Elfriede Hammerl: Wohlstand und so

Elfriede Hammerl: Wohlstand und so

Hört, liebe Kinder, und staunt: Damals gab es Zehnjährige, die waren noch nie in der Dom. Rep.!

Letztens wurde in dieser Kolumne über einen 25-jährigen Familienvater und Hausbesitzer geschrieben, der meint, dass es mit Österreich nicht so weitergehen könne, und der sein Unbehagen am Zustand der Republik damit begründet, dass sich bei ihm, weil er ein Kind und ein Haus zu erhalten habe, keine Extras ausgingen, während für die Flüchtlinge Milliarden verschwendet würden.

Wir dürfen annehmen, dass sich dieser Mann tatsächlich benachteiligt fühlt. Benachteiligung ist ja relativ. Verglichen mit dem Lebensstandard eines jungen Erben mit Privatjet ist ein Häuslbauer aus dem Burgenland wirklich ein armer Hund. Merkwürdig ist nur, dass der Häuslbauer seine relative Armut nicht vom Vergleich mit den Superreichen herleitet, sondern neidisch ist auf einen fiktiv Begünstigten, weil der in seinen Augen nicht arm genug ist.

Das ist nebenbei mit ein Grund, warum die wirklich Reichen ziemlich unbehelligt immer reicher werden können: weil die nicht so Reichen damit beschäftigt sind, erbittert einander zu bekämpfen und im Zweifelsfall den Ärmeren was wegnehmen wollen. Nur so können sie ein soziales Gefälle bewahren, das ihnen Überlegenheit garantiert.

Zurück zum jungen Häuslbauer. Er repräsentiert eine Generation, von der es heißt, dass sie arm dran sei auch im Vergleich mit ihren Eltern und Großeltern. Für die sei es unentwegt bergauf gegangen. Die heute Alten hätten noch getrost davon ausgehen können, dass es ihre Kinder einmal besser haben würden als sie. Diese Option hätte die jetzige Jugend nicht mehr.

Ohne Zukunftsängste klein- und prekäre Arbeitsverhältnisse schönreden zu wollen: Können wir unser Augenmerk einmal darauf richten, was es heißt, wenn die Alten darauf hingearbeitet haben, dass es ihren Kindern besser gehen soll? Es heißt, dass es den Alten schlechter gegangen ist. Oder anders gesagt: Für die Alten ist es auch deswegen bergauf gegangen, weil sie viel weiter unten angefangen haben.

Ich weiß, dass ich mich so anhöre, wie ich mich nie habe anhören wollen (wie meine Mutter, als sie mir ihre entbehrungsreiche Jugend um die Ohren geschlagen hat, um mir die Vermessenheit meiner juvenilen Konsumwünsche klarzumachen), wenn ich sage: Mit 25 habe ich in einer kleinen Untermietwohnung gewohnt, junger Mann. Und das war im Übrigen ganz normal.

Die noch im Krieg oder kurz danach Geborenen lebten als Kinder und Jugendliche in beträchtlicher Zahl in Haushalten, in denen Badezimmer, Waschmaschine, Kühlschrank oder Staubsauger keine Selbstverständlichkeit waren (von Fernsehapparaten oder Geschirrspülmaschinen ganz zu schweigen). Die Anschaffung von Möbeln oder Haushaltsgeräten war damals ein nahezu feierlicher Akt. Hört, liebe heutige Kinder, und staunt: Zu dieser Zeit gab es Zehnjährige, die waren noch nie am Meer! Und als sie es kennenlernten, war das nicht in der Dom. Rep., sondern in Lignano, einem Ort, über den ihr höchstens drüberfliegt! Ja, und geflogen sind diese Zehnjährigen dann erst acht oder zehn Jahre später zum ersten Mal! Das könnt ihr euch nicht vorstellen, gell?


Klar ist, wer dafür nicht verantwortlich ist: Flüchtlinge. Rothaarige. Wassertrinker.

Müsst ihr auch nicht. Ihr lebt im Heute, und es ist euer gutes Recht, euch an den heutigen Verhältnissen zu messen. Wenn alle anderen um euch herum ein Smartphone haben, dann wollt ihr auch eines, verständlich, warum sollt ausgerechnet ihr das Banner des Konsumverzichts schwenken? Schon eure Großeltern haben ihren Spinat stehen lassen, obwohl die armen Kinder in Afrika angeblich froh gewesen wären, hätten sie ihn essen dürfen.

Die Erwachsenen könnten allerdings die Kirche im Dorf lassen, statt falsche Katastrophenszenarien zu beschwören. Es gibt Armut, und es gibt Katastrophen, keine Frage, aber das Aufbauen von Elendskulissen, wo kein Elend ist (sondern allenfalls Luxus fehlt), verstellt den Blick auf die tatsächliche Armut und die echten Katastrophen. Eben das bezwecken die Elendskulissenschieber, die aus der Unzufriedenheit politisches Kapital schlagen.

Tatsächlich geht es in Österreich ziemlich vielen Menschen ziemlich gut, schon gar, wenn man sich frühere Verhältnisse anschaut. Der Lebensstandard ist kontinuierlich gestiegen. Die Schlechterverdienenden werden vom Staat gestützt: Gut die Hälfte der Lohn- und Einkommensteuerpflichtigen bekommt mehr an Transferleistungen, als sie Steuern zahlt. Wir haben ein solidarisches Krankenversicherungssystem. Dergleichen sollte wahrgenommen werden, nicht, um kritiklosen Jubel hervorzurufen, sondern damit nicht ausgerechnet das zu Tode kritisiert wird, was gut ist.

Nicht gut ist zum Beispiel, dass die Vermögensschere zugunsten der Superreichen immer weiter aufgeht, weshalb die Finanzierung des Sozialstaats an den mittleren Einkommensschichten hängenbleibt. Nicht gut sind
Arbeitslosigkeit respektive Arbeitsverhältnisse, die Arbeitnehmerrechte ignorieren. Nicht gut ist es, dass unser solidarisches Gesundheitssystem immer mehr dazu übergehen will, Krankheit als Versagen der Krankgewordenen zu bestrafen. Aber klar ist auch, wer dafür nicht verantwortlich ist: die Flüchtlinge. Die Rothaarigen. Die Wassertrinker.

elfriede.hammerl@profil.at
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