Leitartikel

Christian Rainer: Streiten, um zu verstehen

Wir institutionalisieren die wöchentliche Debatte. Hier lesen Sie, warum diese Neuerung gerade jetzt so wichtig ist.

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Dieser Text wird nicht zum klassischen Leitartikel geraten, den Sie, liebe Leserinnen und Leser, üblicherweise an dieser Stelle finden. Es ist eher das, was man "Herausgeberbrief" nennt: Ich will aus dem Maschinenraum dieses Magazins berichten, von einem Projekt, das wir in dieser Ausgabe starten und das wir als bedeutsam erachten. Wir denken, dass Sie diese Zeilen wie auch der Schwerpunkt des Heftes interessieren können - unabhängig davon, ob wir Sie schon lange mit unserer Arbeit begleiten oder ob Sie jüngst oder gar zufällig zu uns gefunden haben, auch unabhängig davon, ob Sie uns auf Papier, als E-Paper oder via profil.at lesen. Am Ende soll sich dieser Text dann aber doch auch zu dem fügen, was ein Leitartikel meist bietet: eine Kommentierung des Geschehens, des Landes, der politischen Verhältnisse, die uns umfangen.

Die Titelgeschichte besteht in dieser Woche aus vielen größeren und kleineren Teilen. Wir lassen unter anderem einen Bundespräsidenten außer Dienst (aber nicht im Ruhestand) mit einem Manager der Republik zum heikelsten Thema dieser unruhigen Zeiten diskutieren. Ein Schriftsteller aus Hohenems meldet sich in einem klugen Essay zu Wort. Eine junge Philosophin und ein Philosoph mit Seniorität sprechen zu Ihnen. Aktive und emeritierte Politikerinnen und Politiker schreiben.

Falls Sie die Printausgabe in Händen halten, kennen Sie das gemeinsame Thema dieser Beiträge, auch der Titel meines Textes verrät es Ihnen: Alles dreht sich um das Verbum "streiten". Die vielen Varianten von "Streit" werden hinauf-und hinunterdekliniert. Man erörtert aktuell und historisch, emotional und verbindlich. Der Blickwinkel verrät einiges über die Blickenden. (Bei den Politikerinnen und Politikern ist das besonders aufschlussreich bis decouvrierend: Sachslehner/Maurer/Schmidt/Mölzer/Cap. Was fällt ihnen zum Streiten ein?)Gemein ist den Beiträgen durchgehend der Hinweis auf den Wert, ja die Unabdingbarkeit des "Streitens" für den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit. Michael Köhlmeier, jener oben angeführte Vorarlberger Bestsellerautor, nennt das "die absolute Notwendigkeit des rhetorischen Scharmützels".

Warum dieser Cover in dieser Woche? Es gibt einen Anlass, der über die grundsätzliche Wertigkeit einer Debatte über Debatten hinausgeht und dann doch wieder eng damit zusammenhängt. Wir wollen der Debattenkultur ab nun noch größere Aufmerksamkeit zukommen lassen, indem wir ihr einen fixen Platz zuweisen: Unter dem Motto "Streiten wir!" wird profil ab sofort im Wochenrhythmus unterschiedliche Formate des gepflegten Diskurses publizieren. Was genau? Es soll ein breites Spektrum werden. Der Inhalt soll, so stellen wir uns das vor, meist anlassbezogen und oft politisch sein. Die Form wird von Streitgesprächen über Pro-und Kontra-Streitschriften bis zu provokanten Einzeltexten und vielem mehr reichen. Meist werden wir Stimmen von außen einholen, manchmal aber die Akteure in der eigenen Redaktion rekrutieren. Regelmäßig werden eine bekannte Proponentin aus einer "linken" mit einem Proponenten aus einer "liberalen" Denkfabrik aufeinanderprallen. Die Texte finden sich auch online auf unserer Website unter profil.at/Streit, vorerst allgemein zugänglich und kostenfrei. An dieser Stelle eine Bitte an Sie, liebe Leserinnen und Leser: Senden sie uns Ihre Reaktionen via Mail an [email protected]! Wir wollen Ihre Meinungen in unsere Arbeit einfließen lassen.

Sie sehen: Ein bisschen an Ideen und auch an Material haben wir schon auf Lager. Die profil-Redaktion hat dieses Projekt über ein halbes Jahr entwickelt, es wird federführend koordiniert von Siobhán Geets und Clemens Neuhold. Unter anderem dachten wir darüber nach, ob es überhaupt genügend kontroversielle Themen geben würde und ausreichend Personen, die sie vertreten können. Zumal in einem Land, in dem die Streitkultur wenig entwickelt ist. "Gerade deshalb!", befinden wir.

Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Einblick in die innere Befindlichkeit von profil gebe! Daraus erklärt sich nämlich wiederum, warum uns gerade profil so geeignet erscheint, das Streitpotenzial der Republik zu kultivieren. Seit seiner Gründung liegt die Unterscheidbarkeit dieses Magazins von anderen Medien besonders an zwei Faktoren: am investigativen Output, also den Enthüllungsgeschichten, auf der einen Seite; am hohen Anteil von Meinung und Analyse auf der anderen. Beides war vor 50 Jahren recht neu, und wir haben über die Zeit wenig daran geändert. profil deckte ab den 1970er-Jahren einen guten Teil der Skandale im Staat auf, heute sind wir Teil der internationalen Recherche-Netzwerke, die über Datenleaks mehr und mehr zur modernen Form des investigativen Journalismus wurden-mit globalem Impact. Zugleich legte profil bereits damals ungewohnt hohen Wert auf Meinungsstücke-während zum Beispiel "Der Spiegel" erst Jahrzehnte später die Form des Kommentars einführte. Hinzu kommt, dass profil schon immer Pluralismus im Heft-heute stark online-förderte. Eine einheitliche Meinung der Redaktion war niemals gefragt, ganz im Gegenteil. Entsprechend angeregt verlaufen die Diskussionen innerhalb der Redaktion. Unsere Haltung ist eher durch Widerstand gegen jeden Extremismus und durch penible Recherche und Wahrheitstreue geprägt. Zugleich schätzen wir den Diskurs mit Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern. Wir erwarten keineswegs durchgehend Zustimmung, sehen unsere Beiträge oft als Anregung zum Diskurs und zum Widerspruch. Den Werbeslogan "Wie viel profil hat Ihre Meinung" behalten wir daher seit 24 Jahren unverändert bei. Keine Selbstverständlichkeit: Der "Streit" ist auch für uns selbst als Journalistinnen und Journalisten Wert und Kulturtechnik, die uns weiterbringen, um besser zu verstehen. In der Folge meinen wir, dass sich gerade profil mit dem regelmäßigen Format noch stärker als Plattform für Debatten etablieren soll.

Immer schon also und jetzt verstärkt. Ist das alles? Natürlich nicht. Die Welt, wie sie sich jüngst entfaltet hat, bietet reichlich Anlass, die Möglichkeiten für den kuratierten Streit zu verbreitern. Im dritten Jahrtausend gelten plötzlich andere Regeln. Daraus wuchern Kontroversen in der Gesellschaft, die scheinbar nicht zu kontrollieren sind. Fakten werden dekonstruiert. Wahrheit wird geleugnet. Gesichertem Wissen wird der Boden entzogen. Fake News zünden einen Flächenbrand. Die Beleidigung ist eine neue Umgangsform. Der Shitstorm begräbt Argument und Gegenargument. "Woke" und "Cancel Culture" bedrängen die Freiheit der Meinungsäußerung. Social Media tragen eine Hauptverantwortung für das Zerbröseln von Gewissheiten, die wir als unverrückbar angesehen hatten. Was als Demokratisierung der Meinungsäußerung ausgeschildert ist, äußerst sich häufig als dummes Geschwätz mit aggressivem Unterton. Verschwörungstheorien grassieren pandemisch. Politische Parteien nutzen das Netz zur Verbreitung von rosstäuschenden Botschaften.

Die zentrale Aufgabe des Journalismus war immer, den Augenschein zu hinterfragen, richtig von falsch zu trennen und den Befund für eine breite Öffentlichkeit als "Nachrichten" zugänglich zu machen. (Mit dem Faktencheck "faktiv" haben wir dafür ein eigenes Instrument geschaffen.) Angesichts von Twitter, Facebook, Telegram wird das noch wichtiger und eine Mammutaufgabe. Weder Mark Zuckerberg noch Elon Musk sind geeignet, die Funktion eines Gatekeepers zu übernehmen. Von Journalisten kuratierte Debatten-für jeden einsehbar-ermöglichen ein Abwägen von Für und Wider auf festem Boden. Das verhindert zum einen die Manipulation im Hintergrund. Zugleich braucht sich der Bürger, die Bürgerin nicht durch vorgegebene Meinungen bevormundet fühlen.

Die digitale Disruption kann durch ein Übermaß an Orientierung zur Orientierungslosigkeit führen. Die Flut an Information wird zum weißen Rauschen. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Aber haben auch die großen Kontroversen in den vergangenen Jahren zugenommen? Mit einer Antwort bin ich vorsichtig. Konrad Paul Liessmann zügelt die Interpretation im Interview in dieser Ausgabe: Neu sei lediglich, "dass alles sofort publik gemacht wird, rund um die Uhr zugänglich ist und nie mehr aus dem Netz verschwindet". Trügt hier der Schein? Verloren die Menschen in der Pandemie ihren Glauben an die Wissenschaft und damit die Impfung-oder sind das dieselben Menschen, die ohnehin seit Jahren der Quacksalberei frönten? Sind die politischen Lager in Österreich gespalten wie seit Jahrzehnten nicht-oder war das nur ein kurzes Aufflackern, durch die türkisen Buben befeuert? Ist die Friedensbewegung mit dem Ukraine-Krieg tot oder war sie schon längst entschlafen-oder sind die deutschen Waffenlieferungen doch ein Fehler? Wird die österreichische Neutralität zur Disposition gestellt, sollen wir zur NATO - oder ist das ein Scheingefecht? Das und vieles mehr wollen wir mit kultiviertem Streit erörtern. Und mit Ihnen.

Christian   Rainer

Christian Rainer

Chefredakteur und Herausgeber