Christian Rainer: Zaungäste

Christian Rainer: Zaungäste

Integration ist keine Antwort auf die Flüchtlingskrise. Integration dauert zu lange.

Die beiden Fragen, die derzeit flächendeckend diskutiert werden: Wie kann es gelingen, den Flüchtlingsstrom zum Versiegen zu bringen? Beziehungsweise kann das überhaupt gelingen? Und zweitens: Ist die Integration der Flüchtlinge möglich? Beziehungsweise verhindert deren Weltbild respektive der Islam eine Integration – also eine schnelle Anpassung an westliche Werte?

Zur Flussrichtung des Flüchtlingsstroms gibt es zwei konträre Ansichten: Die einen meinen, mit geeigneten Maßnahmen könne man im Rahmen humanitär vertretbaren Handelns dafür sorgen, dass die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak und anderen Kriegsgebieten gar nicht erst nach Europa und erst recht nicht nach Österreich kommen. Zu den Vertretern dieser Meinung gehört Heinrich Wefing, der in der „Zeit“ schreibt, es sei eine „kühne Prophezeiung“, dass „Zäune unweigerlich dazu führten, dass es irgendwo auf einen Schießbefehl hinausläuft“. So war das nämlich im deutschen Diskussionsformat „Anne Will“ formuliert worden. Wefing: „Selbst an dem martialisch gesicherten Zaun zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten wird nicht scharf geschossen.“

Vielmehr funktioniere schon die Ankündigung eines Aufnahmestopps: „Es ist kein Zufall, dass es, nachdem die schwedische Regierung einen Aufnahmestopp verkündet hatte, nur zwei Tage dauerte, bis der Hafen von Rostock leer war, von dem zuvor viele Zuwanderer nach Schweden übergesetzt hatten.“

Zu den Vertretern der anderen Fraktion, also zu den Warnern vor einem Blutbad an den Rändern Europas, gehört profil-Außenpolitik-Ressortleiter Martin Staudinger. Er schrieb vergangene Woche in einem auf profil.at abrufbaren Online-Kommentar: „Konsequent weitergedacht werden wir uns auf der Skala der Gewaltanwendung langsam, aber absehbar in Richtung letaler Eskalation bewegen, wenn wir die Phantastereien von einer Flüchtlingspolitik mit harter Hand ernsthaft realisieren wollen. … Wasserwerfer, Gummigeschoße und Tränengas … Hunde … Und wenn das auch nicht reicht – erschießen wir sie dann?“
Ich persönlich neige zur ersten Variante – zugegeben mit einem deutlichen Maß an Hoffnung, weil ich diese Vorgangsweise als alternativlos sehe. Ich glaube eben auch, dass sich der größte Teil der Flüchtlinge mit dem Wissen um bewachte Außengrenzen und um deutlich verschlechterte Aufnahmebedingungen in der EU davon abhalten lässt, bis ins Zentrum Europas zu migrieren, bis in die gelobten Länder Deutschland und Österreich etwa.

Die Befriedung der Kriege, denen diese armen Hunde entkommen wollen, mit Hilfe von NATO und Russland ist selbstverständlich dennoch notwendig. Hier geht es ja nicht um eine Entweder-oder-Entscheidung, wie das oft dargestellt wird. Aber die militärischen Aktionen können nur parallel zur Dämpfung jener Fluchtbewegung gesetzt werden, die wir aktuell erleben. Ich bin überzeugt davon, dass Österreich nicht Jahr für Jahr einen Zuzug von 100.000 Flüchtlingen verkraften kann, nicht 500.000 bis 2019, nicht gesellschaftlich, nicht ökonomisch, nicht politisch.

Davon sind aber nicht alle Menschen überzeugt. Die halbe Million auf 8,5 Millionen Einwohner, von der ich spreche, wird gerne verdrängt. Es komme bloß auf die richtig gesteuerte Integration an, heißt es. Oder noch etwas gewagter: Vergangene Woche erklärte mir ein außenpolitisch überaus versierter Kollege, diese Integration sei überhaupt kein Problem, die Frage stelle sich gar nicht. Bei den Flüchtlingen handle es sich entgegen meiner Wahrnehmung und mancher Statistik und Umfrage nicht mehrheitlich um Männer mit patriarchalisch geprägter Wertewelt. Deshalb sei die Integration quasi ein Selbstläufer und das profil-Cover der vergangenen Woche – „Das Frauenbild des Islam“ – ein Holler.

Wir befinden uns hier mitten im zweiten viel diskutierten Thema: Funktioniert Integration – und wenn ja: innerhalb welchen Zeitraums?
Die – anders als bei der Frage nach dem Handling des Flüchtlingsstroms – ziemlich einhellige Position der profil-Redaktion zeigte sich zum Beispiel in der erwähnten Titelgeschichte. Ich – und viele mit mir – glaube, dass es zwei, drei oder vier Generationen brauchen wird, bis jene Syrer oder Afghanen oder Iraker über Frauen, Familie, Freiheit, Gesetze, Religion, Demokratie so denken werden wie wir. Das liegt vor allem an der Prägung durch den Islam. Aber nicht nur: Glaube und historisches Umfeld sind da nicht sauber zu trennen.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek ist mit uns pessimistisch. Er meinte jüngst in einem Essay für den „Spiegel“ zur Kölner Silvesternacht, „abenteuerlich dumm“ seien „die Bemühungen, Migranten aufzuklären, ihnen zu erläutern, dass bei uns andere sexuelle Sitten und Gebräuche herrschen“. Vielmehr wollten diese Migranten bewusst „unsere Empfindlichkeiten verletzen“. Der Vorsatz-Vorwurf ist gewagt, Žižeks Schlussfolgerung daraus aber nicht: „Es kann nicht darum gehen, ihnen beizubringen, was sie schon wissen, sondern ihre Haltungen ihre Einstellungen, ihren Neid und ihre Aggression zu verändern und abzubauen.“
Und das passiert nicht über Nacht, das braucht viele Generationen.