Christian Rainer: So viel neu war noch nie

Christian Rainer: So viel neu war noch nie

Über die Parallelen zwischen Trump, Schwarz-Blau und CDs.

Mittwochnachmittag. Vor einer Stunde lief ich durch den langen Korridor, der die Redaktion in zwei Hälften teilt. An den gläsernen Wänden zu beiden Seiten sind Bücher und CDs gestapelt. Die Kulturredaktion betreibt in dieser Woche einen kleinen Bazar mit Rezensionsexemplaren. Der Erlös geht an Ärzte ohne Grenzen. Viele Hardcover, eingeschweißt in Klarsichtfolie, und Compact Discs in ihren Plastikhüllen. Da ist die Welt von gestern zum Abverkauf ausgelegt. Spotify, Apple-Music, YouTube, Amazon Prime, Kindle, Hörbücher, Alexa, Cortana, Siri – das ist heute.

Ich soll einen Leitartikel schreiben, und ich kann nicht anders, als eine Verbindung zwischen dieser auslaufenden Welt und den politischen Veränderungen des Jahres herzustellen. Natürlich tendieren wir alle dazu, die jeweilige Gegenwart zu dramatisieren – bis sie vergangen und durch ein neues Drama ersetzt ist. Aber bei der Einordnung von 2017 ist diese Amplitudendämpfung der Analyseextravaganzen fehl am Platz: Die Ereignisse sind tatsächlich noch nie dagewesen, wir erleben Abschied und Neubeginn, eine Zeitenwende.

Trump zuerst: Was den Amerikanern und in der Folge der Welt widerfährt, wirft Realpolitik und ideologische Koordinaten über den Haufen. Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, um ein rezentes Beispiel zu nennen, verzerrt das Kräfteparallelogramm der internationalen Beziehungen. Das Techtelmechtel der Trumps mit Putinrussland im Kampf um die Präsidentschaft wirkt ähnlich nach. Mehr jedoch: Dass ein überführter Pussy-Grabber Präsident der bigotten Vereinigten Staaten von Amerika werden kann, gibt uns eine Lektion über Weltanschauungen.

Wir haben uns in der menschlichen Reife der Amerikaner getäuscht. Leider ist der Ausdruck „menschliche Reife“ hier fehl am Platz. Das ist ja die Crux: Menschliche Reife besteht offensichtlich nicht darin, eine verantwortungsbewusste, intelligente Person zum Leader der westlichen Welt zu wählen. Diese Definition hatte sich zu Unrecht in unserer Blasenintelligenz verfestigt. Vielmehr bestand das gereifte Urteil der Amerikaner eben darin, einen sexistischen, egomanischen Spieler ins Weiße Haus zu befördern.


Die UN-Menschenrechtscharta ist kein Spiegelbild der menschlichen Moralvorstellungen.

Ich meine das gar nicht herablassend. Vielmehr muss die Kritik uns selbst gelten, die wir – wie auch bei der Flüchtlingskrise – nicht erkannt hatten, was der Willen der Wähler ist, was deren Vorlieben sind, ihre Ängste. Wir müssen neu lernen, wo die über Jahrzehnte von uns sprachlich geheiligten „westlichen Werte“ wirklich liegen.

Oder auch: Wenn wir ehrlich sind, müssen wir die Menschenrechtscharta der Vereinigten Nationen samt ihrem Widerhall in der EU-Verfasstheit und in den nationalen Grundgesetzen als Vision bezeichnen. Ein Spiegel der menschlichen Moralvorstellungen sind diese Satzungen wohl nicht.

Und Österreich: Erwarten Sie jetzt nicht von mir, dass ich eine Verbindung zwischen der Administration Trump und Schwarz-Blau herstelle! Oder doch: Natürlich ist es verlockend, die menschlichen Abgründe des US-Präsidenten mit den charakterlichen Schluchten des blauen Personals, das nun an die Macht kommt, zu vergleichen. Es ist auch verlockend, eine Parallele dort zu ziehen, wo man so etwas wie einen Schwellenwert der Wählbarkeit eines Kandidaten vermuten würde.

Anders aber als beim Urteil über die USA wussten wir schon seit den Erfolgen des Jörg Haider, dass die Menschen anders denken, als wir das gerne hätten. Wer sich über die Wahl des Donald Trump alteriert, möge sich in Erinnerung rufen, dass Haider schon 1999 auf Augenhöhe mit SPÖ und ÖVP fuhrwerkte; man möge daran denken, dass Norbert Hofer 2016 die Hälfte der Österreicher hinter sich versammeln konnte!

Aber weg von der Detailanalyse, hin zum Gesamtbild: So viel neu war noch nie. Die Große Koalition ist weg. Die SPÖ ist in ihren Grundfesten (und in Wien) erschüttert. Der neue Kanzler ist halb so alt wie sein Vorgänger. Alle Minister und Staatssekretäre wurden ausgetauscht, keiner der Neuen hat je regiert. In den bundesnahen Unternehmen, Ämtern, Einrichtungen ist mit einem Schichtwechsel zu rechnen. Mit dem Rückzug von Michael Häupl werden die drei größten Bundesländer einen neuen Landeschef haben. Die Konsequenz aus diesem in der Nachkriegsgeschichte einzigartigen Personalaustausch: In allen Lebensbereichen werden neue Regeln gelten.

Dauerhaft? Das bleibt unklar. An der eben zitierten Jahreswende 1999/2000 stand die Bevölkerung jedenfalls nicht mehrheitlich hinter der neuen Regierung. Jetzt steht sie dort. Bis auf Weiteres.

christian.rainer@profil.at
Twitter: @chr_rai