Die neue Weltunordnung

Warum die Revolte in Kairo auch den Machthabern im Westen Angst macht.

Donnerstagnachmittag vergangener Woche: Zwei Minuten nachdem BBC und CNN gemeldet hatten, die Abdankung des ägyptischen Präsidenten stehe unmittelbar bevor (was er dann erst am Freitag tat), rief mich mein 13-jähriger Sohn Leon an. „Mubarak tritt zurück“, informierte er mich aufgeregt. Er war bei Ahmed, einem Schulkollegen mit ägyptischem Background. Sie verfolgten das Geschehen in Kairo. An und für sich ist Leon seinem Alter entsprechend nicht übermäßig politisch. Fußball interessiert ihn, er liest die Sportseiten der Zeitungen, liebt es, auf Facebook zu posten, mit den Freunden via Skype zu blödeln oder auf der Mariahilfer Straße abzuhängen. Die ägyptischen Ereignisse aber haben ihn erfasst. Mit den Jungen auf dem Tahrir-Platz kann er sich identifizieren.

„Das ist der Universalismus in Aktion“, ruft Slavoj Zizek in die Kamera des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera. Der radikale Philosoph aus Slowenien ist enflammiert. Die ägyptische Revolution sei „das beste Argument gegen den Blödsinn vom Clash of Civilizations“. Wenn es gegen Unterdrückung, für Menschenrechte und wirtschaftliche Gerechtigkeit geht, verschwinden die kulturellen Differenzen, sagt er. Auch der falsche Multikulturalismus, „der dauernd vom Res­pekt gegenüber fremden Kulturen faselt, aber letztlich auch rassistisch ist“, blamiere sich. „Sehen Sie sich doch an, was in Kairo passiert: Freiheit ist universell.“

Der liberale britische Star-Historiker Timothy Garton Ash schlägt in der britischen Tageszeitung „Guardian“ in dieselbe Kerbe: „Ein Opfer dieser Revolution, über dessen Tod wir uns freuen sollten, ist die Idee eines kulturellen Determinismus“ – im Besonderen die Vorstellung, die Muslime und Araber seien nicht reif für die Freiheit, und Menschenrechte seien nichts für sie. Ash polemisiert gegen Samuel Huntington, den inzwischen verstorbenen Autor des Best- und Longsellers „Clash of Civilizations“, der uns weismachen wollte, die arabisch-muslimische „Kultur“ programmiere die Menschen anders. „Erzähl das einmal den Leuten, die am Kairoer Tahrir-Platz tanzen“, schreibt Ash.

Aber es bedarf nicht linker oder liberaler Großdenker, um zu erkennen, dass die Turbulenzen am Nil nicht spezifisch islamisch oder arabisch sind. Es sind ja nicht nur die Potentaten im Nahen Osten, die vor Angst bibbern. Mahmoud Ahmadinejad und seine Leute versuchen zwar verzweifelt, Freude über die Vorgänge in Ägypten zu zeigen, die zu einer „islamischen Revolution gegen Mubarak, den Handlanger der Zionisten“ umgedeutet werden. Gleichzeitig tut die Teheraner Regierung aber alles, um Solidaritätskundgebungen mit den Aufständischen in Kairo zu verhindern. Sie wissen genau, warum. Aber auch ganz weit weg, in China, haben die Machthaber Angst vor nordafrikanischen Verhältnissen: Umsonst sperrt die Zensurbehörde in Peking nicht alle Websites, die mit dem Keyword „Ägypten“ zu erreichen sind. Die Autokraten der Welt vereinigen sich in der Angst vor dem ägyptischen Virus.

Und der demokratische Westen? Er empfindet höchste Ambivalenz gegenüber dem Ende der Mubarak-Ära. Als Demokraten sympathisieren die Politiker in Europa und Amerika mit der Insurrektion. Als Regierende jedoch legen sie die Stirn in Sorgenfalten. Eine strategisch zentrale Region ist im Umbruch, und die Zukunft dort scheint ungewisser denn je. Man fürchtet eine allgemeine Destabilisierung. Eine neue Weltunordnung.

Ob bewusst oder unbewusst – beunruhigt sind die Regierenden im Westen aus einem weiteren Grund. Kann der Geist des Tahrir-Platzes nicht auch in unseren Breiten ansteckend wirken? Gewiss: Die Umstände sind ganz anders. Hier muss niemand gegen Tyrannen kämpfen. Armut ist vergleichsweise gering. So stabil ist aber unsere westliche Ordnung auch wieder nicht. Erleben wir nicht gerade eine tiefe Krise der Politik? Die Menschen vertrauen immer weniger den Institutionen unserer Demokratie, gehen immer weniger wählen. Die Glaubwürdigkeit der etablierten Politiker sinkt dramatisch. Und das Gefühl, dass es auch bei uns höchst ungerecht zugeht, ist inzwischen weit verbreitet – in einer Welt der Banken, die Milliarden Steuergelder zugeschoben bekommen, während das Volk aufgerufen wird, den Gürtel enger zu schnallen; in einer Welt mit obszönen Boni-Zahlungen oben und der prekären Arbeit unten. Der Zorn darüber wächst, dass jene, welche die Krise verursacht haben, ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben und nun wieder voll im Geschäft sind.

Was, wenn eine neue junge Generation, die Generation meines Sohnes Leon, die global vernetzt ist und zunehmend global denkt, die mit den modernen Kommunikationsmitteln um so viel besser umgehen kann als die Politiker und die immer mehr jenes Ohnmachtsgefühl des „Man kann eh nichts machen“ ablegt – was, wenn diese Facebook-Kids wie ihre Altersgenossen am Tahrir-Platz auch einmal klarmachen: So wollen wir nicht weiterleben? Und: Wir lassen uns nicht länger für dumm verkaufen.
Eine Schreckensvision für die Herrschenden. Eine Hoffnung für die Welt.

georg.ostenhof@profil.at