Elfriede Hammerl: „Weil sich was ändern muss …“

Elfriede Hammerl: „Weil sich was ändern muss …“

Und zwar was? Ist jeder, der protestwählt, ein Wohlstandsverlierer?

Da saß er, der deklarierte Hofer-Wähler, vor dem ORF-Interviewer Hanno Settele,1) und sagte, warum er Hofer wählen werde. Er saß da, 25 Jahre jung, in einem hochpreisigen Marken-Sweater, auf dem groß Hilfiger stand, in seinem geräumigen und offenbar gut ausgestatteten Haus, vor dem er zuvor mit Frau und Kind posiert hatte, und sagte, dass es nicht so weitergehen könne. Ja, er sei Vollzeitangestellter, aber es sei schwer mit einer kleinen Tochter und wenn man ein Haus zu erhalten habe. Er komme aus, aber es sei halt so, dass man sich keine Extras leisten könne. Und er finde halt schon, für die Familien gehöre „mehr gemacht, im eigenen Land, für die eigenen Leute, und net für die Flüchtlinge, dass man da die Millionen und Milliarden verschwendet“.

Weil es so nicht weitergeht. Weil sich was ändern muss. So lautet das Mantra der Blau-Wähler und -Wählerinnen, wann immer sie öffentlich zu Wort kommen. Und dann folgt ein Hinweis auf die Flüchtlinge/Ausländer, denen nachgeworfen werde, was ihnen vorenthalten wird.


Weil mir morgens die U-Bahn vor der Nase davonfährt, muss eine neue Regierung her, die aufräumt mit allem, was mich ärgert?

Aber was wird ihnen vorenthalten? Die höchsten Zustimmungsraten erntete Hofer in ländlichen Ortschaften, in denen kaum je ein Flüchtling zu sehen ist, und die FPÖ bei der Wien-Wahl 2015 von Menschen, die eigentlich ganz zufrieden sein könnten mit ihrem Lebensstandard. Der Heinz-Nittel-Hof in Wien-Floridsdorf, wo die FPÖ 63 Prozent der Stimmen einfuhr, ist eine Wohnanlage der Gemeinde mit Blumenterrassen vor den Wohnungen, acht Dachschwimmbädern, 15 Saunen, einem Kindergarten und zwei Geschäftszeilen. Oder die Seestadt Aspern: ein Vorzeigeprojekt der Gemeinde Wien, neu erbaut, etwas steril noch, aber architektonisch ambitioniert, mit kleinem Baggersee und eigener U-Bahn-Station, 25 Fahrminuten von der City entfernt. Bei der Wien-Wahl wurde die FPÖ dort Nummer eins. Die Klagen der BewohnerInnen sind im Netz zu finden: Man hört den Autobus. Die versprochene Grün-Oase ist (noch) nicht grün genug. Wenn der Wind weht, wirbelt er Sand auf. Es gibt Ausländer hier.

Jetzt aber im Ernst: Was wird denn da für ein Leidensdruck beschworen? Was kommt denn da für eine Anspruchshaltung zum Vorschein? Und vor allem: Wer soll denn zuständig sein für die Erfüllung der Ansprüche?

Weil mir morgens die U-Bahn vor der Nase davonfährt, muss eine neue Regierung her, die aufräumt mit allem, was mich ärgert?
Wenn mir der Badeanzug zu eng geworden ist, rufe ich nach einem „Präsidenten der Herzen“, der es der verdammten Schwimmbekleidungsostküstenlobby schon zeigen wird?


Oder tragen sie keine Verantwortung für ihre (Wahl-)Entscheidungen und das, was daraus wird?

Wir haben uns angewöhnt, die sogenannten ProtestwählerInnen als benachteiligte Spezies zu sehen, der das Leben übel mitspielt und auf deren Matschkerei mit Verständnis zu reagieren wäre. Modernisierungsverlierer, Globalisierungsopfer, man muss ihre Sorgen ernst nehmen, man muss ihre Ängste thematisieren, man darf sie nicht diskreditieren.

Eh nicht. Aber als erwachsen und mündig ansehen darf man sie schon, oder? Oder tragen sie keine Verantwortung für ihre (Wahl-)Entscheidungen und das, was daraus wird?

Nicht, dass es hierzulande keine Missstände und keinen Verbesserungsbedarf gäbe, aber es stellt sich doch die Frage, ob jeder, der nach einem starken Mann im Staat ruft, das Opfer einer unfähigen Regierung ist.


Hofer ist – knapp – gescheitert. Seine Anhängerschaft wird uns weiter beschäftigen.

Kann es sein, dass wir alle geschickter Propaganda auf den Leim gehen? Die Protestwählenden, weil sie glauben, dass an jedem Wehwehchen böse Ausländer schuld sind und dass es paradiesisch werden wird, wenn sie Blau an die Macht bringen, und wir anderen, weil wir uns jeden, der sich empört (und sei es über Fußpilz oder undichte Fenster) als einen von Verelendung Bedrohten verkaufen lassen?

Hofer ist – knapp – gescheitert. Seine Anhängerschaft wird uns weiter beschäftigen. Diese Wahl sei auch eine Wahl von Unten gegen Oben gewesen, heißt es, und tatsächlich verläuft eine Trennungslinie zwischen den mehr und den weniger Gebildeten. Das verwundert nicht. Unterlegenheitsgefühle – und daraus resultierende Wut – haben etwas mit Bildungsmangel zu tun. Das Problem dabei ist, dass es unserem Schulsystem nicht gelingt, Freude am Wissenserwerb zu wecken. Statt Fähigkeiten zu fördern, ist es darauf angelegt (unter anderem durch frühe Selektion), Unfähigkeit nachzuweisen. Heraus kommen Unwissende, die nicht gegen mangelnde Bildungschancen protestieren, sondern dagegen, dass sich mehr Bildung lohnen und mehr Einfluss nach sich ziehen soll. Statt nach Informationen gieren sie danach, es den Klugscheißern zu zeigen. Daraus lukrieren die Rechtspopulisten Zustimmung und Macht. Die FPÖ stimmte in den vergangenen Jahren gegen die Streichung von Steuerprivilegien für Konzerne und Managergehälter über 500.000 Euro, gegen die Erhöhung der Bankenabgabe und für die Kürzung der Mindestsicherung. Trotzdem verkauft sie sich als Partei der kleinen Leute. Sie weiß schon, warum sie auf der Beibehaltung unseres selektiven Schulsystems besteht, das die Zahl der Klugscheißer nicht ins Kraut schießen lässt.

elfriede.hammerl@profil.at
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