Elfriede Hammerl

Elfriede Hammerl

© Alexandra Unger

Meinung
02/05/2022

Elfriede Hammerl: Fütterung

Sind Männer Teil der Care-Arbeit? Solange Frauen das glauben, schaut es schlecht aus.

von Elfriede Hammerl

Auf Twitter schreibt eine Alleinerzieherin, wenn ihre Kinder aus dem Haus sind, wird sie zwei Jahre nichts mehr essen. Der nicht abreißende Kreislauf aus Einkaufen, Kochen, die Küche putzen und schon wieder Einkaufen mache sie nämlich fertig.

Wie gut ich sie verstehe! Und wie lebhaft mir die tägliche Tretmühle in Erinnerung ist, aus der es viele Jahre kein Entkommen gab. Berufsarbeit, die in Hausarbeit überging, die in Berufsarbeit überging, an die sich wiederum die Hausarbeit anschloss, ohne Ende und ohne Pause. Ist so, wenn man Pflichten nicht aufteilen kann, und ist nicht lustig.

Die Twitterantin stößt auch bei anderen Userinnen auf viel Verständnis, sie kriegt eine Menge Zustimmung, ein Gutteil der Tweets kommt allerdings von geplagten Frauen, die anscheinend nicht für Kinder kochen, sondern für einen (Ehe-)Mann, der dreimal am Tag gefüttert werden müsse. Seufz und Zwinker-Smiley.

Ist das drollig! Der Mann als (weiteres) Kind! Braucht sein Pappi. Würde sonst verhungern. Oder vielleicht auch nicht, aber die mütterliche Partnerin riskiert lieber nichts. 

Ich gehe davon aus, dass die twitternden Frauen, die sich als Atzerinnen beharrlich im Nest hockender und die Schnäbel aufreißender Altspatzen geoutet haben, unter 80 und also nicht mit den Rollenbildern von anno Schnee aufgewachsen sind. (Wobei hinzuzufügen wäre, dass zu den heute 80-Jährigen auch die rebellischen Frauenzimmer gehören, die schon in den 1970er-Jahren gegen traditionelle Geschlechterzwänge und -erwartungen revoltiert haben.) Trotzdem gefallen sie sich in der Rolle einer Nährmutter, die den Versorgungswünschen eines erwachsenen Mannes mehr oder weniger hilflos ausgeliefert ist. 

Da könnte frau schon ein wenig ungehalten werden und fragen, wie denn zum Geier was weitergehen soll mit halbe-halbe und Väterkarenz, wenn erwachsene Männer nachsichtig als kleine Buben gesehen werden, die nicht imstande sind, die Butter im Eiskasten zu finden, und deshalb freigestellt werden müssen von den Anforderungen der Nahrungszubereitung.

Sie glauben vielleicht, ich mache aus einer Mücke einen Elefanten und dass es heutzutage generell doch eh total cool zugeht, sodass wir uns den Hinweis auf die Basics sparen können, aber leider. Die Basics sind noch lange nicht überall angekommen. Zu den Basics gehört: Kinder müssen versorgt werden. Männer sind keine Kinder. 

Jetzt bitte nicht sagen, die selbst gebackene Torte ist halt ein Zeichen von Liebe.

Wenn schon auf Twitter, innerhalb einer eher progressiven Bubble, die Ich-bin-die-Mammi-meines-Schatzis-Userinnen herumschwirren, wie schaut es dann wohl anderswo auf Social Media, vor allem aber im echten Social Life aus?

Ich bin die Allerletzte, die Frauen ein fröhliches „Selber schuld!“ entgegenschmettert, wenn es um strukturelle Benachteiligung geht. Sie haben die Strukturen nicht gemacht, die ihnen Einkommensdefizite, mehr unbezahlte Arbeit und schlechtere Aufstiegschancen zuschanzen, aber diese Strukturen bleiben umso fester einbetoniert, je bereitwilliger Frauen alte Verhaltensmuster übernehmen. Dazu gehört auch, einander mit anderen Maßstäben zu messen als Männer.

Ich kenne einen ehemaligen Hausmann, der hat seine Kinder konsequent mit Fertigmahlzeiten aus der Tiefkühltruhe ernährt. Seine Kinder sind groß und stark geworden und erinnern sich voll Wohlwollen an ihre frühen Jahre. Sämtliche Mütter der Umgebung lagen ihm zu Füßen und priesen seinen Einsatz. Keine mir bekannte berufstätige Mutter hat es gewagt, ihren Kindern ausschließlich Fertigmenüs zu servieren. Aber schon gelegentliche Tiefkühlpizzen reichten oft für eine schlechte Nachred’. Ich weiß von erwachsenen Töchtern, die es ihren Müttern nicht verzeihen können, dass es zum Geburtstag eine gekaufte statt einer selbst gebackenen Torte gab.

Jetzt bitte nicht sagen, die selbst gebackene Torte ist halt ein Zeichen von Liebe. Das kann sie sein. Aber bei den Versorgungstätigkeiten, von denen behauptet wird, ihre Unterlassung sei Liebesentzug, geht es meistens nicht um einzelne kreative Akte der emotionalen Zuwendung, sondern um den alltäglichen, mühsamen Aufwand zur Aufrechterhaltung eines funktionierenden Haushalts. Diesen Kraftakt allein zu bewältigen, ist verdammt schwer. Es wäre also nur fair, wenn die Mühe dort, wo es zwei Erwachsene im selben Haushalt gibt, gerecht zwischen den Erwachsenen aufgeteilt würde.

Aber solange Frauen sogar ihre Männer als einen Teil der Care-Arbeit sehen, die sie als ihre Aufgabe betrachten, so lange wird es um die Gerechtigkeit schlecht bestellt sein.

Das Merkwürdige ist, dass alle diese jungen Frauen, die agieren wie die Muttis in 1950er-Jahre-Klischeebildern, ja keineswegs das Leben einer solchen Mutti führen, die – so zumindest das Stereotyp – freigestellt war, den Gatten abends im Cocktailschürzchen mit russischem Salat und Toast Hawaii zu verwöhnen. Sie gehen einem Beruf nach, finanzieren den Haushalt mit und erwarten nicht unbedingt, dass der Liebste Lichtleitungen verlegt oder tropfende Wasserhähne reparieren kann. Und trotzdem fühlen sie sich zuständig für seine Kalorienzufuhr. Nennt mich begriffsstutzig, aber ich verstehe es nicht.