Elfriede Hammerl: Gehen mit Schrittzähler

Elfriede Hammerl: Gehen mit Schrittzähler

Wer nichts zu verbergen hat, lässt seine Gesundheit elektronisch überwachen. Sagen die Versicherungen.

Ich trage jetzt immer einen Schrittzähler mit mir. Wie der Chef der SVA, der das in einem Zeitungsinterview* vor einigen Wochen stolz von sich erzählt hat. Die SVA ist die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft, sie hat schon vor einiger Zeit ein Bonus-Malus-System für ihre Versicherten eingeführt. Das funktioniert so: Wer sich gesund erhält, zahlt bei Arztbesuchen bloß zehn Prozent Selbstbehalt. Die Schlamperten hingegen, die ihre Körper nicht tadellos unter Kontrolle haben, müssen zur Strafe 20 Prozent der Arztkosten selber tragen. Das soll sie lehren, an ihrer Gesundheit zu arbeiten. Gesundheit ist ja bekanntlich machbar, wer sie einbüßt, hat nicht genügend auf sie geachtet. Und Achtlosigkeit kostet eben, egal, ob man sein Geldbörsel verliert oder die Gesundheit.
Die Bonus-Malus-Methode gilt als richtungsweisend für die Zukunft. Bis jetzt verrechnen die meisten Krankenkassen ja noch keinen Selbstbehalt, und auch die Prämien dienen nicht der Belohnung oder der Bestrafung. Doch das verleitet die Menschen leider zu einem leichtfertigen Umgang mit dem Gesundheitssystem. Sie nehmen seine Leistungen einfach in Anspruch, kaum dass ihnen etwas fehlt. Das muss sich ändern, sagen die Fachleute, und ich stimme ihnen zu.

Wie komme ich dazu, dass meine Krankenkassenbeiträge darauf verschwendet werden, übergewichtige Couch-Potatos zu therapieren, die noch nie ein Fitnesscenter von innen gesehen haben, während ich mich täglich an Kraftmaschinen mühe, statt mich in einem aufreibenden Job zu verschleißen? Diese Frage habe ich mittlerweile in allen möglichen Online-Foren gepostet, und das Echo war überwältigend positiv. (Mich jedenfalls hat es überwältigt. Natürlich kamen auch negative Reaktionen, wahrscheinlich von ein paar faulen Fettsäcken, aber die nehme ich nicht ernst.)

Deswegen: hervorragende Idee, der Schrittzähler am Hosenbund! Habe mir sofort nach Lektüre des Interviews ­einen zugelegt, dazu weitere elektronische Überwachungsgeräte, die meine gesunde Lebensweise kontrollieren und dokumentieren: Blutzucker, Kalorienzufuhr, Herzrhythmus, Nierenfunktion, Darmbakterien, Hormonausschüttung – alles wird ständig gemessen, aufgezeichnet und an meine Krankenversicherung weitergeleitet. Ich habe nichts zu verbergen! Und sollte mein Sexualhormonspiegel zu niedrig sein, bin ich gerne bereit, mein Liebesleben neu zu gestalten, notfalls mithilfe einer Online-Partnerbörse. Mein bisheriger Partner würde sicher verstehen, dass es nur im Interesse meiner Gesundheit geschähe und ein Dienst an der Allgemeinheit wäre, der ich schließlich nicht durch Unpässlichkeit zur Last fallen will. Allerdings sehe ich nicht ein, dass ich mit gutem ­Beispiel vorangehe, ohne dass man mir folgt. Ich habe deshalb der Gesundheitsministerin in einem offenen Schreiben vorgeschlagen, dass sich in Zukunft alle Krankenversicherten einer Kombination aus Selbst- und Fremdkontrolle unterziehen sollen, von deren Ergebnissen die jeweilige Beitragshöhe abhängig gemacht wird. Wer mit seiner Gesundheit Schindluder treibt, zahlt mehr, wer auf sich achtet, weniger.

Ich wäre gerne bereit, das Meine zum Funktionieren dieses Systems beizutragen und Meldung zu erstatten, sobald mir auffällt, dass einer meiner Mitmenschen ein gesundheitsgefährdendes Verhalten an den Tag legt. Seit Langem beobachte ich mit Ärger, wie junge Mütter ihren Kindern trotz Wind keine Mützen aufsetzen, Mädchen in blasenleidenfördernden Miniröcken umherlaufen, pausbäckige Passanten Leberkässemmeln in sich hineinstopfen und Supermarktangestellte nach der Arbeit den Autobus nehmen, statt ein paar Joggingrunden zu drehen.

Ein schneller Sprung ins Hallenbad geht sich immer aus!, predige ich seit Langem Dannica, meiner Putzfrau, die ebenfalls keinen Ausgleichssport treibt. Leider hört sie nicht auf mich. Sie hetzt bloß von Putzstelle zu Putzstelle – dass das nicht gesund ist, kann man sich ausrechnen. Wenn es nach mir ginge, wäre sie im Malus, aber sie sagt, sie zahlt gar nichts, weil sie nicht versichert ist. Kein Wunder, dass die Krankenkassen auf keinen grünen Zweig kommen.

Die Gesundheitsministerin hat mir bis jetzt nicht ge­ant­wortet. Es wundert mich, dass sie meine Reformideen nicht begeistert aufgreift. Vielleicht war es ein Fehler, höhere Prämien für all jene zu verlangen, die stolz verkünden, dass sie 100 Stunden in der Woche arbeiten und seit Jahren nicht auf Urlaub waren. Unter denen sind bekanntlich viele Politikerkollegen der Frau Gesundheitsministerin, und vermutlich wollen sie nicht wegen Raubbau an ihren Körpern zur Kasse gebeten werden.

Muss auch nicht sein. Es gäbe genügend andere Einnahmequellen. Ein kleiner Umweltskandal hier, ein bisschen Gift in der Milch dort, verseuchte Brunnen, verpestetes Gemüse oder Autokolonnen, die sich Tag für Tag an Wohnhäusern vorbeiwälzen, und schon rutschen Hunderte Versicherte wegen schlechter Gesundheitswerte in den Malus – vorausgesetzt, wir verabschieden uns endlich von unserem sentimentalen und überholten Solidarsystem und führen die Krankenkassen straff gewinnorientiert wie zeit­gemäße Unternehmen.

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com