Sven Gächter

Sven Gächter Eitle Wonne Sonnenschein

Eitle Wonne Sonnenschein

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Am 3. Oktober des Vorjahres erhielt Eugen Freund Post von seinem langjährigen Arbeitgeber, dem Österreichischen Rundfunk. Es handelte sich um einen Pensionierungsbrief, der mit dürren Dankesworten und der Aufforderung endete, er möge nicht vergessen, den Ausweis abzugeben. Zwar hatte sich Freund schon länger zuvor mit dem ORF über die Auflösung seines Dienstverhältnisses per 31. 12. 2013 geeinigt, doch er war inzwischen so sehr in seiner Prestigerolle als „ZiB 1“-Anchor aufgegangen, dass der formelle Abschiedsbescheid ihn wie „eine böse Überraschung“ eiskalt erwischte. Er sagte zu seiner Frau: „Weißt du, was ich wirklich gerne machen würde? Ich wäre gerne Abgeordneter im EU-Parlament.“ Knapp vor Weihnachten, rechtzeitig zum Christkind, kam der erlösende Anruf von der SPÖ, die einen schillernden Spitzenkandidaten für ihren EU-Wahlkampf suchte und auch auf Anhieb fand.

Diese geradezu schicksalhaft anmutende Anekdote gab Freund am vorvergangenen Sonntag in einem „Kurier“-Gespräch zum Besten. Am selben Tag erschien auch in profil ein Interview mit dem spätberufenen Politiker, in dem er wenig dazu beitrug, seinen hart erarbeiteten Ruhm zu mehren. Freund wusste nicht, welches Brutto-Durchschnittsgehalt ein Arbeiter in Österreich bezieht, und kommentierte die ernüchternde Wahrheit – 2000 Euro – mit den Worten: „Das ist sehr wenig. Aber ich glaube nicht, dass ich etwas dafür kann.“ Er strafte seine Ex-Kollegin Barbara Karlich mit ostentativer Nichtachtung („Wie heißt die Burgenländerin, die diese Diskussionen am Nachmittag macht?“), beklagte die mangelnde symbolische Wertschätzung, die ihm seitens des ORF widerfahren war („In Amerika werden mit Gesichtern wie meinem Autobusse plakatiert, um für den Fernsehsender zu werben. Sage ich in aller Bescheidenheit.“) und verglich sich ansatzlos mit den Großen der Weltpolitik („Mir geht es wie Bill Clinton.“).

Krachender hätte ein Fehlstart in den zweiten Karrierefrühling kaum ausfallen können. Während die rote Nomenklatura den Flurschaden zu begrenzen versuchte („Freund soll ja nicht Chef der Statistik Austria werden“), walzten die Medien die Kalamitäten des Medienprofis ungläubig aus, und die sozialen Netzwerke produzierten, ­ihrer vordringlichen Bestimmung entsprechend, Shitstorms von Hass und Häme. Was war schiefgelaufen? So ziemlich genau alles. Die SPÖ hatte es in der Euphorie über den Personalcoup offensichtlich nicht für nötig befunden, ihren Überraschungskandidaten auf andere Kriterien als schiere Prominenz zu scannen. Freund wiederum dachte ebenfalls, sein Bekanntheitsgrad sei ja wohl mehr als nur ein „ZiB 1“ füllendes Programm, und plauderte mit der ihm ­eigenen – durchaus selbstgefälligen – Nonchalance munter drauflos, durfte er nach dem kurzen Pensionsschock doch hoffen, sich weiterhin dort zu sonnen, wo seinesgleichen nun einmal zu Hause ist: im Licht der Öffentlichkeit. Von dieser Droge können Menschen, die sie berufsmäßig konsumieren, bekanntlich nie genug bekommen, zumal sie rezeptfrei verfügbar ist. Die Risiken und Nebenwirkungen werden allerdings oft sträflich unterschätzt.

Illustre Quereinsteiger genießen ein unbezahlbares Privileg: Sie erregen Aufmerksamkeit. Deshalb greift die traditionelle Politik gern auf diese außerparteiliche Rekrutierungsmaßnahme zurück; sie ersetzt die dröge Arbeit an einer Agenda durch den prickelnden Kick der Popularität. Sex sells, und ein neues Gesicht in der Politik, das nicht unverkennbar durch die Mühen der Ebene gezeichnet ist, gilt schon als hinreichend sexy. Die Medien sind ohnehin dankbar für jede Abwechslung vom dauergrauen Tagesgeschäft – aber nicht so wunschlos dankbar, dass sie Jungpolitiker, welchen ­Alters auch immer, von der Pflicht freisprächen, sich ihrer ­neuen Berufung annähernd gewachsen zu zeigen.

Das Interview von Eva Linsinger und ­Rosemarie Schwaiger mit Eugen Freund war, anders als von manchen routinemäßig schlecht gelaunten Sozialdemokraten kolportiert, keineswegs darauf ausgelegt, einen Polit-Novizen vorsätzlich aufs Glatteis zu führen. Es ging, wie bei jedem anderen profil-Interview, darum, eine handelnde Person über die Motive und Ziele ihres Handelns zu befragen und, wo nötig, auf Widersprüche oder Kompetenzlücken hinzuweisen. Dass der gelernte Medienmann Freund in einem seiner ersten Auftritte als Befragter viele, nun ja, eher ungelenke Antworten gab, mag ­sicherlich ein Problem sein, aber ganz bestimmt nicht eines der medialen Kultur. Politik ist ein Geschäft, dessen Härte durch den Trend zu effekthascherischer Oberflächlichkeit nicht gemildert, sondern verschärft wird. Die SPÖ hat einen Kandidaten mit Popularitätsbonus aufgestellt und sollte ihm nun rasch und ernsthaft dabei helfen, von seiner Popularität zu abstrahieren. Eitle Wonne garantiert nämlich noch keinen Sonnenschein.

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