Elfriede Hammerl: Zeitfenster zu

Elfriede Hammerl: Zeitfenster zu

Egoismus ist geil. Für andere auf die Straße zu gehen, ist ekelhaft.

Da schreibt eine junge Mitarbeiterin in der „Welt“ unlängst einen Kommentar (am 8.4.2015 ) mit dem Titel „Warum mich der Feminismus anekelt“, und schon wird ein öffentlicher Diskurs daraus. Wenigstens in Deutschland, wo in den Medien ein heftiges Für und Wider entbrannte. Bei uns zog kürzlich der „Standard“ ( Christoph Kletzer, Feminismus und Ressentiment, 27./28.6.2015 ) nach und gab einem Gastkommentator Gelegenheit, ausgehend von Ronja von Rönnes Ekeltirade heftig gegen den „radikalen Feminismus“ zu polemisieren. Na ja. Eine Journalistin findet den Feminismus zum Speiben. Das ist erlaubt. Jede darf sich aussuchen, wovor ihr graust. Aber warum wird ihr persönlicher Ekel öffentlich gemacht? Ist er repräsentativ? Wenn ja, wofür?

Feminismus-Bashing ist eine todsichere Methode, um mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Verblüffend, wie sie immer wieder funktioniert. So blöd kann eine antifeministische Wortmeldung gar nicht sein, dass sie nicht sofort gedruckt und mit Getöse diskutiert wird. Warum nur?

Würde man lesen wollen, warum Frau X oder Herrn Y die klassische Nationalökonomie anekelt? Hätte eine angehende Publizistin eine Chance, einen Kommentar unterzubringen, in dem sie mit, sagen wir mal: sehr subjektiven Argumenten den Kubismus abkanzelt? Und würde man von einem, der sich über Fußball äußert, nicht zumindest erwarten, dass er weiß, was ein Elfmeter ist?

Antworten: nein, nein und ja. Nein, weil privater Brechreiz nicht ausreicht, um leidenschaftliche Kontroversen über etwas so Seriöses wie eine Wirtschaftstheorie auszulösen. Nein, weil es gesellschaftlich gesehen wurscht ist, wie angehende Publizistinnen zu welcher Kunstrichtung stehen. Und ja, weil ernst zu nehmende Urteile gewisse Fachkenntnisse voraussetzen.

Beim Feminismus-Abwatschen gilt nichts davon. Während es angehende wie angesehene PublizistInnen oft gar nicht so leicht haben, fundierte Betrachtungen zu relevanten Themen zu veröffentlichen, wird antifeministisches Schwadronieren bereitwillig gedruckt, auch wenn es teilweise auf freier Erfindung basiert.


Wie wir wissen, fordern Feministinnen nicht gleichen Lohn für alle, sondern gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.

Jüngstes Beispiel: Der „Standard“-Gastkommentar von C. Kletzer („Rechtsphilosoph am King’s College London“ sei er, steht unter seinem Beitrag). Darin wird behauptet, der „radikale“ Feminismus fordere gleichen Lohn für alle, egal, ob Mann, Frau, „Fliegenfischer“ oder „Nacktbader“. Aber die Welt sei halt ungerecht. Fliegenfischer verdienten, wie der Autor glaube, „statistisch gesehen“ mehr als Nacktbader, und Nikolaus Harnoncourt verdiene mit drei Taktschlägen wahrscheinlich mehr als eine Krankenschwester in drei Stunden. So argumentiert einer, der in London Rechtsphilosophie lehren darf? Jetzt aber: echt?

Wie wir wissen, fordern Feministinnen nicht gleichen Lohn für alle, sondern gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Weshalb es zum Beispiel um die Frage geht, ob Nikolaus Harnoncourt gleich viel verdienen würde, wenn er eine Nikola Harnoncourt wäre. Vermutlich, um auch das zu beantworten, nicht. Die Gagen von hervorragenden Künstlerinnen reichen nämlich im Allgemeinen gerade an die Gagen von Künstlern der Mittelklasse heran. Das kann man okay finden. Es muss aber auch okay sein, wenn man es nicht okay findet. Doch vielleicht ist das zu viel verlangt von einem, der Fliegenfischen und Nacktbaden offenbar als Erwerbsarbeit sieht?

Ungerechte Verhältnisse als unumgängliches Naturgesetz zu definieren, liegt freilich im Trend. Auch Ronja von Rönne bedient eine Ideologie, die an das Recht des/der rücksichtslosen Stärkeren glaubt, und daran, dass alles erlaubt ist, wofür es einen Markt gibt: „Wenn Firmen ihre Produkte mit nackten Frauen bewerben, halte ich das für gerechtfertigt, offensichtlich gibt es ja den Markt dazu.“ Und: „Wenn insgesamt mehr Männer als Frauen mit Buchpreisen ausgezeichnet werden, ist mir das völlig egal. Mir ist mein Glück wichtig. Dafür kämpfe ich.“

Früher (zur Zeit des „senilen Birkenstock-Feminismus“, wie Rönne ihn nennt) seien die Frauen, die auf die Straße gingen, wenigstens noch „selbst betroffen“ gewesen. „Sie kämpften nicht für eine obskure dritte Instanz, sondern für sich selbst. Mittlerweile ist der Feminismus eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen geworden.“
Also: Egoismus ist geil. Sich für andere einzusetzen, verachtenswert. Das eigene Glück ist wichtig, der eigene Vorteil das Einzige, worum es sich zu kämpfen lohnt. Und solange es einen Markt für SklavInnen gibt, ist bestimmt auch Menschenhandel gerechtfertigt.

Diese Kombi aus (Alte-)Weiberverachtung und sozial­darwinistisch unterfüttertem Größenwahn ist kein Zufall, und nicht zufällig schlägt sie so ein. Passt alles zum neoliberalen Glaubensbekenntnis des 21. Jahrhunderts, in dem gnadenlose Selbstvermarktung die Solidarität längst aus jedem Ranking verdrängt hat.

Ja, manche sind noch so blöd, nicht nur an sich zu denken, aber gut dastehen tun sie damit nicht. Senile Weich­eier eben, Nachrangbeachter, kein Glamourpotenzial. Schaut so aus, als würden sich für politische Bemühungen um gerechtere Verhältnisse immer nur kurze Zeitfenster öffnen. Traurig, findet die alte Nachrangbeachterin.