Rosemarie Schwaiger
Rosemarie Schwaiger

© Alexandra Unger

Rosemarie Schwaiger
11/15/2021

Der Hass auf die Ungeimpften

Wie hart darf man Leute bestrafen, die eigentlich nichts angestellt haben?

von Rosemarie Schwaiger

Wenigstens steht fest, wer schuld ist. Die Corona-Fallzahlen schießen in lichte Höhen, Journalisten spekulieren schon wieder über den wahrscheinlichen Zeitpunkt des nächsten Lockdowns, die deutsche Regierung stuft Österreich  als Hochrisikogebiet ein – und alle wissen, wer für diese Katastrophen die Verantwortung trägt: die Ungeimpften. Hätte sich ein substanzieller Teil dieser Leute anders entschieden, gäbe es jetzt einen goldenen Herbst und die Aussicht auf einen Winter wie damals.

Ist das so? Zumindest ist es die Botschaft, die die Regierung, viele Experten und die meisten Medien seit Monaten trommeln. Von einer „Pandemie der Ungeimpften“ sprechen der Bundeskanzler und der Gesundheitsminister bei fast jedem Auftritt. „Die Menschen müssen zur Impfung gezwungen werden“, schrieb profil-Herausgeber Christian Rainer in seinem Leitartikel vor einer Woche. Oliver Vitouch, Rektor der Universität Klagenfurt, zweifelt an der intellektuellen Ausstattung der Verweigerer. Diese sollten „beizeiten beginnen, darüber nachzudenken, ob eine Universität das Richtige für sie ist“, schrieb er jüngst in einem Mail an die Studierenden.

Von geselligen Zusammenkünften aller Art sind die Ungeimpften seit der Einführung der 2G-Regel bereits ausgesperrt. Aber das reicht nicht. Bundeskanzler Alexander Schallenberg will einen bundesweiten Lockdown. Erst wenn die Unbelehrbaren kaum noch aus dem Haus dürfen, scheint die Gefahr gebannt. In Oberösterreich und Salzburg soll es schon ab Montag so weit sein.

Der Ton in dieser Debatte lässt den Schluss zu, dass es nicht bloß um Seuchenbekämpfung geht. Nach fast zwei Jahren Ausnahmezustand hat sich eine Menge Wut aufgestaut, die sich irgendwo entladen will. Das Virus selbst taugt eher schlecht als Hassobjekt; da sind die verhuschte Nachbarin, die auf Bachblüten und Kräutertee schwört, und der FPÖ-Sympathisant mit Bill-Gates-Aversion besser geeignet.

„Ein doppelt geimpfter Partytiger kann größeren Schaden anrichten als ein nicht geimpfter Stubenhocker.“

Selbstredend wäre es vernünftig, wenn sich auch diese Leute impfen ließen – muss ja nicht aus Überzeugung sein, sondern vielleicht bloß im Interesse der eigenen Lebensqualität. Allerdings gehört es zu den Basics einer aufgeklärten Gesellschaft, die gefühlte Unvernunft von anderen auszuhalten. Wenn Politiker und Journalisten jetzt rund ein Drittel der Bürger zu verrückten Outlaws erklären, richten sie einen Schaden an, der die Pandemie überdauern wird. So darf man mit Menschen nicht umspringen, die weder eine Straftat begangen, noch sonst etwas Schlimmes angestellt haben.

Österreich hat eine im europäischen Vergleich niedrige Impfquote von derzeit 64 Prozent. Warum das so ist, wäre eine Studie wert. Dass es nur an den Aktivitäten von FPÖ-Chef Herbert Kickl liegt, kann jeder ausschließen, der die Ungeimpften im eigenen Bekanntenkreis durchgeht. Das Spektrum der Verweigerer ist weltanschaulich äußerst bunt. Ob ein paar Prozentpunkte mehr in der Impfstatistik viel geändert hätten, weiß kein Mensch: In Südeuropa und Frankreich scheinen hohe Impfquoten zu wirken; die Inzidenzen blieben bisher niedrig. In Belgien und den Niederlanden, wo die Bereitschaft ebenfalls hoch war, gehen die Zahlen dagegen steil nach oben.

Laut Angaben der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) betrafen 41 Prozent der laborbestätigten, symptomatischen Corona-Infektionen im vergangenen Monat Menschen, die vollständig geimpft waren. Das heißt, die Impfung wirkt – aber weniger gut als erhofft. Sogar der deutsche Virologe Christian Drosten, wahrlich kein Verteidiger von Impfmuffeln, musste jüngst etwas klarstellen: Dies sei keine Pandemie nur der Ungeimpften, sagte Drosten. „Wir haben eine Pandemie, zu der alle beitragen – auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger.“ Schon nach zwei, drei Monaten beginne der Verbreitungsschutz zu sinken. Heißt in der Konsequenz: Ein doppelt geimpfter Partytiger kann größeren Schaden anrichten als ein nicht geimpfter Stubenhocker.

Gut wirken die Impfstoffe nach wie vor gegen schwere Verläufe. Auf den heimischen Intensivstationen lägen weniger Covid-Patienten, wenn mehr Menschen geimpft wären. Aber behandelt werden dort auch Leute, die aus anderen selbst verschuldeten Gründen schwer krank wurden. Das österreichische Gesundheitssystem unterscheidet nicht zwischen moralisch hochwertigen Kranken und solchen, die sich gefälligst schämen sollten. Wollen wir das ändern, nur weil es um Corona geht?

Die Krankenhäuser waren von Beginn an der Flaschenhals in dieser Pandemie. Für mehr Intensivbetten zu sorgen, kam der Politik dennoch nie in den Sinn. „Geht nicht“, hieß es stets. Außerdem sei es zynisch, mit so vielen Schwerkranken zu kalkulieren. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner will das nicht mehr akzeptieren. Die Regierung müsse endlich vorausschauend handeln und für mehr Reservekapazitäten sorgen, sagte sie vor ein paar Tagen.

Falls der Gesundheitsminister noch Ideen sucht: Das wäre eine.

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