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Erdogan Twitter - <small><i>Sven Gächter</i></small>
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Mit dem buchstäblich über Nacht erlassenen Verbot von Twitter hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eine machtpolitische Dummheit allerersten Ranges begangen.

Dieser Satz wäre auch im Rest der Welt nicht twittertauglich, weil er 37 Zeichen mehr als die ­maximal erlaubten 140 enthält. Kann man daraus schließen, dass Twitter per se nicht als Plattform für die Verbreitung regimekritischer Inhalte taugt? Das kann man schon deshalb nicht, weil beispielsweise der türkische Staatspräsident Abdullah Gül den Premierminister scharf für dessen autokratisches Medienverständnis kritisierte, und zwar – in flagranter Missachtung der von Erdogan verhängten Sperre – via Twitter! Er steuerte fünf von insgesamt rund einer halben Million Tweets bei, die binnen zehn Stunden nach dem Verbot in der Türkei abgesetzt wurden, was einerseits ein gesundes Maß an demokratischer Insubordination dokumentiert, andererseits die tröstliche Banalität des Umstands, dass es im World Wide Web unendlich viel mehr Mittel und Wege für störungsresistente Kommunikation gibt, als Repressionsstrategen vom Schlage eines Herrn Erdogan sich jemals vorstellen können. Der Versuch, Meinungsfreiheit mit brachialen Mitteln auszuhebeln, zeitigt in auch nur halbwegs aufgeklärten Gesellschaften über kurz oder lang immer den gegenteiligen Effekt. Manchmal dauert es etwas länger – und manchmal nur so lange, wie man braucht, um ­maximal 140 Zeichen zu tippen.

sven.gaechter@profil.at