Elfriede Hammerl: Lässiger Typ

Elfriede Hammerl: Lässiger Typ

Womit muss eine Studentin rechnen, wenn sie mit einem Professor auf ein Bier geht?

Da gibt es diesen Professor an der Wirtschaftsuni Wien, der kürzlich wegen wiederholter sexueller Belästigung von Studentinnen und Mitarbeiterinnen in einem Disziplinarverfahren schuldig gesprochen wurde. Ein fescher Kampl sei er, postet jemand in einem Online-Forum. Ein echt lustiger Typ, findet ein Studierender in einem anderen Forum. Inoffiziell scheint vielen klar, um wen es sich handelt, offiziell ist sein Name nicht bekannt, auf dem veröffentlichten Erkenntnis der Disziplinarkommission ist er geschwärzt.

Rektor Christoph Badelt bedauerte diesen Schutz des Täters, dadurch könne die WU ihre Studentinnen nicht einmal vor ihm warnen. Inzwischen hat sich der Betreffende zu einer vierjährigen Karenzierung ohne Bezüge überreden lassen. Kündigung war nach dem Beamtendienstrecht ausgeschlossen. Der Täter ist pragmatisiert, und der Disziplinarrat des Wissenschaftsministeriums hat ihn zwar schuldig gesprochen, aber von einer Entlassung abgesehen.

Der lustige Kampl legte über Jahre ein Verhalten an den Tag, das eine Reihe von Frauen gar nicht zum Totlachen fand. Der Schuldspruch zeichnet das Bild eines übergriffigen Mannes, der davon ausgeht, dass Frauen für einen ausschließlich sexualisierten Umgang mit Männern programmiert sind, und der Abhängige ohne jeden Genierer bedrängt. Er bittet eine Studentin zu sich ins Büro, angeblich, um mit ihr über ihre schriftliche Prüfung zu sprechen, doch als sie kommt, will er mit ihr „kuscheln“. Einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin rückt er beim gemeinsamen Verfassen eines Artikels so nahe, dass er ihr an den BH-Träger fassen kann – er wolle kontrollieren, ob BH und Tanga zusammenpassen, sagt er. Einer anderen Mitarbeiterin zieht er den Ausschnitt ihres T-Shirts weg, um zu schauen, „welche Unterwäsche“ sie trage. Einer Studentin schickt er – eine Woche vor ihrem Prüfungstermin und nach Abgabe einer Hausübung in seinem Büro – eine E-Mail, in der er ihre hübsche Bluse lobt. Zusatz: „Im Übrigen … ich mag transparente Sachen.“


So. Und jetzt die – altbekannten – Entschuldigungen: Mein Gott, er hat’s halt probiert! Frauen können sich doch wehren.

Eine andere Studentin nötigt er, mit ihm auf ein Bier zu gehen, als „Strafe“, weil sie in einer Lehrveranstaltung „Sie“ zu ihm sagte, obwohl er das allgemeine Du ausgerufen hat. Im Lokal wird er zudringlich. Als sie ihn abwehrt, will er’s nicht akzeptieren und versucht es erneut. Eine weitere Studentin bestellt er in sein Büro, bittet sie nach einer Weile, ihre Arme zu heben, lacht über die Schweißflecken unter ihren Achseln und gesteht, er habe die Heizung hinaufgedreht, damit sie sich ausziehe. Einige Zeit später schickt er ihr eine E-Mail mit dem Bild eines Penis und dem Text: „Wo hast du Platz für mich, wo ich ihn reinrammen kann?“ Da hat sich allerdings zwischen ihr und ihm schon eine, wie die Disziplinarkommission es ­später nennt, „einvernehmliche konfliktreiche intime ­Beziehung“ entwickelt.

Zwei Frauen gaben seinem Drängen nämlich nach, die Einvernehmlichkeit dabei wird im Erkenntnis der Kommission freilich kritisch relativiert. Denn das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden berge die Gefahr, dass sexuellen Handlungen, „sei es aus Sorge vor Nachteilen, sei es aus Scheu vor der Autorität des Lehrers“, nicht „entgegengetreten“ werde, „was aber ein Über-sich-ergehen-Lassen und keine Einvernehmlichkeit“ darstelle.

Die Strafe fällt trotzdem mild aus: vier Monatsgehälter Geldbuße, die in Raten bezahlt werden dürfen. Keine Einwände gegen eine weitere Lehrtätigkeit.

So. Und jetzt die – altbekannten – Entschuldigungen: Mein Gott, er hat’s halt probiert! Frauen können sich doch wehren. Warum ziehen sie denn nicht sofort, gleich am Anfang, die Reißleine? Vielleicht, weil sie es satt haben, ständig wehrhaft sein zu sollen? Vielleicht, weil eine, zu der ein Professor sagt, er wolle in seinem Büro über ihre Prüfungsergebnisse mit ihr sprechen, annimmt, dass er mit ihr über ihre Prüfungsergebnisse sprechen will? Vielleicht, weil eine, die mit einem lässigen, lockeren Typ von Prof. auf ein Bier geht, nicht damit rechnet, dass er beim Bier gleich zur Sache kommt, zu einer Sache, die frau keineswegs unabdingbar einkalkuliert, wenn sie mit einem lässigen, lockeren Typ auf ein Bier geht?

Ja, möglicherweise haben einige den feschen Kampl zunächst ganz attraktiv und sein Interesse sogar ganz schmeichelhaft gefunden. Den potenziellen Belästiger vermutet frau ja eher im verklemmten Außenseiter und weniger in einem, der es auf den ersten Blick gar nicht nötig hat, durch Belästigung etwas erreichen zu wollen. Blöd nur, wenn sich der lockere Typ als zwanghafter Aufreißer herausstellt, der offenbar überzeugt ist, dass die Frauen froh sein können, wenn er ihnen an die Wäsche geht. So einer ist schon unter gewöhnlichen Umständen problematisch, weil Auf-ein-Bier-Gehen in unserer Gesellschaft eben nicht als Einverständniserklärung zum Geschlechtsverkehr gewertet werden darf.

Noch problematischer wird es, wenn der Mann bei Abhängigen sexuelle Verfügbarkeit voraussetzt. Der Disziplinarsenat hat das richtig erkannt. Sein Urteil jedoch signalisiert: im Endeffekt wurscht. Und das ist irgendwie nicht ganz wurscht.

elfriede.hammerl@profil.at
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