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Meinung
06/20/2020

Elfriede Hammerl: Ganz schön riskant

Salzburg will Frauenhäuser sichtbar machen. Aber wozu?

von Elfriede Hammerl

Müssen die Adressen von Frauenhäusern geheim gehalten werden? Selbstverständlich, sollte man meinen. Frauenhäuser bieten Schutz vor Gewalttätern. In Frauenhäuser flüchten Frauen nicht, weil sie schmollen, dass ihnen der Schatzi keine Rosen zum Hochzeitstag geschenkt hat, sondern weil ihr Ehemann oder Lebensgefährte oder Exfreund sie und womöglich auch ihre Kinder an Leib und Leben bedroht. Jede Frau, die einem Gewalttäter entkommen möchte und in ein Frauenhaus flieht, flüchtet aus einer hochriskanten Situation und setzt sich einem hohen Risiko aus, weil Gewalttäter ihr Opfer meistens nicht so einfach freigeben wollen.

Das Frauenhaus übernimmt die Aufgabe, solche Frauen abzuschirmen von den Bedrohern. Das klappt selbstverständlich nur, wenn die Opfer dem Verfolger nicht auf dem Präsentierteller dargeboten werden.

In Salzburg will NEOS-Landesrätin Andrea Klambauer indes "frische Ideen" in die Frauenhausarbeit bringen und schreibt die Leistungsverträge der schon bestehenden Frauenhäuser europaweit neu aus.

Dabei kündigt sie an, dass ein neues Frauenhaus in Saalfelden "ins Zentrum der Gesellschaft rücken und sichtbar gemacht" werden wird, "sodass", wie es im Auschreibungstext heißt, "die Frauen nicht mehr flüchten und sich nicht mehr verstecken müssen, sondern vielmehr die Gewaltausübenden Sanktionen erleben". Das klingt, als gelte es, Gewaltopfer von einem Stigma zu befreien, aber tatsächlich dient die Geheimhaltung ihres Aufenthaltsortes ja nicht dem Verstecken eines Makels, sondern einfach nur dem Schutz ihres Lebens. Sanktionen gegen die Gewaltausübenden werden dadurch keineswegs verhindert. Sich auf Wegweiserecht und Annäherungsverbot zu verlassen, reicht jedoch nicht immer aus, wie sich erst kürzlich in Kärnten zeigte, wo ein mehrfach weggewiesener Mann schließlich Ehefrau und Freundin ermordet hat. Die Leiterin des Gewaltschutzzentrums Salzburg, Renée Mader, sieht im Sichtbarmachen gefährdeter Frauen inmitten einer Wohnhausanlage ebenfalls kein Problem, denn diese Unterbringung signalisiere dem Täter: "Hier gibt es Nachbarn, die wissen, dass hier Frauen Schutz brauchen." Jetzt im Ernst? Nachbarn sollen als Schutzschild dienen zwischen bedrohten Frauen und vielleicht bewaffneten Gewalttätern? Da werden sich die Nachbarn aber schön bedanken. Und das zu Recht. Nicht jede Frau, sagt Mader, sei ein Hochrisikofall. Das ist, mit Verlaub, eine hochriskante Behauptung. Denn es gibt keine sichere Prognose über das Verhalten von Gewalttätern. Man weiß nie, welcher neue Anlass - das Näherrücken der Scheidung vielleicht oder Probleme am Arbeitsplatz - neue Gewaltausbrüche provoziert.

Klambauer begründet die Neuausschreibung damit, dass sich "an den "Konzepten der Frauenhäuser seit den 1980er-Jahren nichts geändert" habe. Dagegen könnte man freilich einwenden, dass auch die Mechanismen der Gewaltausübung im Wesentlichen gleich geblieben sind, weshalb Erfahrung und Expertise auf diesem Sektor nicht unterschätzt werden sollten. Die Ausschreibung verzichtet indes darauf, Erfahrung in der Führung von Frauenhäusern als Bewerbungskriterium anzuführen.

Es scheint nicht unwesentlich, dass im Konflikt zwischen der Landesrätin und den bisherigen Geschäftsführerinnen die Kosten und deren Kontrolle eine wesentliche Rolle spielen. Das Land verlangte Einsicht in die Daten der aufgenommenen Frauen und in den Inhalt der geführten Gespräche, vor allem, wenn dafür DolmetscherInnen benötigt wurden - die Frauenhäuser bestanden auf Geheimhaltung. Das Land wollte statt DolmetscherInnen billigere Video-Übersetzungen. Und statt eines Nachtdienstes gibt es ohnehin nur noch eine Rufbereitschaft.

Das alles drückt Misstrauen und Geringschätzung aus: Wer weiß, ob die Frauen nicht lügen oder zumindest übertreiben? Wer weiß, ob ihre Betreuerinnen nicht lügen oder übertreiben oder die Falschen schützen? Wozu braucht so eine eine Dolmetscherin an ihrer Seite, wenn man sie auch vor einen Computer setzen kann?

Misshandelte Frauen zögern oft, Hilfe zu suchen, weil sie sich schämen, dass sie misshandelt wurden. Sie sehen das Scheitern ihrer Beziehung als ihr Versagen an. Sie fühlen sich minderwertig. Und im Grunde gibt ihnen die Politik seit Langem das Gefühl, dass sie genau das sind: gestrandete Existenzen, die es nicht geschafft haben, ein vorzeigbares Familienleben zu führen, weswegen jede Hilfe für sie ein Gnadenakt ist. Warum sonst wären Frauenhäuser chronisch unterdotiert und müssten um jeden Cent betteln, den sie für ihren Fortbestand brauchen? Zwar haben etliche Frauenhäuser inzwischen mehrjährige Verträge mit dem jeweiligen Bundesland, aber fast überall werden sie äußerst knappgehalten.

Ja, misshandelte Frauen sollten sich nicht verstecken müssen. Aber sie öffentlich auszustellen, hebt ihr Sozialprestige nicht, es gefährdet nur ihre Sicherheit. Wer sie achtet, sollte lieber ihre Notlage nicht reflexartig als Lüge entlarven wollen. Ins Frauenhaus geht bestimmt keine, weil sie sich davon ein Wellness-Wochenende verspricht.