Elfriede Hammerl: Omakitsch

Elfriede Hammerl: Omakitsch

Muss ich mich, um die öffentliche Meinung nicht zu desavouieren, zum Geisterfahren entschließen?

Kürzlich im Radio von einem neuen Lokal gehört. Es sei, wurde gesagt, bewusst in Omakitsch gehalten. Omakitsch gegoogelt. Ist offenbar eine gängige Vokabel und bezeichnet einen Einrichtungsstil, der durch Häkeldeckchen, Sofas im Look der vorigen Jahrhundertwende und geschmacklose Nippes charakterisiert ist. Zeitung gelesen. Wird das Bargeld abgeschafft? Möglicherweise. In Schweden heiße es mittlerweile: Bargeld brauchen nur Omas und Bankräuber.

Im Internet ein Angebot professioneller Hilfe für die Erstellung von Websites gefunden und darin den Rat, Anliegen müssten so einfach formuliert sein, dass sogar die Oma sie verstehen könne. Ja, ja, eh bekannt: Omas haben den IQ einer Marille. „Omaleicht“ hat das vor einiger Zeit in ­einer Werbekampagne geheißen. Omaleicht bedeutet dep­pensicher. Denn, so die junge Bestsellerautorin V. Kaiser in einem Interview für das Online-Portal The Gap: Bei Menschen ab 70 muss man sich halt auch fragen, wie viel sie noch von dem, was passiert, verstehen.

Hm. Also, was macht uns jetzt blöd? Über 70 zu sein oder Enkelkinder zu haben? Vermutlich das eine wie das andere, und wenn beides zusammenkommt, ist es sicher besonders schlimm.


Ich habe mein Handy heimlich einem ­Update unterzogen – aber das würde ich nie zugeben.

Den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, mit denen unsereine demnach konfrontiert ist, fällt nicht immer leicht. Ich habe eine Weile gebraucht, bis es mir gelungen ist, den Computer glaubwürdig mit der Mikrowelle zu verwechseln und total überfordert dreinzuschauen, wenn die Vokabel Internet fällt. Kürzlich habe ich mein Handy heimlich einem Update unterzogen, aber das würde ich nie zugeben, und wenn man mich beobachtet, halte ich es verkehrt herum ans Ohr, wie es sich für eine wie mich gehört. Ich bin grundsätzlich gutwillig und bemüht, mich ordentlich ins Sozialgefüge zu integrieren.

Aber bleibt es mir wirklich nicht erspart, mein Heim mit Häkel- und Spitzendeckchen zu verunstalten? Muss ich mich tatsächlich von den Fauteuils der klassischen Moderne ab- und Trödelsofas mit Blümchenüberzug zuwenden? Und warum darf ich nicht mit Kreditkarte zahlen? Wenigstens ab und zu? Größere Beträge? (Die coolen Typen, die zeitfresserisch sogar den Preis für eine Leberkässemmel elektronisch abbuchen lassen, während sich hinter ihnen an der Supermarktkassa eine Schlange staut, sind mir eh zuwider, da merkt man doch deutlich genug, dass ich ­einer überholten Generation angehöre.)

Allerdings wäre ich ganz froh, wenn für Omas und Bank­räuber eine Ausnahme gemacht würde, falls das Bargeld abgeschafft wird, das würde mich vor den Negativzinsen bewahren, die dann bestimmt eingeführt und von allen Konten eingehoben werden. Die Vorstellung, einem Bank­räuber fröhlich zuzuprosten, der wie ich ein paar Scheinchen unter der Matratze in Sicherheit gebracht hat, finde ich charmant.

Probleme bereitet es mir hingegen, eine tödliche Gefahr im Straßenverkehr sein zu sollen. Es wird ja immer wieder einmal debattiert, ob die älteren VerkehrsteilnehmerInnen regelmäßig auf ihre Verkehrstüchtigkeit getestet werden müssen, weil sie, gaga auf den Straßen unterwegs, angeblich ein unerhörtes Risiko darstellen. Nicht, dass ich mich überschätze, ich führe meine vergleichsweise minimale Unfallbilanz keineswegs nur auf meine souveräne Fahrweise, sondern auch auf eine Portion Glück zurück, sehe aber bei aller Bescheidenheit nicht ein, warum ich mich auf einmal zum Geisterfahren entschließen soll, nur um die öffentliche Meinung nicht zu desavouieren. Nennen Sie es Feigheit, doch davor schrecke ich einfach zurück. Allenfalls wäre ich noch bereit, hinterm Steuer Hut zu tragen und auf Landstraßen Tempo 30 zu fahren, wenn es unbedingt gewünscht wird. Ob das freilich gefährlich genug wäre, kann ich nicht beurteilen.

In Sachen Styling schwanke ich, wen ich mir zum Vorbild nehmen soll. Mrs. Doubtfire? (Sie wissen schon, ­Robin Williams als Kinderfrau, mit sorgfältig gewelltem Haar und in mehrere Lagen gerüschtes Tuch geschnürt.) Vivienne Westwood? Herzogin Camilla? Demnächst ­Madonna?

Nicht sagen, das entscheidet eh die Geldbörse. Stützstrümpfe à la Mrs. Doubtfire sind nämlich ganz schön teuer, ich glaube nicht, dass man schlechter aussteigt, wenn man sich im Baumarkt die Zutaten für Camillas Hüte besorgt. Kann aber auch sein, dass die in letzter Zeit so nachgefragten Kabelbinder einen Preisanstieg erfahren haben, womit Madonna als Role Model ausfällt.

(Apropos Kabelbinder: Google liefert zum Stichwort alte Oma reichlich Webadressen, die geilen Grannysex mit versauten Omas versprechen. Erschreckend. Dann doch lieber Spitzendeckchen auf der Kommode.)

Also, nochmals rekapitulieren, was in puncto Verhalten omamäßig so angesagt ist: Tauberln füttern. Fette Schoßhunde hätscheln. Hinter fremden Kindern herkeifen. Arztpraxen verstopfen. Hansi Hinterseer anbeten … Ächz.

Hätte ich so was wie „Borgen“ eigentlich sehen dürfen? Natürlich nicht! – sagen meine gut informierten Freundinnen. Sie schauen sich ebenfalls gern unpassende Serien an, sehr oft sogar in der Originalsprache. Aber offiziell glauben sie, dass Download was mit Federn in der Bettwäsche zu tun hat.