<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Weiber!

Sogar nach dem Tsunami, im Hochwasser, gehen sie einkaufen. Oder vielleicht doch nicht?

Ein Bild in einer Zeitung. Es zeigt Überlebende nach dem Tsunami in Indonesien. Sie waten in kniehohem Wasser. Im Vordergrund gehen zwei Frauen, von denen eine ihre Flipflops in der Hand trägt. Eine ältere Frau dahinter schleppt einen ausgebeulten Plastiksack, er sieht aus, als seien darin gerettete Habseligkeiten. Noch einmal dahinter, schon weniger deutlich, sieht man zwei weitere Frauen, ­einer hängt anscheinend eine Art Beutel über der Schulter, die andere hält einen kleineren Beutel oder Plastiksack hoch, damit er nicht nass wird. Neben dem Bild folgender Text: Alltag in den Fluten: In Jakarta stehen ganze Bezirke unter Wasser. Einkaufen gehen die Frauen trotzdem.

Hä? Was will uns dieser Bildtext sagen? Shoppingluder bleibt Shoppingluder, da fährt der Tsunami drüber!? Oder: Trotz Tsunami gehen brave Hausfrauen auf den Markt, damit ihre überschwemmte Küche mittags nicht kalt bleibt!?

Vor allem aber: Woraus hat der Bildtexter, die Bild­texterin geschlossen, dass die abgebildeten Frauen zum Einkaufen unterwegs sind? Was deutet darauf hin?

Ich kann auf dem Foto nichts erkennen, was die Assoziation Einkaufen nahelegt. Natürlich wäre es dennoch möglich, dass die abgebildeten Frauen – oder einige von ihnen – tatsächlich unterwegs sind, um etwas zu erstehen, so wie es auch möglich wäre, dass eine von ihnen Zahnschmerzen hat oder dass sie allesamt Vegetarierinnen sind, aber rechtfertigten diese theoretischen Optionen, dass man sie als Behauptungen wiedergäbe? Wobei freilich die Behauptung, dass Frauen sich auch durch Hochwasser nicht vom Einkaufen abhalten lassen, wesentlich problematischer ist, weil sie das Klischee des (konsumfixierten?) Frauenzimmers beschwört, das aufgrund seiner Gene gar nicht anders kann, als auch im Angesicht von Naturkatastrophen ans Einkaufen zu denken.

Ja, ein kurzer Bildtext nur, aber dennoch symptomatisch für nach wie vor sexistische Denkmuster, die dann besonders ärgerlich sind, wenn sie medial verbreitet werden und solcherart zur Zementierung entsprechender Vorurteile beitragen. Texte dieser Sorte sind keine Ausnahme. In den Medien blühen und gedeihen dumme Rollenklischees, und wer sie kritisiert, stoßt auf Unverständnis.

Wie schwer es ist, diesbezüglich Sensibilität und Verantwortung einzufordern, erlebte ich dieser Tage anhand ­einer E-Mail-Korrespondenz mit einem Kollegen. Er schrieb in einem Zeitungskommentar über den Befund der Generalprokuratur zum Bawag-Prozess, dass Vizekanzler Pröll mit Bandion-Ortner „nach den abenteuerlichen Wendungen seiner Innenministerin in Asylfragen (…) ein zweites Frauenproblem am Hals“ habe.)

Ich mailte ihm daraufhin, sein Kommentar sei mir insofern unverständlich, als ich in der zugegeben miserablen Performance der beiden Ministerinnen nichts Geschlechtsspezifisches entdecken könne. Hätte denn die ÖVP mit Grasser ein Männerproblem am Hals gehabt?

Daraus entspann sich ein eher unfreundlicher E-Mail-Wechsel, weil der Kollege sich bemüßigt fühlte, mir mitzuteilen, „ich denke, Sie tun Ihren Anliegen mit der geballten verbalen Ladung nichts Gutes“, was mich ein wenig auf die Palme brachte, da ich nicht um seinen gönnerhaften Rat, sondern um Stellungnahme zu einem kritischen Einwand gebeten hatte. A. S. gestand mir zwar zu, dass das Grasser-Argument etwas für sich habe, rechtfertigte seinen Kommentar aber weiterhin mit den schlechten Leistungen der „weiblichen VP-Regierungsmitglieder“ und gab lediglich zu, dass seine Formulierung „vielleicht politisch nicht korrekt“ gewesen sei.

Warum sie politisch inkorrekt war, ist offensichtlich nicht bei ihm angekommen. Auch das ist ein üblicher Mechanismus. Man vertritt eine diskriminierende Ansicht und gibt nachher widerwillig zu, dass man sie in Zeiten der kleinkarierten PC wohl so nicht äußern hätte dürfen, als gäbe es einen Weg, Diskriminierendes auf politisch korrekte Weise zu äußern.
Tatsächlich geht es natürlich nicht um Fragen der verbalen Etikette, wenn Ministerinnen kritisiert werden, sondern schlicht darum, ihre Leistungen nicht mit ihrem Geschlecht in Zusammenhang zu bringen. So bedauerlich es ist, wenn sie Mist bauen – die Forderung, dass Frauen ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend in Führungspositionen vertreten sein sollten, inkludiert nicht, dass sie unfehlbar sein müssen. Auch Männer werden Minister und entpuppen sich nachher als Blindgänger. (Ergriffen gedenken wir an dieser Stelle zum Beispiel der Herren Reichhold, Schmid und Krüger.)

Fehlbesetzungen sprechen daher möglicherweise gegen die Personalpolitik der Parteien, aber sie sprechen nicht gegen eine Besetzung von Ministerposten mit Männern oder mit Frauen.
So einfach ist das.

Und, ja, das mangelnde Sensorium für sexistische Fallen beschränkt sich ebenfalls nicht auf ein Geschlecht. Ein beliebtes Argument, um Diskriminierung zu leugnen, lautet: Aber die Kolleginnen in unserer Firma finden da auch nichts ­dabei. Eh nicht. Auch Frauen diskriminieren ja Frauen. Sie lernen es so. Sie diskriminieren, weil sie glauben, sich damit von einer diskriminierten Gruppe distanzieren zu können. Aktive Geringschätzung schützt, so hoffen sie, vor passiver. (Leider keine sichere Strategie. Sie kann ins Auge gehen. Auch ins eigene.)

elfriede.hammerl@profil.at