<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Gier, Glumpert, Glück

Kaufen! Schnell! Warum wir was vielleicht - oder auch nicht - haben müssen.

Na so was, sagt die Friseurin zu mir, Sie haben ja ein uuuraltes Handy. Ich nicke und ertappe mich bei einer Regung, die ich nie für möglich gehalten hätte: Ich geniere mich, weil ich ein uuuraltes Handy habe. Dabei ist mein Handy nach meiner Definition gar nicht alt. Zwei Jahre vielleicht. Oder drei? Es kann, was ich von einem Handy verlange: Es lässt mich telefonieren und SMS schicken. Eigentlich kann es sogar viel mehr, aber die meisten dieser Funktionen nehme ich kaum in Anspruch. Allerdings stört es mich langsam doch, dass ich damit nicht ins Internet komme, weil -

Ja, warum? Weil ich mich zeitgemäßen Erfordernissen auf Dauer nicht verweigern kann, oder weil ich mir einreden lasse, dass ich, wenn alle anderen ständig online sind, ebenfalls so oft wie möglich online sein muss?

Nicht leicht zu beantworten. Einerseits stehe ich dazu, nicht unentwegt verfügbar zu sein. Andererseits komme ich ja doch nicht um die Beantwortung meiner E-Mails herum. Warum also nicht lieber zwischendurch mailen, statt später, oft bis in die Nacht hinein, abzutragen, was sich während meiner Offline-Zeit aufgestaut hat? Und dann, also, praktisch ist es schon, sofort zu googeln, was einem grad nicht einfällt, oder?

Okay, wir wissen, wie es ausgehen wird. Bald werde ich ein Smartphone haben, allein deshalb, weil Smartphones demnächst üblicher Standard sein werden.

Was mich aber beschäftigt, ist mein reflexhaftes (wenngleich nur sekundenlanges) Mich-Schämen dafür, dass mein Handy so gar nicht zum Prestigeobjekt taugt. Hab ich es nötig, mich über mein Mobiltelefon zu definieren?

Ich bin keine Konsumverweigerin. Ich kaufe gern ein. Klamotten, Handtaschen, Schals. Schuhe? Ja, Schuhe auch. Ich kaufe Klamotten, weil ich sie schön finde oder weil ich mich darin schön finde oder weil ich hoffe, dass andere mich damit schön finden werden. (Schön oder, na ja, annehmbar.) Es macht mir Vergnügen, ein neues Beutestück anzuziehen und zu tragen. Meine Beutestücke entsprechen in der Regel den gerade herrschenden Modetrends, ich bin nicht unabhängig genug, meinen ganz und gar eigenen Stil zu kreieren. Ehemals hochmodische Kleidungsstücke, denen man ansieht, dass ihre Glanzzeit vorüber ist, würde ich nicht gern tragen, es sei denn, sie sind in Würde gealtert, aber auf wie viele trifft das schon zu? Wahrscheinlich würde ich mich damit sogar ein bisschen genieren. Definiere ich mich denn über meine Kleidungsstücke?

Jein. Es wäre weltfremd, darauf zu bauen, dass es auf mein Styling nicht ankommt, weil im Umgang mit anderen nur meine inneren Werte zählen sollen. Selbstverständlich möchte ich meiner Umgebung durch mein Outfit signalisieren, mit wem sie es zu tun hat, nämlich mit einer respektablen Person von gutem Geschmack. Aber noch nie habe ich das Bedürfnis verspürt, mit Labels aufzutrumpfen, und schon gar nicht schäme ich mich dafür, dass meine - wie ich behaupte: äußerst schicken - Taschen weder von Tod’s noch von Liebeskind sind. Nicht, dass mir Designer-Taschen dieser Preiskategorien nicht gefielen, aber erstens vertragen sie sich nicht mit meinem Budget, und zweitens bin ich mir nicht sicher, ob ich es nicht obszön fände, den Gegenwert von mehreren Mindestrenten in eine Tasche zu investieren, selbst wenn ich mir das leisten könnte.

Gnädigerweise bleibt es mir erspart herauszufinden, was im Ernstfall siegen würde, meine moralischen Bedenken oder mein Gefallen an dem einen oder anderen Luxusstück, aber eins kann ich zumindest mit Sicherheit behaupten: Ich würde Luxusstücke nicht wegen ihres bloßen Prestigewerts haben wollen. Frauen, die über alles die Nase rümpfen, was nicht ein angesagtes Designer-Etikett trägt, sind in meinen Augen ziemlich armselige Figuren.

Diese meine Immunität gegen den Markenfetischismus habe ich mir bisher immer als generell vernünftiges Konsumverhalten zugutegehalten. Aber auf einmal stellt sich heraus: Ich lasse mich durch eine kleine abwertende Bemerkung dazu bringen, eine an und für sich vertretbare Konsumentscheidung (im Fall meines Handys: eine Entscheidung gegen neuerlichen Konsum) anzuzweifeln. So leicht passiert’s.

In dieser Kolumne wurde letzthin viel über Gier, Geld und Glück geschrieben und davon, wie sie (nicht) zusammenhängen. Zieh ein altmodisches Handy heraus, und du erfährst, wie schmal der Grat ist zwischen einer tatsächlich unzureichenden Ausstattung mit Gebrauchsgütern und Konsumterror.

Was sind das für Leute, die mit neuestem teurem technischem Klimbim punkten wollen, fragen wir uns oft, wir, die wir letztlich imponierendere Statussymbole kennen als Handys oder aufgemotzte Autos, nämlich besondere Talente und Geistesgaben und andere immaterielle Güter. Hm.

Stimmt schon, Konsumgüter sind zweifelhafte Persönlichkeitsaufwerter. Aber was, wenn man sich permanent in einer Umgebung bewegt (bewegen muss?), der XXXS-Smartphones mehr imponieren als Geistesgaben? Und was, wenn ein XXXS-Smartphone das einzig Imponierende wäre, zu dem man es je bringen könnte? Natürlich definiere ich mich nicht über mein Handy. Aber wie es mich auf einen einzigen fremden Blick als ziemlich altmodische, ja, ärmliche Person geoutet hat, das war schon irgendwie lehrreich.

elfriede.hammerl@profil.at

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