Eine Jugendstudie zeigt: Je größer die Rolle von Religion, vor allem des Islam, desto weniger zählen Pluralität und Demokratie. Wir müssen nicht weiter zusehen.

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Aus dem Büro der Wiener Neos-Stadträtin Bettina Emmerling (Neos) kam vergangenen Freitag eine knappe Aussendung mit den Ergebnissen einer Studie zu Jugend und Integration, die der Soziologe Kenan Güngör durchgeführt hat. Die Mail kam ausgerechnet am späten Nachmittag – jeder PR-Profi weiß, dass Redaktionen da spärlich besetzt sind und in Vorbereitung auf das Wochenende nur mehr auf Notbetrieb laufen. Man kann sich des Eindrucks nicht verwehren, dass die Stadträtin die Resultate ein wenig unter den Tisch fallen lassen wollte. Dabei wären sie mindestens eine Pressekonferenz wert gewesen – eher noch eine Enquete.

1221 junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren aus zehn Herkunftsgruppen wurden befragt – ein beachtliches Sample. Neben Österreichern befragte man Jugendliche mit Wurzeln in Serbien, Polen, Rumänien, Bosnien, Türkei, Kurdistan, Syrien, Afghanistan und Tschetschenien. Es gibt ein paar gute Nachrichten: Medien werden mittlerweile hauptsächlich auf Deutsch konsumiert. Ein Großteil der Jugendlichen findet Demokratie und Pluralität nicht so übel. Und dann kommen viele bedrückende und verstörende Erkenntnisse.

Zum Beispiel, dass 40 Prozent der Befragten finden, der Staat solle nach religiösen Regeln ausgerichtet werden. Ebenso viele wünschen sich einen starken Führer, der sich nicht um Wahlen kümmert. Und satte 33 Prozent wollen einen religiösen Führer. Erstaunlich: Besonders stark zeigt sich das bei Gruppen, die selbst aus demokratiefeindlichen, religiös dominierten Ländern kommen. Konkret fallen Tschetschenen, Afghanen und Syrer besonders negativ auf. Besorgniserregend, weil diese Gruppen wachsen: Während 2002 noch fast 15 Prozent der migrantischen Jugendlichen hierzulande ursprünglich aus der Türkei kommen, waren 2024 die Syrer mit elf Prozent die größte Gruppe, gefolgt von Ukrainern und Afghanen. Dazu weiter wieder einmal: Junge, muslimische Männer kristallisieren sich als die größte Problemgruppe heraus.

Nun kann man nachvollziehen, dass Männer aus patriarchalen Strukturen ein Problem damit haben, zu akzeptieren, dass anderswo auch Frauen etwas zu sagen haben. Hart gesagt: Das Problem kennt man in abgeschwächter Form auch hierzulande. Nicht nachvollziehbar ist aber, dass diese Demokratie- und Pluralitätsfeindlichkeit von Menschen hochgehalten wird, die selbst – oder deren Eltern – aus genau solchen Ländern in den Westen geflüchtet sind. Also: Warum ist das so?

Dröhnende Echokammern

Das hat laut Studie vor allem mit geringem Bildungsniveau, familiärer Sozialisation – und religiöser Prägung zu tun, wobei sich der Islam hier als besonderer negativer Einflussfaktor hervortut. Ausschlaggebend ist auch die Art der Mediennutzung. „Studien des National Institute of Justice zeigen, dass die Rolle des Internets und der sozialen Mediennutzung zugleich als Ursache von sowie als Wirkung auf Radikalisierungsprozesse verstanden werden kann“, heißt es darin. Und dann folgt ein Aber: Wer soziale Medien vor allem zur Kommunikation mit Freunden oder Familie nutzt – also nicht nur in einer Echokammer konsumiert, sondern Feedback bekommt –, ist deutlich weniger anfällig.

Was lernen wir daraus? Dass Kinder und Jugendliche so früh wie möglich im Bildungssystem sozialisiert werden müssen. Nicht nur wegen des notwendigen Erwerbs von Sprachkenntnissen, sondern um die Welten anderer Menschen kennenzulernen und damit Toleranz zu lernen. Es gibt für Kinder und Jugendliche kein besseres soziales Labor als Kindergartengruppen und Schulklassen – sofern sie dort auch den Großteil ihrer Zeit verbringen und nicht nur alibimäßig ein paar Stunden absitzen, wie das derzeit der Fall ist. Ganztagsbetreuung muss her. Und gute Pädagogen, die die richtigen Impulse setzen und sich liebevoll um die Anliegen der Jugendlichen kümmern – aber auch Grenzen deutlich aufzeigen.

Damit wäre ich beim zweiten Punkt: Solange der Religionsunterricht von den Religionsgemeinschaften selbst organisiert und wenig reglementiert an Schulen stattfindet, kann keine Rede von einer ordentlichen Trennung zwischen Staat und Religion sein. Darum: Ethikunterricht für alle, wo alle Religionen und deren Werte besprochen werden. Wir haben auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Ob es uns passt oder nicht, diese jungen Menschen sind die Zukunft dieses Landes. Schon darum dürfen wir sie nicht aufgeben und müssen das Beste aus ihnen machen. Zugewandtheit und ein bisschen Nachsicht kann im Leben eines jungen, verlorenen Menschen tatsächlich den Unterschied machen. Denn vielen fehlt genau das – sie wurden nie gesehen. Schauen wir hin: Erkennen wir die Probleme – aber auch die Potenziale.

Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.