<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Unsere Oma

Warum wir uns rechtzeitig wehren müssen, wenn alles über die Kinder definiert wird.

Unsere Oma, sagt die junge Frauensperson, mit der ich zusammensitze, eben noch spielte unser Alter keine Rolle, aber dann sagt sie unsere Oma, und ich zucke zusammen. Die Oma, von der sie redet, ist nicht ihre, sondern die Großmutter ihrer Kinder. Früher hieß die Oma die Mama, ich erinnere mich gut, aber seit sie auch Oma ist, heißt sie offenbar nur noch unsere oder die Oma.
Die junge Person, die ihre Schwiegermutter unsere Oma nennt, könnte meine Tochter sein. Ich frage mich, ob ich das sein wollte, die Oma für alle, sogar für meine Tochter.
Wie werde ich reagieren, wenn meine Tochter einmal auf die Idee kommt, von mir als von der Oma zu sprechen? Nein, das traut sie sich nicht. Sie kennt mich. Aber vielleicht ein Schwiegersohn …?
Natürlich hätte ich nichts dagegen, für eventuelle Enkelkinder die Oma sein zu sollen. Ich kenne zwar Großmütter, die diese Anrede strikt verweigern und sich mit dem Vor­namen ansprechen lassen oder mit einer eleganteren Version von Oma, mit Großmama oder Nonna oder Granny, alles besser als Oma, aber das finde ich affig, obwohl ich es verstehe, weil Oma, das klingt halt nach dünnem Haar, gichtigen Fingern und schlecht sitzenden Dritten.
Doch kleine Kinder brauchen wahrscheinlich eine Oma, wenn alle anderen auch eine haben (oder zwei davon), und wenn man ihre Großmutter ist, dann muss man sich wohl so nennen lassen, auch wenn man Oma mit den wenig er­freulichen Merkmalen des unterprivilegierten Greisentums assoziiert.
Deswegen: Oma ja, wenn Oma zutrifft. Ansonsten striktes Nein. Verweigerung. Nur nicht einreißen lassen. Wer sich nicht rechtzeitig wehrt, wird eines Tages auch auf der Straße, in Geschäften und bei der Fußpflege die Oma sein. Na, Oma, wie geht’s uns denn heute?

Wer die Oma ist, wird von eifrigen Pfadfindern gegen seinen – oder vielmehr ihren – Willen über die Straße gezerrt, in Geschäften für blöd verkauft, bei der Fuß­pflege geduzt und mit laut gebrüllten Drei-Wort-Sätzen in Gespräche zum intellektuellen Spartarif verwickelt. Prophezeie ich.
Und überhaupt: Man muss nicht alles und alle über die Kinder definieren, sage ich streng, die Welt nur noch aus der Perspektive seiner Kinder zu sehen, das ist schuld an Wir haben morgen Matheschularbeit, an Wir gehen in die Tanzschule, womöglich gar an Wir haben uns verliebt.
Kinder, sage ich, haben ein Recht darauf, ein Ich zu sein, egal, ob sie Matheschularbeit haben oder sich verlieben, und Eltern sollen das gefälligst respektieren und ihnen außerdem ihre Oma lassen.
Und sagt die junge Frau eigentlich unser Papa, wenn sie vom Vater ihrer Kinder spricht?
Nein, sagt sie nicht, sagt sie empört.
Noch nicht?
Nie, sagt sie energisch, nie wird sie ihren Mann den Papa nennen, grauenvoller Gedanke, als wäre er nur noch Vater, als wäre man nur noch Eltern, der Tod jeder Erotik, man will doch nicht mit seinem Papa ins Bett gehen, außer man ist gestört, schließlich sind sie auch noch ein Liebespaar, ihr Mann und sie.
Aha, und die Oma? Vielleicht will die Oma auch nicht immer nur als Oma wahrgenommen werden?
Die junge Frau macht ein ungläubiges Gesicht, sie kann sich nicht vorstellen, dass ich das ernst meine, die Oma ein erotisches Wesen, für wen, bitte?
Für den Opa vielleicht?
Die junge Frau lacht, noch immer geht sie davon aus, dass ich scherze, wie viele jüngere Menschen denkt sie, die Libido reiferer Menschen, vor allem der weiblichen, ist aufs Marilleneinkochen gerichtet und nicht auf den Austausch taktiler Sensationen mit reiferen Herren.
Da es uns nicht weiterbringen würde, wenn ich ihr verriete, dass ich reifere weibliche Menschen kenne, die sogar vergleichsweise unreife Herren dem Marilleneinkochen vorziehen würden, verlege ich unser Gespräch von der erotischen wieder auf eine allgemeinere Ebene.

Unsere Oma, sage ich, das reduziert die Frau, die Oma ist – auch Oma ist, unter anderem Oma ist, aber nicht nur Oma ist –, auf eine Funktion, das klingt nach Dienstleistungserwartungen, unsere Oma holt uns die Kinder vom Kindergarten, unsere Oma soll heut Abend babysitten, ­unsere Oma hat keinen anderen Anspruch mehr als den, Oma zu sein.
Die junge Frau schüttelt den Kopf und sagt, dass ich subjektive Befürchtungen auf eine objektiv harmlose Anrede projiziere, aber hat sie nicht gerade erzählt, dass sich sonntags immer die ganze Familie bei unserer Oma zum Essen trifft, einer Frau übrigens, die wochentags genauso berufstätig ist wie die übrigen erwachsenen Familienmitglieder, mit dem Unterschied, dass die übrigen erwachsenen Familienmitglieder sich sonntags erholen können, weil sie nicht kochen müssen?
Ja, aber das ist doch schön, dass wir am Sonntag alle zusammenkommen, sagt die junge Frau. Die Oma genießt das doch, dass sie uns um sich hat.
Okay, nur: Warum muss sie sich diese Geselligkeit mit Kochen erkaufen?
Weil sie gerne für uns kocht, sagt die junge Frau. Omas tun so was gern.
Ich höre es, und in mir festigt sich zunehmend der charmante Vorsatz, eine Oma zu werden, die sonntags mit ­aufmerksamen Kavalieren in Haubenlokalen speist. Aus Prinzip.

elfriede.hammerl@profil.at