Leitartikel

Christian Rainer: Immunantwort

Die Ökonomie gibt sich robust im Angesicht der Pandemie. Warum nur?

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Es juckt mich, dem Leitartikel in dieser Woche folgendes Zitat voranzustellen: "Wir alle haben ein intaktes Immunsystem, und ein intaktes Immunsystem macht den Menschen stark gegen jede Art von Virus und alle Mutationen, die jetzt von irgendwoher neu entdeckt worden sind. Es wird von Tag zu Tag stärker und die Gegner schwächer." Liebe Leserinnen und Leser, Sie wissen wahrscheinlich, wer diesen Satz von sich gegeben hat: Herbert Kickl, unter Missachtung der Corona-Schutzmaßnahmen, bei einer Kundgebung vor zwei Wochen in Wien. Und Sie wissen auch, worauf ich hinauswill: Manfred Haimbuchner, neben Kickl und neben Norbert Hofer der dritte starke Mann in der FPÖ, wurde am Donnerstag der vergangenen Woche mit Covid-19 im Linzer Kepler Uniklinikum aufgenommen und am Freitag auf die Intensivstation verlegt, wo er künstlich beatmet werden musste.

Ich wünsche dem oberösterreichischen FPÖ-Chef wider die mörderisch verharmlosenden und rassenhygienisch aufgeladenen Worte seines Parteifreundes eine baldige und vollständige Genesung.

Ich beginne diesen Text nun ein zweites Mal und mit einem ungleich harmloseren Zitat. Die Chefin der Erste Bank Österreich, Gerda Holzinger-Burgstaller, sagte unlängst in einem Gespräch mit der "Presse": "Ich glaube nicht an die große Insolvenzwelle, die immer wieder thematisiert wird. Viele Branchen haben gut performt, Industrie und Bauwirtschaft sind relativ gut durch das Jahr gekommen." Diese Einschätzung widerspricht der notorischen Ausschilderung von Corona als der größten Wirtschaftskrise seit 1945, sie widerspricht auch unserem persönlichen Augenschein, erst recht dem Wehklagen vieler Unternehmer. Ich teile jedoch Frau Holzinger-Burgstallers Befund (was ich an dieser Stelle schon mehrfach zu Papier gebracht habe).Lassen Sie mich noch einmal die Argumente zusammenfassen und auf die Unwägbarkeiten hinweisen!

Die Erste-Bankerin benennt präzise jene Relationen, die bei oberflächlicher Betrachtung gerne übersehen werden: Die bei Produktion und Beschäftigung wichtigsten Unternehmen haben 2020 recht normal weitergearbeitet, ebenso viele große Handelsketten und Dienstleister (und natürlich der staatsgetriebene Sektor, die Lehrer, "die Beamten").Das zeigt sich in diesen Tagen anhand der frisch veröffentlichten, ordentlichen Geschäftszahlen. Unser Trugbild entsteht, weil das öffentliche Leben in Form von Gastronomie, Hotellerie, Tourismus, Kunst und Kultur zum Erliegen kam. Deren Anteil an der globalen Wirtschaft entspricht aber keinesfalls diesem Bild. Und auch unser Bild von der Welt ist falsch, da wir diese Welt meist nur im schmalen touristischen Umfeld oder in Konferenzhotels erleben. Indien ist nicht Ayurveda in Goa, und die USA bestehen nicht aus Disneyland und den Niagarafällen. Tatsächlich ist Österreich allerdings genau deshalb (und nur deshalb) stärker betroffen: weil der Anteil des Tourismus am österreichischen Bruttoinlandsprodukt um Dimensionen größer ist als der weltweite Schnitt.

Hinzu kommt: Viele gewichtigen Industrienationen haben das Wirtschaftsleben mit Geld geflutet (auch in Form von gestützter Kurzarbeit), sodass die schwer betroffenen Branchen durchgetragen werden. Kann die Welt sich das leisten? Ja, denn neue Schulden werden derzeit bei vernachlässigbaren Zinsen fast zum Nulltarif bedient. Überdies sind 20 zusätzliche Prozentpunkte Staatsverschuldung-darauf wird es in Österreich hinauslaufen-ohnehin kein Beinbruch. Zwei gewichtige Stimmen dazu: Ein Regierungsmitglied sagt mir, er (generisches Maskulinum) rechne wegen des vielen frischen Geldes unter dem Strich sogar mit weniger Insolvenzen als in regulären Zeiten. Und ein bekannter deutscher Wirtschaftsforscher erklärt mir, unser aktuelles Finanzsystem mit gratis verfügbarem Geld fände sich zwar in keinem Lehrbuch der Nationalökonomie. Allerdings fände sich dort auch keine Wirtschaftskrise wie diese, bei der die Haushalte Geld für späteren Konsum angespart hätten, statt ärmer zu werden.

Mit dem solcherart Beschriebenen erklärt sich auch der Zustand der Aktienmärkte: Sie bewegen sich zwischen Gelassenheit (weil keine strukturelle Wachstumskrise) und neuen Rekordständen (weil neben Immobilien die einzige Möglichkeit, Geld anzulegen).

Und hier liegen die Risiken: Erstens könnte eine Situation wie in Japan eintreten. "Lost decades." Die gewaltigen Geldmengen, die zur Verfügung gestellt werden, produzieren eine Zombie-Wirtschaft, die jahrzehntelang nicht auf die Beine kommt. Zweitens könnte es trotz gesunder Unternehmen (oder gerade wegen höherer Produktivität und Auslese) zu gewaltiger Arbeitslosigkeit kommen, die den Staat belastet und politische Unruhen gebiert. Und drittens: All diese Theorien mögen zwar in sich richtig sein, wegen der vielen Unwägbarkeiten aber dennoch völlig falsch.

Christian   Rainer

Christian Rainer

war von 1998 bis Februar 2023 Chefredakteur und Herausgeber des profil.