Christian Rainer: Die Lüge von der Lügenpresse

Christian Rainer: Die Lüge von der Lügenpresse

Van der Bellen hat gewonnen. Und Hofer auch. Und die Journalisten haben nichts falsch gemacht.

Die Titelgeschichte dieser Ausgabe betrachtet das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl aus zwei möglichen Blickwinkeln: War das nun ein deutlicher Sieg der Vernunft und damit ein Dämpfer für den rechten Nationalismus, ja vielleicht sogar der erste und richtungsgebende Rückschlag für jene globale Bewegung, in deren Zeichen das Jahr 2016 stand? „Spiegel Online“ schrieb in diesem Sinne noch am Abend der Wahl: „Das Land stoppt nach Brexit und Trump den weltweiten Siegeszug der Rechtspopulisten.“ Oder war es ganz anders, hat da der offizielle FPÖ-Parteikandidat zwei Mal an der absoluten Mehrheit gekratzt? War das, kühl bewertet, also das beste Ergebnis, das eine radikale rechte Partei unter lupenrein demokratischen Verhältnissen jemals einem Volk abgerungen hat? Sahen wir also am 4. Dezember den Höhepunkt des politischen Jahres und nicht die Wende?

Diese Titelgeschichte ist aus einer jener bemerkenswerten Diskussionen entstanden, die in der montäglichen profil-Redaktionssitzung häufig geführt werden. Einmal mehr wurde hier aus einer mit Argumenten unterfütterten Kontroverse ein mit Belegen abwägendes Stück Journalismus.

Weil das vielleicht von Interesse ist, zumal sich außerhalb der Medien-Blase ohnehin niemand vorstellen kann, was denn in einer Black Box wie der profil-Redaktion vor sich geht: Ich selbst neige konkret zur zweiten Interpretation der zurückliegenden Wahl. Ich finde es aber – gerade weil ich eine solide Meinung habe – umso spannender, diese Diskussion nun professionell aufgearbeitet im eigenen Magazin publiziert zu finden. (Und noch ein Outing, im Gegensatz zu dem eben beschriebenen weniger demütig als ein wenig eitel, dennoch im Kontext sinnvoll: Ich weiß nicht, ob Sebastian Kurz auch mit anderen Personen gewettet hat. Eine der Wetten über den Ausgang der Wahl, von denen der Außenminister jüngst sprach, wofür er dann von Herrn Strache mit dem Satz „Davor den Mund halten und danach mit vollen Hosen stinken“ bedacht wurde, war er mit mir eingegangen. Ich habe verloren. Der Außenminister hatte – schon vor einem Monat – auf „53 bis 55 Prozent für Van der Bellen“ gesetzt.)


Angesichts dieser Realität ist das Wort „Lügenpresse“ mehr als nur eine Beleidigung, es ist auch absurd.

Dieser Text soll allerdings keine mit lockerer Hand hingeworfene Erzählung aus dem Innenleben einer Redaktion und dem Außenleben eines Herausgebers bleiben. Vielmehr zielt er durchaus scharf: um mit einigen Missverständnissen, mit Kritik und auch mit massiven Vorwürfen rund um Journalismus aufzuräumen.

Dass wir in unserer Arbeit bemüht sind, penibel zu recherchieren, und dabei unterschiedliche Sichtweisen berücksichtigen, oft auch widersprüchliche Erkenntnisse auf einen Nenner bringen, habe ich anhand der aktuellen Titelgeschichte gezeigt. Angesichts dieser Realität ist das Wort „Lügenpresse“ mehr als nur eine Beleidigung, es ist auch absurd. „Lügenpresse“ wurde in den vergangenen Jahren von Politikern und deren Adepten hochgejazzt. Es wurde meist verwendet, um intellektuell anspruchsvolle Medien zu diskreditieren. „Lüge“ umfasst den Vorwurf, dass Journalisten wissentlich und heimlich die Unwahrheit veröffentlichen. Dieser Vorwurf selbst ist freilich eine Lüge (oder zumindest ein Hirngespinst, falls die Urheber dieses Vorwurfs ihn glauben). Ich kenne Journalisten, die fahrlässig handeln, wir alle irren manchmal, wir sind phasenweise verblendet. Ich kenne aber niemanden, der absichtlich die Unwahrheit veröffentlicht.


Das ist eine für jeden erkennbare Meinungsäußerung, mit Argumenten gestützt.

Im Widerspruch steht „Lügenpresse“ folgerichtig zu der damit stets einhergehenden Behauptung, dass wir Meinungsjournalismus machten. Wie ist es möglich, heimlich mittels Lüge zu arbeiten, wenn wir gleichzeitig Meinung statt Fakten publizieren? Ist es eben nicht. Am Beispiel des rezenten profil-Covers mit der auf Alexander Van der Bellen bezogenen Zeile „Es kann nur einen geben“: Das ist eine für jeden erkennbare Meinungsäußerung, mit Argumenten gestützt, als journalistische Form vor Wahlen – nicht nur – im angloamerikanischen Raum gang und gäbe.

Schließlich: In den USA kam die Presse abseits des Lügenvorwurfs in die Kritik, weil die Journalisten sich nicht mit den Wählern beschäftigt und daher Trumps Potenzial unterschätzt hätten. Die entsprechende Kritik in Europa: Die Medien hätten „in ihrer Blase“ die Haltung der Bevölkerung gegenüber Ausländern und in der Folge die Sprengkraft des Migrationsthemas negiert. Das Resultat: Brexit, AfD, Hofer. Ich denke: Einerseits wird der Einfluss unserer Berichterstattung auf das Verhalten der Menschen überschätzt. Das galt schon in Zeiten von Jörg Haider, das gilt erst recht angesichts von Facebook oder Twitter. Andererseits haben wir Journalisten schnell gelernt, und wir beschäftigen uns nun bis zum Abwinken mit der Befindlichkeit der Menschen. Drittens aber: Dieses Interesse für die Einstellung, die Emotionen, die Ängste der Bürger bedeutet nicht, dass Journalisten diese Gefühle teilen oder gar gutheißen müssen. Dass wir Wahrheit von Unsinn, Sinnvolles von Sinnentleertem, Van der Bellen von Hofer, Gut von Böse zu trennen versuchen, bleibt unsere Aufgabe. Auch und gerade in Zeiten von Irrationalität und dumpfen Gefühlen.

christian.rainer@profil.at
Twitter: @chr_rai