Elfriede Hammerl: Hilfefrufe II

Elfriede Hammerl: Hilfefrufe II

Leiden Sie unter einem Gefühl der Überlastung? Oder sind Sie überlastet?

Menschen brauchen Hilfe . Kriegen sie doch! Kriegen sie? Das Beratungsangebot heutzutage ist auf den ersten Blick beeindruckend. PsychotherapeutInnen scheinen sich geradezu exponentiell zu vermehren, daneben gibt es Lebensberatung unterschiedlicher Art, Coachings, Selbsterfahrungsgruppen. Selbst wenn wir eventuell halbseidene Veranstaltungen wie Lehrgänge in tantrischer Wiedergeburt u. ä. ausklammern, bleibt noch viel an seriösen Hilfsangeboten übrig. Mit zwei Schönheitsfehlern. Erstens: Die Inanspruchnahme muss man sich leisten können. Psychotherapie auf Krankenschein gibt es nur für wenige Auserwählte, was einerseits daran liegt, dass die Kassen die TherapeutInnen schlecht zahlen, und andererseits an den hohen Zugangsbarrieren der Kassen für potenzielle PatientInnen. Zuletzt gab es heftige Empörung, weil von den TherapeutInnen verlangt wurde, dass sie die Therapienotwendigkeit detailliert begründen sollten, was beispielsweise bedeutet hätte, Missbrauchsopfer als solche aktenkundig zu machen, also zu stigmatisieren.

Zweitens: Viele Beratungsangebote gehen davon aus, dass persönliche Probleme hauptsächlich aus persönlichem Unvermögen resultieren. Erforschung des eigenen Ich. ­Seine Schwächen überwinden. Seine Stärken entdecken. Sich besser verkaufen. Lebensmut finden. Dynamischer werden. So was bieten sie an, dafür sind sie da.

Aber was ist mit den Rahmenbedingungen, dem sozialen Umfeld, den Behörden, den gesetzlichen Vorgaben? Haben die keine Wirkung auf das Individuum, keine Mitverantwortung dafür, wie es den Einzelnen geht?

Auf einer Tagung: MedizinerInnen und Psychosachverständige referieren über Stressbewältigung und Stressabbau. Aus dem Publikum meldet sich eine junge Frau und fragt die versammelten Kapazunder, wie sie mit ihrem ­Gefühl der Überlastung und Überforderung fertigwerden könne. Dann schildert sie ihre Situation, und es wird klar: Sie leidet nicht unter einem Gefühl der Überlastung, sie leidet unter Überlastung. Sie ist überfordert, und alle anderen in ihrer Lage wären das auch. Aber sie ist darauf konditioniert, die Verantwortung dafür nur bei sich zu suchen, deshalb glaubt sie, die Lösung ihrer Probleme liege nicht in geänderten Rahmenbedingungen, sondern in einer ­Modifikation ihrer Psyche, damit sie schlechte Rahmenbedingungen besser erträgt. Nun hilft mentale Stärke zwar durchaus beim Navigieren durch lausige Lebensphasen, aber manchmal reicht sie zur Bewältigung von Schwierigkeiten einfach nicht aus.

Ich bekomme viel Post. Menschen breiten ihre Probleme vor mir aus. Und ich gewinne zunehmend den Eindruck: Viele fühlen sich nicht nur im Stich gelassen, sie sind es auch. Es fehlt an der richtigen Beratung und sehr oft an praktischer Unterstützung.

Ermutigungsseminare helfen nicht wirklich oder nicht in erster Linie beim Rechtsstreit um die Kinder, das Erbe, die Unterhaltszahlungen. Erschöpfte und Überforderte würden Entlastung im Alltag brauchen – Hilfe im Haushalt, Unterstützung bei der Kinderbetreuung, einen besser bezahlten Job, andere Arbeitsbedingungen. Mit dem Freilegen verschütteter spiritueller Energien ist es da nicht getan.

Kranke irren durchs Gesundheitssystem auf der Suche nach den richtigen Therapien, stranden an Wartelisten, scheitern an bürokratischer Willkür, die ausgerechnet ihnen eine bestimmte Untersuchung, ein bestimmtes Medikament, eine aufwendigere Behandlung verweigert.

Manche haben scheint’s fragwürdige Helfer erwischt, sie sehen sich von ihrem Anwalt, ihrer Sachwalterin übervorteilt, und es spricht einiges dafür, dass ihr Verdacht stimmt. Was tun? Man hat sich an Gescheitere und Fachkundige gewandt, die ihren Wissensvorsprung gegen einen verwendet haben – wo soll man jetzt noch Gescheitere hernehmen, die den falschen HelferInnen auf die Finger klopfen?

Ich telefoniere mit Behörden wegen einer Mutter in Not, die mit unterschiedlichen Rechtsauskünften von den Ämtern im Kreis herumgeschickt wurde. Ich – Achtung, Presse! – dringe immerhin an die Spitze der Auskunftshierarchie vor und bekomme folgenden Rat: Die Mutter in Not solle sich an eine bestimmte Institution wenden, die habe ein gutes Online-Portal, da könne sie ihr Problem deponieren. Ach. Aber vielleicht hat die Betroffene nicht so viel Übung im Umgang mit Online-Portalen? Und wollte ich meine Sorgen einem Online-Portal anvertrauen, wenn ich in Not wäre?

Menschen brauchen Hilfe, immer wieder, und ich weiß keine Patentlösung, wie sie sie wirklich bekommen können. Aber mit Online-Ratgebern und der Auslagerung in private Geschäftszweige wird es jedenfalls nicht getan sein, sofern wir uns nicht auf den Standpunkt stellen, dass jeder und jede nur für sich selbst verantwortlich und unsere Gesellschaft eine zufällige Ansammlung beinhart konkurrierender Ich-AGs ist. Gefragt wäre Sozialarbeit im weitesten Sinn, mit ausreichend Personal, einigermaßen anständig finanziert aus öffentlichen Geldern. Die sind knapp, richtig, aber trotzdem haben wir sie schon in schlechtere Projekte investiert.

Neu: Elfriede Hammerl, „Zeitzeuge“, Roman, edition ausblick. Präsentation und Lesung am 25.9. um 18.30 Uhr im Presseclub Concordia, 1010 Wien, Bankgasse 8. Anmeldung: office@edition-ausblick.at

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com