Leitartikel

Herbstzeitlose

Es wird ein Winter wie nie. Eindrücke aus Potsdam und aus Österreich.

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Die Herbstzeitlose ist die bekannteste Pflanzenart aus der 100 Arten umfassenden Familie der Zeitlosengewächse. Sie blüht im Spätsommer und Herbst. Ihre Wirkstoffe werden gelegentlich in der Medizin eingesetzt. Die Herbstzeitlose wurde 2010 zur Giftpflanze des Jahres gewählt. In der Literatur wird bei irrtümlicher Einnahme eine Sterblichkeit von 90 Prozent angegeben. Besonders Kinder sind gefährdet.

Am vergangenen Freitag war kalendarischer Herbstanfang. Mein Kollege Wolfgang Paterno schrieb für jenen Morgen einen wunderbar nachdenklichen Newsletter, der mit Poesie über Corona und Krieg hinwegtanzt. „Verwelkt und sinkt ins Grab“, zitiert Paterno da Heinrich Heine. Das war meine Verbindung zu jener schönen und tödlichen Blüte.

Unsere Newsletter finden Sie online auf profil.at, Sie können die „Morgenpost“ dort auch kostenfrei abonnieren. Wir haben unseren digitalen Auftritt vergangene Woche – nach eineinhalb Jahren Vorbereitung – übrigens (ich mag dieses Wort gar nicht) völlig erneuert. Die Inhalte hatten wir schon davor stetig angereichert. Jetzt sind auch Optik und Funktionalität am Stand der Zeit. Wir denken, das Ergebnis ist wunderschön und die richtige Entsprechung zur Printausgabe und zum E-Paper. Aber sehen Sie selbst!

Lassen Sie mich heute bloß ungeordnet weitere Gedanken zum Herbst 2022 niederschreiben! „Ungeordnet“ ist da kein Ausdruck von mangelnder Anstrengung oder von fehlender Übersicht. Vielmehr ist die weltweite Unordnung ja genau das, was wir gerade erleben. Wer darüber hinweggeht und Gewissheiten vermittelt, hat die Brisanz der Situation nicht erkannt; wenn Politik und Medien jetzt zu viele Gewissheiten behaupten, werden sie handlungsunfähig – zumindest die Politik –, und beide werden unglaubwürdig. Noch einmal ein Hinweis auf unseren Newsletter: Franziska Tschinderle schrieb dort am Donnerstag von „fünf Lehren, die wir aus der Putin-Rede ziehen können“. Ein perfekter Text, der einordnet, ohne Ordnung zu simulieren.

Die Verbindung aus der Unmittelbarkeit der Handlungsmöglichkeiten und der Unordnung der Verhältnisse ist die große Herausforderung, die uns nun alle trifft.

Wladimir Putin. Um ihn geht es, wenn wir von einem „Winter wie nie“ sprechen. Ja, jeder europäische Kriegswinter war ungleich schlimmer. Aber wer von uns hat denn schon 1939 bis 1945 erlebt? Und können wir uns sicher sein, dass 2022/2023 in Mitteleuropa kein Kriegswinter wird? Ben Hodges, der ehemalige Oberkommandierende der US-Landstreitkräfte in Europa, glaubt nicht, dass Putin seine Drohung mit einem Nuklearschlag wahr macht, ausschließen kann er es im Interview mit Robert Treichler in dieser profil-Ausgabe aber auch nicht.

Ich hatte Hodges vor zwei Wochen in Potsdam beim M100 Sanssouci Colloquium kennengelernt, so war die Verbindung entstanden. M100 ist ein alljährliches kompaktes Treffen von Wissenschaftern, Journalisten und Politikern (bitte gegendert denken!), das ich am Rande für profil mitgestalten darf. Heuer war Olaf Scholz bis spät in die Abendstunden anwesend. Er übergab einen Award an das ukrainische Volk, repräsentiert durch Wladimir Klitschko, den Bruder des Kiewer Bürgermeisters. Dieses zeitintensive Engagement des deutschen Bundeskanzlers im Rahmen einer akademischen Veranstaltung zeugt von der Notwendigkeit symbolischer Politik in einer Zeit, die es uns im Westen nicht erlaubt, unmittelbar in das Geschehen einzugreifen; die es uns eben auch nicht erlaubt, faktische Gewissheiten festzustellen oder zu schaffen. Seien wir uns ehrlich! Wir bestimmen mit Sanktionen gegen Russland und mit Waffenlieferungen nicht das Gesetz des Handelns. Trotz aller Geländegewinne der Ukrainer: Putin entscheidet mit Gas und dem nuklearen Arsenal weitgehend allein, was uns in diesem Winter erwartet.

Aber ich wollte Ihnen hier noch ein paar Eindrücke aus Potsdam vermitteln, wo für Stunden doch einiges an jenem Wissen und an jener Macht zusammenkam, das den Umgang mit Russland bestimmt. Darüber hinaus spiegelte eine Anzahl junger Journalistinnen und Journalisten aus der Ukraine, was vor Ort von diesem unserem Umgang gehalten wird (es deckt sich mit den nachdrücklichen Wünschen von Selenskyj). Grundsätzlich unterschied sich die Befindlichkeit der Teilnehmer von vorangegangenen Konferenzen durch die Unmittelbarkeit des Gesagten und des Gedachten. Hatte man in der Vergangenheit zurückgelehnt über die mittelfristige Entwicklung internationaler Kräfteparallelogramme reflektiert oder über das Verhältnis zwischen Politik und Öffentlichkeit, so ist 2022 in voller Härte das Hier und das Jetzt eingekehrt.

Diese Verbindung aus der Unmittelbarkeit der Handlungsmöglichkeiten und der anfangs geschilderten Unordnung der Verhältnisse ist die große Herausforderung, die uns nun alle trifft. Was immer jede und jeder Einzelne denkt, sagt, tut, hat Auswirkungen in der unmittelbaren Zukunft. Die Auswirkungen mögen je nach unseren Funktionen in Staat und Gesellschaften unterschiedlich gewichtet sein. Qua demokratischer Repräsentation ist „das Volk“, sind die Völker aber derzeit so wirkungsmächtig wie schon lange nicht. Im Kleinen sehen wir das an der Positionierung der österreichischen Präsidentschaftskandidaten zum Krieg in der Ukraine, etwas größer bei der bangen Frage, ob die rechtsradikale italienische Politikerin Giorgia Meloni und ihre potenziellen Bündnispartner bei den Russland-Sanktionen ausscheren würden.

Die Verantwortung liegt bei uns allen. Es wird ein Winter wie noch nie.

Christian   Rainer

Christian Rainer

Chefredakteur und Herausgeber