<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Als wär nix

Über das Ringen um Normalität in Zeiten des Super-GAUs.

Anett schreibt mir aus Tokio. Sie ist Deutsche, bildende Künstlerin und ging vor ein paar Jahren nach Japan, in das Land, in dem sie immer schon leben wollte, wie sie damals sagte. Der Anfang war mühselig, aber nun ist sie sesshaft und dort daheim. „Ich habe mich entschlossen, hier zu leben“, schreibt Anett, „also muss ich irgendwie mit der Situation umgehen. Sollte die Lage hier in Tokio so werden, dass man hier nicht mehr leben kann (was aber höchst unwahrscheinlich ist), dann muss ich natürlich neu überlegen.“ Zurzeit gehe alles seinen fast normalen Gang. Erdbeben, Tsunami und Radioaktivität seien zwar in irgendeiner Form präsent, aber „kein Grund, mein mühsam erkämpftes hiesiges Dasein aufzugeben“.

Dazu schickt sie mir einen Link zu einem Artikel in der Welt Online mit dem Titel: „Deutsche in Japan fühlen sich verhöhnt“. In Japan lebende Deutsche, heißt es darin, ärgerten sich maßlos über die Atom-Hysterie ihrer Landsleute. Ich hatte Anett per E-Mail mehrfach gefragt, ob es nicht gescheiter wäre, Tokio bald zu verlassen, unter Hinweisen auf die wahrscheinlich viel zu optimistischen (Des-)Informationen von Tepco beziehungsweise der japanischen Regierung. Doch Anett will selber optimistisch sein. Sie will ein einigermaßen normales Leben weiterleben. Wie ihre Tokioter Freundinnen und Freunde.

Hierzulande bestaunen wir die Gelassenheit der Japa­-nerIn­nen, die wir mal diszipliniert, mal obrigkeitshörig nennen. Aber vielleicht wollen sich ja die Menschen dort das Schreckliche nur nicht eingestehen, die unentwegte Bedrohung, den schleichenden Tod, der sie einholen wird, früher oder später? Wer würde sich diese Ohmacht ständig vor ­Augen halten wollen?

Alle wissen wir, dass wir sterblich sind, und doch verhalten wir uns die meiste Zeit so, als könne der Störfall Tod vermieden werden, wir verdrängen das Entsetzen über unsere limitierte Existenz. Um wie viel entschlossener würden wir es erst verdrängen, wenn die Alternative hieße, keinen ruhigen Tag mehr zu haben im Bewusstsein einer stetigen Verseuchung?

Ja, die Einwände an dieser Stelle sind abzusehen: Noch gar nix erwiesen. Nicht so schlimm. Vielleicht eh glimpflicher als befürchtet.

Tschernobyl ist ja angeblich auch weniger schlimm ausgegangen, als es hätte ausgehen können. Nur dass es noch gar nicht ausgegangen ist. Nur dass die Menschen um Tschernobyl immer noch vor sich hinsterben. Unauffällig, weil niemand möchte, dass es auffällt. Ein unentwegtes leises Sterben nannte es eine deutsche Ärztin, die sich in Tschernobyl engagiert, kürzlich in einer TV-Sendung. Leises ­Sterben gilt nicht. Wenn nicht auf einen Schlag Millionen Menschen tot umfallen, dann ist gar nicht so viel passiert.­

Langzeitfolgen unbewiesen. Aber will sie jemand beweisen?
Dieser Tage setzte die EU die Strahlengrenzwerte für japanische Lebensmittelimporte wieder hinunter, nachdem sie sie zuerst – zur allgemeinen Empörung – eilfertig hinaufgesetzt hatte. Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl. Manchmal nützt Protest, aber im Grunde sind wir ausgeliefert. Der Gier, der Dummheit, dem Größenwahn derer, die glauben, sie können die Welt zum Teufel jagen, wenn es denn ihre Gewinnspannen erhöht, und die nicht begreifen wollen, dass es sie ebenfalls treffen wird, wenn sie die Welt zum Teufel jagen.

Eine schlimme Erkenntnis für eine, die immer an die demokratische Mitbestimmung geglaubt hat und daran, dass Engagement belohnt wird durch verbesserte Verhältnisse.

Im Jahr 1986 habe ich es mit der Abnormalität des Tschernobyl-GAUs noch aufzunehmen versucht. Stundenlange Fahrten, um unbelastete Silomilch und unverstrahltes Gemüse für mein Kind aufzutreiben, ständiges Bodenwischen, ein fest verschlossenes Haus trotz sonniger Maitage, dauerndes Denken an Vorsichtsmaßnahmen. Könnte man längerfristig so leben, ohne Aussicht, dass der Spuk aufhört, bis ans Ende seiner mehr oder weniger gezählten Tage? Ich kann’s mir nicht vorstellen.

Und dazu die unfassbare Inkompetenz der Betreiber, damals wie heute. Es stimmt gar nicht, dass eine hoch komplizierte Technik sich wegen ihrer Komplexität als unbeherrschbar herausgestellt hat. Vielmehr zeigt sich, dass die angeblichen Experten bereits in Bereichen versagen, die ganz gewöhnlichen Überlegungen durchaus zugänglich sind. Man muss nicht Kernphysik studiert haben, um zu dem Schluss zu kommen, dass Meerwasser Salzablagerungen zur Folge hat. Man muss nicht Kernphysik studiert haben, um sich auszurechnen, dass es katastrophal ist, wenn radioaktives Wasser unaufhaltsam ins Meer strömt. Und so weiter.

Die Betreiber wollen uns einreden, wenn man Kernphysik studiert habe, wisse man, dass unsere jeweiligen Schlussfolgerungen (Achtung, Hysterie!) falsch sind. Aber alles, von dem sie behauptet haben, dass es nicht passieren kann, passiert dann doch. Am Ende behält die simple Logik Recht. Jetzt hat der Energiekonzern RWE auch noch gegen das Atom-Moratorium der deutschen Regierung geklagt. Was für Aussichten.

Korrektur: Die Fünflingsschwangerschaft, über die ich in meiner vorigen Kolumne geschrieben habe, kam nicht durch eine In-Vitro-Fertilisation zustande, sonden „nur“ durch eine hormonelle (Über-)Stimulation der Mutter. Die grundsätzliche Problematik gilt dennoch für beide Fälle: Eltern sind überfordert, wenn man sie mit der Entscheidung für eine Embryonen-Auslese letztlich alleinlässt, und Mehrlingsschwangerschaften sind, entgegen euphorischen Zeitungsberichten, kein fröhliches Fest, sondern hochgradig riskant.

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