<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Alte Typen, reloaded

<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Alte Typen, reloaded

Ja, es gibt sie, die Guten. Schon seit Generationen. Aber nicht als Rollenbild.

Immer wieder einmal ernte ich den Vorwurf, unangebracht unzufrieden zu sein. Kritik an tradiertem Rollenverhalten und patriarchalen Strukturen sei überholt, denn längst habe sich in der jungen Generation ein modernes Geschlechterverständnis durchgesetzt, junge Männer seien partnerschaftlich, kooperativ, engagierte Väter, respektvolle Kollegen. Tenor: Es kommt eh alles von selber, soziale Evolution gewissermaßen, da muss man gar nicht lang drüber reden und sich schon gar nicht aufregen.
Aber leider: Irrtum. Von selber kommt gar nix. Es gibt keine naturbedingte Entwicklung, derzufolge sich der menschliche Charakter quasi ferngesteuert auf eine bestimmte Art verändert. Was es gibt, sind unterschiedliche Charaktere einerseits und Rollenbilder andererseits. Die Rollenbilder werden nicht von der Natur verändert, sondern von der Gesellschaft.
Auch in den älteren Generationen gab’s und gibt’s nicht nur finstere, auf ihre Privilegien bedachte Egoisten. Allein in meinem näheren Umfeld fallen mir auf Anhieb mehrere Männer ein, die ihre leider sehr kranken Partnerinnen umsichtig und selbstlos betreuen, alle Achtung. Und selbst wenn ich mich an die Generation meiner Eltern erinnere, tauchen da engagierte Väter auf, die nicht als abgehobene Familienoberhäupter agiert, sondern sich liebevoll mit ­ihren Kindern beschäftigt haben.

Andererseits entdecke ich in der jungen Generation, die angeblich kraft ihrer Jugend alles anders und besser macht, altbekannte Typen: den verantwortungslosen Herzensbrecher (die heißen heute nicht mehr so, ich weiß, aber inhaltlich trifft es das Wort immer noch voll), den aufgeblasenen Jung-Patriarchen, der ungeniert bekennt, dass er als Mann mit kleinen Kindern einfach nichts anzufangen weiß (Subtext: Ich bin einfach zu gescheit, um dem Umgang mit brabbelnden, ihre Windeln vollstinkenden Minimonstern was abgewinnen zu können) oder den pampigen Kollegen, der sich Chef-Allüren anmaßt. Alles da, wie eh und je. Und zudem mit der Ausrede ausgestattet, ein Opfer der neuen Frauen zu sein, verunsichert, in die Enge getrieben durch starke Mütter und fordernde Weiber auf der Piste.
Ach, was. Immer schon hat es Kümmerer und Nicht-Kümmerer gegeben. Wobei ich unter Kümmerern nicht kümmerliche Gestalten verstehe, die sich mangels jeder sonstigen Attraktivität durch Servilität beliebt machen wollen, sondern schlicht und einfach anständige Menschen. Also: Immer schon hat es Anständige und Unanständige gegeben. Das ist das eine. Das andere sind wie gesagt die Rollenzwänge.

Die Rollenzwänge müssen den Anstand nicht außer Kraft setzen. Aber sie erschweren es unter Umständen, ihn über den inneren Schweinehund siegen zu lassen. Oder sie ­liefern dem Schweinehund willkommene Vorwände, die Alleinherrschaft anzutreten. Stichworte: Mann steht unter Konkurrenzdruck, Mann muss stark sein, Mann darf sich nicht mit Gefühlsduseleien aufhalten.

Die gesellschaftliche Anerkennung gehört ja auch, seien wir doch ehrlich, den Hartgesottenen, Egozentrischen, Erfolgreichen.

Niemand ergeht sich in atemloser Bewunderung für den guten Kerl, der seine gelähmte Frau füttert, badet, wickelt und im Rollstuhl spazieren fährt. Naja, wenn man zufällig mit seinem Schicksal konfrontiert wird, ringt man sich anerkennende Worte ab, eh klar, fromme Formalität, aber bei sich denkt man sich: Bloß nicht so enden wie der. Und auch der durchschnittliche kooperative Ehemann und Familienvater, der zum Staubsauger greift, die Kinder von den Pfadfindern holt und samstags den Großeinkauf macht, erntet wenig Lorbeeren. Hingegen die eitlen Böcke, die Selbstdarsteller, die rücksichtslosen Menschenverschleißer: tolle Hechte.

Oder? Na, schon.

Und wie eh und je fahren leider auch die jungen Frauen auf die Hallodris ab, auf die schwierigen Männer, schwer zu erobern, schwer zu behalten, schwer auszuhalten. So ­einer ist spannend. So einer dient als Leistungsnachweis und dem Prestige, wenigstens bis zum trübseligen (Allein-)Erwachen.

Daher: nicht lässig daherreden, dass alles anders und neu und besser ist. Die alten Klischees sind zählebig. Manchmal werden sie modisch verkleidet, aber der Kern ist wie gehabt.

Und apropos alte Hüte: Naomi Wolfs neues Buch „Vagina“, weltweit aufgeregt rezensiert, verkauft genau solche (siehe auch profil 18/2013) . Es reduziert Frauen auf ihr Genital. Die Vagina als Zentrum der Weiblichkeit. Haben wir uns nicht eben dagegen gewehrt? Über unser Geschlecht definiert zu werden? Unsere Kreativität von unserer Sexualität ableiten zu sollen? Laurie Penny im britischen Magazin „New Statesman“: This sort of ‚feminism‘ has nothing to do with changing women’s lives. Richtig. Und vermutlich exakt deswegen ein Verkaufserfolg. Nebenbei mutet es ein wenig bizarr an, wenn Wolf blumige altchinesische („Duftende Laube“) und hinduistische („Lotus ihrer Weisheit“) Synonyme für die Vagina als vorbildhafte Beispiele für ­einen wertschätzenden Umgang mit dem weiblichen Genital, soll heißen mit den Frauen, anführt. Die Worte sind klangvoll. Die Lebensrealität für chinesische und indische Frauen sah und sieht bekanntlich häufig anders aus.

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com