Christian Rainer: Fragen über Fragen

Christian Rainer: Fragen über Fragen

Hier folgen einige Antworten und noch mehr an Ungewissheit.

Wer wird Bundespräsident?

Keine Ahnung. Aber mit dem zu Optimismus Anlass gebenden Hinweis, dass ich bei Wahlprognosen immer irre, tippe ich auf Norbert Hofer. Die FPÖ hat noch Geld für den Wahlkampf und kann besser mobilisieren als die Grünen.

Schadet der Brexit Hofer?

Der Brexit ein Weckruf? Dann schadet er nicht. Denn das Gejammere in Großbritannien wird in Österreich auf taube Ohren stoßen. Unsere Landsleute werden sich so lernfähig zeigen wie beim Hypo-Skandal und Hofers Austrittsdrohungen überhören: Zuletzt wählten 58 Prozent der Kärntner den Kandidaten jener Partei, die ihr Land in die Pleite führte.

Und was nützt Van der Bellen?

Die Österreicher haben sich an den Gedanken gewöhnt, dass er ihr neuer Bundespräsident ist. Noch einmal umdenken, das liegt nicht in unserer Konstitution.

Was hat die Briten zu ihrer Entscheidung getrieben?

Die Ausländer. Obwohl es da einen Kanal und keinen Flüchtlingsstrom gab. Bei der Frage nach ihren Motiven nannten sie Migration, Islam und Terror – und erst an vierter Stelle kam das ungeliebte Regime in Brüssel.

Die wichtigste Aufgabe der Union ist daher …

… die Migration in den Griff zu bekommen, also die EU-Außengrenzen komplett dicht zu machen. Das Kurz-Modell. Das ist ein Gedanke, der mir zuwider ist, aber die Alternativen für Europa sind fatal: Rechte Populisten würden schnell übernehmen und Demokratie und Gesellschaftsordnung aushebeln.

Wird die EU in einer Form überleben, die wir in zehn Jahren als EU wiedererkennen?

Wahrscheinlichkeit: 51 Prozent. Falls etwa Frankreich kippt, ist es vorbei. Dort hält Marine Le Pen bei Umfragen eine relative Mehrheit. Sie will den Austritt, und ewig kann man den Franzosen eine Abstimmung nicht verweigern. Damit wäre auch der Euro am Ende, wirtschaftliches Großchaos unausweichlich.

Warum will da noch jemand Politiker werden?

Das Argument, Manager wollten sich die Politik angesichts von Gehaltsverzicht und gnadenloser Öffentlichkeit nicht mehr antun, ist dummes Gerede. Einerseits: Ich kenne nur wenige Menschen, die das Zeug zum Minister haben. Andererseits würde fast jeder Manager bereitwilligst Ja sagen, wen man ihn nur fragte. Einmal „Minister“ auf der Visitenkarte, das ist fürs Ego so gut wie der Seitensprung mit Marilyn Monroe (bzw. George Clooney).

Warum wollte Kern Kanzler werden …

… und auf drei Viertel seines Gehalts verzichten? Bundeskanzler ist nicht der Seitensprung, das ist die Ehe mit Marilyn Monroe: kurz und heftig und vor allem sehr öffentlich und damit der Eitelkeit dienlichst (passt in dem Fall nicht, Kern ist ja glücklichst verheiratet). Bei Kern kommt dazu oder kommt davor: Er ist nicht nur eine Rampensau, sondern ideologisch stark wie ein Bär. Noch tiefer geerdet, und er hätte sich gegen die Politik und für die Befreiungstheologie entschieden.

Wird es vorgezogene Neuwahlen geben?

Ich glaube nicht (aber was meine Prognosen betrifft, siehe oben). Da kann doch keiner etwas gewinnen.

Warum dann die kursierende Vermutung?

Ausnahmslos alle Spitzenpolitiker der SPÖ sagen mir, Mitterlehner lege es auf Neuwahlen an. Ausnahmslos alle Spitzenpolitiker der ÖVP sagen mir, Kern lege es auf Neuwahlen an.

Das spricht aber nicht für ein gutes Klima in der Koalition?

Selten habe ich so viel Misstrauen zwischen zwei Regierungsparteien erlebt. Gut aufeinander zu sprechen sind eigentlich nur Kern und Mitterlehner, abseits der beiden Flitterwöchner wird belauert und belagert.

Wann kommt Kurz?

Man erlebt den Außenminister derzeit zwischen Hybris und Zynismus. Das zeugt von einem realistischen Blick auf die eigenen Erfolge und jene der Volkspartei.

Und wer wird ORF-Generaldirektor?

Auch ein offenes Rennen. Beide Kandidaten geben sich siegesgewiss, Wrabetz etwas gewisser. Wrabetz ist der flexiblere Taktiker, Grasl im Mächteapparat fester vernetzt. Wrabetz lockt mit Kontinuität, Grasl mit dem Versprechen von Diskontinuität.

Kommt da noch ein Überraschungskandidat?

Den würde die SPÖ suchen, behauptet die ÖVP. Den würde die ÖVP suchen, behauptet die SPÖ.

christian.rainer@profil.at