<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Madame DSK

Ein Versuch, die Treue zu fragwürdigen Ehemännern zu verstehen.

Dominique Strauss-Kahn bleibt bei seiner Verteidigungslinie. Nein, er hat keine Gewalt angewendet, weder ­Nafissatou Diallo noch Tristane Banon gegenüber. Wenn sie das Gegenteil sagen, lügen sie. Basta. War zu erwarten. Überrascht nicht. Ein Rätsel hingegen bleibt, sagen die ­Frauen, die ich kenne, warum seine Ehefrau zu ihm halte. Hat sie nicht die Schnauze voll? Warum nicht? Unsereine hätte DSK längst hochkant hinausgeschmissen! Na ja. ­Unsereine hat ihn ja auch nicht geheiratet. Unsereine ist nicht an ihn gewöhnt. Unsereine verbindet nichts mit ihm. Unsereine hätte so einen wie ihn überhaupt nie geheiratet! Na ja. Unsereine ist auch nicht Anne Sinclair. Und überhaupt, wer weiß. Irgendwas wird er schon gehabt haben, das zumindest Mme. Sinclair heftig angezogen hat, wer blickt schon hinter das Geheimnis der Anziehung.

Nein, keine Reinwaschung von DSK, um Gottes willen, der Mann hat einen zu miserablen Ruf für einen Sympathiebonus. Nein, auch keine Solidaritätsadresse an Frau DSK. Lediglich der Versuch zu verstehen, in Grenzen wenigstens.

Ich stelle mir vor, ich bin Anne Sinclair, eine Tochter der Jewish Upper Class, Millionenerbin, Absolventin einer Pariser Eliteuniversität, eine der angesehensten Journalistinnen Frankreichs, unabhängig durch Reichtum und beruflichen Erfolg, aber abhängig von den Bewertungskriterien meiner Gesellschaftsschicht, der ich seit 63 Jahren angehöre und die zu verlassen ich nicht die geringste Lust verspüre.

In meinen Kreisen hat man einen Ehemann vorzuweisen. In meinen Kreisen hat man nicht irgendeinen Ehemann, sondern einen, der sozialprestigemäßig punktet. Ich habe DSK geheiratet, einen Mann, dessen Initialen mittlerweile genügen, damit man weiß, wer gemeint ist, einen, der versprach, eine Art französischer JFK zu werden. Ich habe ­Anspruch auf einen besonderen Mann, sage ich mir, denn ich bin nicht irgendeine Frau. Ich bin an erfolgreiche Männer gewöhnt, an Machtmenschen, die siegen, unterwerfen und sich nehmen, was sie wollen. Ich gehöre selber zur Spezies der Befehlenden, zaghaftes Zögern ist in meinen Augen keine Tugend. DSKs Charakterstruktur ist mir prinzipiell keine Abschreckung, sondern vertraut. Zwar kränkt es mich, wenn sich mein Mann an andere Frauen heranmacht, aber gleichzeitig glaube ich, dass virile Männer polygam sein müssen, ich möchte es glauben. Und vor die Wahl gestellt, meinen Mann für einen sexuellen Belästiger, ja sogar für einen Vergewaltiger zu halten, oder die Frauen, an die er sich heranmacht, für hinterhältige Schlampen, ziehe ich die zweite Version vor.

Ihn als sexuellen Belästiger oder gar als Vergewaltiger zu sehen würde bedeuten, dass ich meinerseits einen großen Fehler gemacht und bei der Partnerwahl versagt habe, aber eine wie ich unterliegt nicht. Mein ganzes Lebenskonzept wäre dadurch infrage gestellt. Immerhin habe ich mich seiner Karriere zuliebe aus dem Journalismus zurückgezogen; als er Minister wurde, habe ich keine politischen Sendungen mehr geleitet. In meinen Kreisen hat die Karriere des Ehemanns im Zweifelsfall Vorrang, nie würde ich es zur Präsidentin gebracht haben, aber Première Dame zu werden war eine realistische Aussicht. Meine berufliche ­Tätigkeit darauf abzustimmen scheint jetzt im Nachhinein eine überflüssige Fleißaufgabe gewesen zu sein, doch wenn ich mich von meinem Mann trenne, ändert das auch nichts mehr. Lieber schreibe ich das vorläufige Scheitern meiner Pläne einem hinterhältigen Frauenzimmer zu, das womöglich in eine Verschwörung gegen meinen Mann verwickelt war, als der Unfähigkeit meines Mannes, seine Triebe ­unter Kontrolle zu halten.

Vielleicht habe ich ja sogar kurzfristig erwogen, meinen Mann hochkant hinauszuschmeißen, aber dann habe ich weitergedacht und mir ausgemalt, was danach käme.Danach käme eine Zukunft als Single-Frau, habe ich mir vielleicht vorgestellt. Nicht dass eine fesche, millionenschwere 63-Jährige auf Dauer ohne Anwärter bliebe, aber was für Anwärter wären das? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich welche finden, die meinem Anforderungsprofil entsprechen? Als Single-Frau aufzutreten bin ich nicht gewöhnt. Als Single-Frau zu leben auch nicht. Ich habe DSK ja geheiratet, weil ich mit ihm leben wollte, weil wir einander was zu sagen haben, weil er, abgesehen von seinen bekannten schlechten Eigenschaften, Eigenschaften hat, die ich schätze, das Anforderungsprofil, dem er entspricht, beschränkt sich nicht auf die Rubriken Karriereaussichten und gesellschaftliches Prestige, sondern umfasst auch Qualitäten des Miteinander-Agierens, die mir wichtig sind und die er aufweist.

Für eine andere würden seine Verfehlungen vielleicht mehr wiegen als das, was sie an ihm schätzt, in den Augen einer anderen hätte er jegliche Qualitäten vielleicht eingebüßt, ich hingegen bestehe darauf, mir eine wohlwollende Sicht auf ihn zu erhalten, mit dem totalen Verlust meines Bilds von ihm möchte ich nicht zurechtkommen müssen.

So stelle ich mir Anne Sinclairs Beweggründe vor. Wie gesagt, ein Versuch zu verstehen – in den Grenzen eines letztlich patriarchalen Weltbilds, die nicht nur für Frau ­Sinclair Gültigkeit haben, sondern auch für manche andere, die eisern zu einem fragwürdigen Ehemann hält.

elfriede.hammerl@profil.at

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