<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Fröhliches Alter

Von der Ungerechtigkeit der Welt. Und was dagegen unternommen werden kann.

1. Zwei Zeitungsartikel vom selben Tag: Der eine widmet sich der Fürstin Marianne zu Sayn-Wittgenstein-Sayn1), die, so lesen wir, 92-jährig in Salzburg von einer Festspielveranstaltung zur anderen hüpft, ohne Ermüdungserscheinungen und elegant gekleidet, toll frisiert, mit roten Lippen. Gefragt, was das Geheimnis ihrer Jugendlichkeit sei, antwortet sie, das sei ihre Freude am Leben, die sie trotz Schicksalsschlägen nie verloren habe.

Der andere, eine Seite davor, hat den Titel: 80-Jährige steckte drei Tage mit Kopf im Klo fest. Eine alte Frau aus Vöcklabruck, so erfahren wir, sei nach einem Schwächeanfall gestürzt und mit dem Kopf in einem ­schmalen Spalt zwischen Kloschüssel und Wand stecken geblieben. Nach drei Tagen hätte eine Nachbarin ihre Hilfeschreie gehört und Rettung sowie Feuerwehr alarmiert. Die Welt ist ungerecht, und selten kriegt man das so konzentriert auf der Vorder- und der Rückseite eines einzigen Zeitungsblatts vor Augen geführt.

Eh klar, wer unser Role Model für den eigenen Lebensabend ist. Nicht die arme Frau mit dem Kopf im Klo. Kann man sich nicht aussuchen, wissen wir. Aber weil wir dieses Wissen schlecht ertragen, ertappen wir uns bei der Überlegung, dass Freude am Leben vielleicht ja doch hinlänglich vor Stürzen und Hilflosigkeit und Krankheit schützt. Hat sich möglicherweise zu wenig am Leben erfreut, die 80-Jährige aus Vöcklabruck. Nicht positiv gedacht. Die Frisur vernachlässigt.

Nein, das ist nicht gehässig gemeint. Frau Sayn-Wittgensteins gute Verfassung ist ein Geschenk, für das sie sich nicht rechtfertigen muss. Allerdings ist ihre Jugendlichkeit auch kein Verdienst. Freude am Leben hin oder her, wenn der Stoffwechsel oder die Muskeln oder das Hirn w. o. geben, richtet auch entschlossene Lebenslust nichts gegen einen Absturz aus. Das Geschenk eines guten Zustands im hohen Alter kommt von der Natur, aber nicht nur. Und es kommt möglicherweise von einem vernünftigen Umgang mit dem eigenen Körper, aber nicht immer, nicht zwangsläufig und keineswegs ausschließlich.

Die Chancen auf ein langes Leben in guter Verfassung sind größer, wenn man wohlhabend und angesehen ist, wenn man aufgehoben ist in einem tragfähigen sozialen Netz, wenn man sich Hilfe und Entlastung zukaufen kann. Natürlich gibt’s auch tattrige Reiche und muntere Lebenskünstler ohne Geld, aber grundsätzlich schaffen bessere Rahmenbedingungen jüngere, gesündere, fittere Alte. Arme sind kränker. Arme sterben früher. Das ist bekannt und statistisch belegt. Trotzdem wird die bessere körperliche Verfassung der Privilegierten in der Regel nicht ihren angenehmeren Lebensumständen zugeschrieben, sondern ihrer bewunderungswürdigen Diszi­plin/Lebensfreude/Umtriebigkeit/geistigen Beweglichkeit. Ihre gute Verfassung gilt als Lohn für ihre Agilität, statt dass man ihre Agilität als Folge ihrer guten Verfassung sieht.

Das hat was mit dem zeitgeistigen Wunsch nach allumfassender Machbarkeit zu tun. Erfolg ist machbar. Gesundheit ist machbar. Glück ist machbar. Daran wollen wir glauben. Und dass wir spätestens im Alter zu den Gesunden und Schönen gehören werden, jawohl. An sich keine blöde Schutzhaltung. Wozu sich vor drohenden Eventualitäten fürchten, die eh nicht wirklich absehbar sind?

Als politisches Konzept allerdings fragwürdig. Dass manche alte Menschen Pflegefälle werden, ist, flotte 92-Jährige hin oder her, unvermeidbar. Dass sie nur betreut werden, wenn die öffentliche Hand dafür auf ihr Erspartes und auf das Einkommen ihrer Kinder zugreifen kann (gerade hat die Steiermark den Pflege-Regress wieder eingeführt), heißt Privatisierung des Invaliditätsrisikos im Alter. Das kann man in Ordnung finden, wenn man davon ausgeht, dass jeder für sein Glück oder Unglück ganz allein verantwortlich ist. Allerdings widerspricht es dem Solidargedanken, der – zumindest in weiten Teilen Europas – dazu geführt hat, dass staatliche Krankenversicherungen die Menschen vor wirtschaftlicher Not als Krankheitsfolge einigermaßen bewahren.

Was für Krankheiten gilt, gilt jedoch nicht für Bresthaftigkeit als Alterungsfolge. Warum nicht? Nein, niemand wird bei uns gänzlich im Stich gelassen. Aber warum werden diejenigen quasi bestraft, die sich ein bisschen was erspart statt alles ausgegeben haben? Und wieso müssen Kinder büßen, wenn ihre Altvorderen im Rollstuhl sitzen, statt von Event zu Event zu hüpfen? Wär höchste Zeit, dass das Thema Pflegeversicherung ernsthaft angegangen wird.

2.
In Wien wurde jetzt gegen einen Zuhälter verhandelt, weil er, mithilfe zweier Kumpel, eine Prostituierte brutal geprügelt, mit Benzin übergossen und – angezündet hatte. Die Frau stand in Flammen, und es ist ein Wunder, dass sie – mit schwersten Verbrennungen und entstellt – überlebte. In einer ersten Gerichtsverhandlung im März war diese Tat nicht als Mordversuch, sondern nur als absichtliche schwere Körperverletzung angeklagt worden. Das Gericht war der Argumentation der Verteidigung gefolgt, es habe sich dabei um einen typischen Denkzettel in diesem ­Milieu gehandelt. Ein (weiblicher) Mensch wird mit Benzin übergossen und in Brand gesetzt: raue Sitten halt, milieu­bedingt. Traditionelles Berufsrisiko. Altes Brauchtum. In was für einer Welt leben wir?

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