicksalshaft heißt eben auch „jemandes weiteres Schicksal bestimmend“. Was kommt, wenn er kommt?
Ich erinnere mich gut an eben diese Überlegungen im Jahr 2000. In nachgerade perfider Weise wurde den Gegnern von Schwarz-Blau vorgehalten, sie hätten prophezeit, dass mit der FPÖ-Regierungsbeteiligung nationalsozialistische Umtriebe Platz greifen würden. Dabei hatte die überwiegende Mehrheit der Haider-Warner nur auf den zu erwartenden moralischen Bruch im Land und den Schaden im Ansehen international hingewiesen.

Jetzt? Anders. Einerseits hat sich die ausländerkritische Haltung der Bevölkerung im vergangenen Jahrzehnt verfestigt, das Wachstum hat sich selbstbefruchtend in kritischer Masse verselbstständigt, ist nicht mehr von der Nahrungszufuhr durch die FPÖ abhängig. Also wird die Partei wohl nicht wieder in sich zusammenfallen. Was kam, wird bleiben.

Andererseits: Allein durch die schiere Größe der Bewegung werden die Freiheitlichen das „Leben“ im Land „bestimmen“. Wo sie regieren, durch eigenes Anfassen. Wo sie in der Opposition sind, indem sie die Regierenden in deren Entscheidungen treiben. Neben der Größe aber auch durch ihre Methoden: Man erinnere sich an den Spitzelskandal, an die Buberlpartie, Böhmdorfer, Grasser, natürlich an die Hypo! Man denke durchaus an ungarische Verhältnisse

Ja, die Wahlen werden sich – ganz Duden – „entscheidend auf unser Leben auswirken“.

christian.rainer@profil.at