Elfriede Hammerl: Doppelt wohnen

Elfriede Hammerl: Doppelt wohnen

Manchmal ist es bei Max gerade richtig gemütlich, wenn Mimi wieder ihren Koffer packen muss.

Mimi wird von zwei Männern geliebt. Beide, Max wie Moritz, wollen nur ihr Bestes, deshalb sind sie glücklich, dass Mimi, die ihrerseits den einen wie den anderen ins Herz geschlossen hat, mit jedem von ihnen zusammenlebt. Mimi soll auf keinen von ihnen verzichten müssen, sagen sie. Anfangs wohnten sie zu dritt, aber weil Max und Moritz nicht mehr so richtig miteinander können, pendelt Mimi jetzt zwischen ihnen. Drei Tage wohnt sie bei Max, dann drei Tage bei Moritz, danach wieder drei Tage bei Max, und so fort. Mimi sagt, sie macht es gern, aber es ist anstrengend. Immerzu muss sie übersiedeln und das Zeug, das sie braucht, beisammenhaben. Kosmetika besitzt sie doppelt, aber Klamotten und Schuhe zweifach anzuschaffen, käme zu teuer, und ihre Bürosachen kann sie auch nicht duplizieren. Sie arbeitet teilweise von zu Hause aus, und das bedeutet, dass sie alle drei Tage ihr Home Office transferieren muss.

Neulich hat sie ihr Smartphone bei Max liegen gelassen, das war eine Katastrophe. Moritz wollte eigentlich mit ihr ins Kino gehen, aber stattdessen mussten sie zu Max’ Wohnung fahren und das verdammte
Telefon holen, und natürlich schafften sie den Film nicht mehr. Moritz war stinksauer, und Mimi auch. Das Telefon ist mein Gedächtnis!, schluchzte sie, wütend, dass Moritz nicht verstehen wollte, wie aufgeschmissen sie ohne ihren elektronischen Terminkalender ist. Moritz warf ihr vor, sie sei total chaotisch, immerzu vergesse sie etwas, mal bei Max, mal bei ihm, man könne doch wohl verlangen, dass ein erwachsener Mensch ein Minimum an Übersicht behalte. Er spielte auf den Sonntag zwei Wochen davor an, für den Mimi mit Max und ein paar Freunden eine Bergwanderung vereinbart hatte, aber dann stellte sich kurz vorm Aufbruch heraus, dass ihre Bergschuhe bei Moritz im Keller lagen. Damals war Max in die Luft gegangen, und obendrein hatte er die Frechheit gehabt, Moritz für das
Desaster verantwortlich zu machen. Wenn er Mimi am Freitag, als sie von ihm zu Max gefahren war, an die Bergschuhe erinnert hätte, wäre alles geritzt gewesen, sagte Max. Moritz konterte, Max hätte Mimi ja selber am Freitag anrufen und ihr einschärfen können, die Bergschuhe einzupacken, worauf Max erwiderte, in Zukunft würden Mimis Wandersachen in seinem Haushalt bleiben, und basta. Was wiederum Moritz nicht recht war. Inzwischen hat sich Mimi ein zweites Paar Bergschuhe und noch einen Anorak angeschafft, um des lieben Friedens willen, obwohl sie sich über die Ausgabe ärgert, eine gute Wanderausrüstung ist schließlich nicht billig.

Sie wolle ja nicht klagen, sagt Mimi, aber leicht falle es ihr nicht, alle drei Tage ihre Zelte abzubrechen, manchmal sei es bei Max gerade richtig gemütlich, da müsse sie ihren Koffer nehmen, um zu Moritz zu fahren, und umgekehrt. Das verstehen wir, zumindest diejenigen unter uns, die ein Wochenendhaus haben, denn damit geht es uns oft genauso. Kaum haben wir uns dort behaglich eingerichtet, müssen wir schon wieder weg. Das versteht ihr gar nicht!, plärrt Mimi. Wenn ihr keinen Bock habt, fahrt ihr eben nicht ins Wochenendhaus und geht in der Stadt fein essen, aber ich, ich kann es mir nicht aussuchen. Stimmt auch wieder.

Mimi ist an und für sich eine gesellige Person, sie pflegt viele Freundschaften und kocht gern für Gäste. Das kann sie allerdings nur bei Moritz, Max ist ein Eigenbrötler, der am liebsten mit Mimi auf einer Insel hausen würde, nur sie beide, viele Bücher und der Hund, das ist seine Vorstellung von einem angenehmen Leben. Mimi liebt den Hund auch, sie kann ihn allerdings nicht zu Moritz mitbringen, der erstens auf Hundehaare allergisch ist und zweitens Haustiere generell ablehnt. Und neulich, als Evi einen runden Geburtstag feierte, konnte Mimi nicht mitfeiern, dabei ist Evi eine ihrer ältesten Freundinnen. Aber Mimi residierte gerade bei Max, und der wollte weder mit ihr zu Evi fahren (die das Fest in irgendeinem angesagten Lokal weit draußen vor der Stadt ausgerichtet hatte), noch an seinem Abend auf sie verzichten. Was auch irgendwie zu verstehen ist. Schau einmal, Mimi, sagten wir hinterher, als wir ihr erzählten, wie lustig es auf Evis Fest war, du musst das Positive sehen. Du lebst gewissermaßen zwei Leben. Eines mit Max und eines mit Moritz – das ist doch eine Bereicherung.

Mimi behauptet, manchmal würde sie ein Leben in ­einer Wohnung vorziehen statt ständig ihre zwei Leben koordinieren zu müssen. Wir finden das zu kurz gedacht. Du kannst von Max und Moritz schlecht verlangen, dass sie zusammenziehen, nur damit du es bequemer hast, sagen wir. Freu dich doch, dass sie dich so sehr lieben!

Wenn sie mich so sehr lieben, sollten sie dann nicht wollen, dass ich es bequemer habe?, fragt Mimi.

Mimi, sagen wir, kleine Kinder leben so, wie du lebst, fast überall in Europa und demnächst hoffentlich auch in Österreich, da wirst du doch über eine Doppel­residenz nicht murren.

Das könnt ihr nicht vergeichen, sagt Mimi. Bei den
Kindern geht es ja auch ums Geld. Doppelresidenz heißt, niemand muss Unterhalt zahlen. Das dürft ihr nicht vergessen.

So ist Mimi: immer gut für schräge Einfälle.

Neu: Elfriede Hammerl, „Zeitzeuge“, edition ausblick

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