Eva Linsinger
Eva Linsinger

© Monika Saulich

Meinungen
03/14/2020

Eva Linsinger: Stresstests

Die harschen Spielregeln in Corona-Zeiten gestalten sich als Live-Experiment mit offenem Ausgang. Bisher zeigt sich: Die Koalition kann Krise.

von Eva Linsinger

Einreiseverbote. Zwangspausen für Schulen. Abgeriegelte Pflegeheime. Quarantäne für Skiorte. „Geschlossen“-und „Abgesagt“-Schilder an Museen, Geschäften, Konzertsälen und Restaurants. Abstürze an den Börsen. Grenzsperren. Verbot von Veranstaltungen. Verschobene Wahlen. Verzweifelte Kleinunternehmer. Besuchsverbot in Krankenhäusern. – Im Stakkato-Tempo fügten sich die Szenen, die selbst größte Schwarzmaler vor Kurzem für denkunmöglich in westlichen Demokratien gehalten hätten, zum Schockbild des großen Shutdown zusammen. Wie ein gruselig apokalyptischer Horrorfilm schien Corona von Beginn an – einige Wochen lang aber wie einer, der weit weg spielt, in China oder Südkorea, während man sich hierzulande auf Blödeln, Beschwichtigen und Präventivhysterie verlegte. Die Zeiten sind vorbei. Mit voller Wucht trifft Covid-19 jetzt auch Österreich.

Selten ging der Sprung vom entspanntem Laissez-faire zum drakonischen Durchgreifen schneller. Bis Montag befand sich das Gros von Österreichs Politik im Zuwarte-Modus – um ab Dienstag dann ins krasse Gegenteil zu schwenken: Nirgendwo in Europa, vom Katastrophengebiet Italien abgesehen, wurde das öffentliche Leben derart abrupt derart drastisch eingeschränkt. Zu spät? Zu voreilig? Zu übertrieben? Mit welchen Folgen, für Eltern, für die Wirtschaft? Wie lange? All die kniffeligen Fragen werden mit Verve diskutiert, fundierte Antworten gibt es kaum, seichte Witzchen, Ego-Attacken oder überzogene Panikmache helfen niemandem.

Gewiss ist nur: Die neuen Spielregeln in Corona-Zeiten gestalten sich als riesiges Live-Experiment mit offenem Ausgang. Und als veritabler Stresstest – für Regierung, Bevölkerung, Wirtschaft, tägliches Zusammenleben.

Bisher demonstriert die türkis-grüne Koalition: Sie kann Krise. Sie verfügt harte, aber wichtige Maßnahmen, um die Anstiegskurve der Corona-Fälle abzuflachen, und trifft in der Ausnahmesituation den richtigen Ton. Bei einem derart epochalen Stresstest kurz nach Amtsantritt alles andere als selbstverständlich.

Vorerst lässt sich konstatieren: Die heikle Gratwanderung Krisenmanagement gelingt. Dabei waren die Anfänge nicht gerade ermutigend verlaufen: Das Drehbuch schien geprägt von Inszenierung und politischen Foto-Bombern, die sich ins Bild drängten, sehnsüchtig nach ihren Minuten Krisenruhm. Das unrühmliche Vorspiel ist Geschichte, seit vergangener Woche, seit die Lage in Italien horribel und in Österreich ernst ist, wird kein politisches Kleingeld mehr gewechselt.

Die Bevölkerung akzeptiert die harsche Einschränkung des Alltags, abgesehen von hektischen Hamsterkaufanfällen, offenbar weitgehend panikfrei.

Kanzler Sebastian Kurz absolviert besonnen-souveräne Staatsmann-Auftritte, bemüht rar gewordene Wörter wie „Solidarität“, greift auf altes Republiks-Mobiliar wie die Sozialpartnerschaft zurück, das ihm sonst zu verstaubt erscheint, und setzt sein Kommunikationstalent dafür ein, Verständnis für das neue Leben im neuen Ausnahmezustand zu erzeugen. Als kongenialer Partner fungiert Gesundheitsminister Rudolf Anschober, wohltuend sachkundiger und unaufgeregter Dauergast auf allen Medienkanälen. Er meistert den schwierigen Balanceakt zwischen Klartext über die gefährliche Situation und Gemeinsam-schaffen-wir-das-Zuversicht derart trittsicher, dass bei jedem seiner Auftritte landesweit Stoßseufzer erklingen à la: Was für ein Glück, dass nicht mehr Beate Hartinger-Klein Gesundheitsministerin ist! Oder wie brachial ein Innenminister Herbert Kickl, der schon in Normalzeiten zu uniformähnlichem Outfit griff, im Ausnahmezustand aufgetreten wäre!

Vorerst meistern Regierung, Länder und Behörden ihren Stresstest – und, das ist für den Verlauf der Corona-Krise entscheidend: Die Bevölkerung akzeptiert die harsche Einschränkung des Alltags, abgesehen von hektischen Hamsterkaufanfällen, offenbar weitgehend panikfrei. Diesem ersten Stresstest für die Bevölkerung werden allerdings viele weitere folgen: Wie wirken sich Schulsperren aus? Wie werden Sozialkontakte reduziert? Neue geschaffen? Kümmern sich etwa Großstädter um betagte Nachbarn? Wie funktioniert das Zusammenleben? Und welche Antworten gibt es auf schwierige ethische Fragen wie – brutal formuliert: Großeltern und Eltern isolieren oder besuchen, was ist derzeit asozialer?

Nicht zuletzt: Der Stresstest für die Wirtschaft beginnt erst – mit unabschätzbaren Folgen. Schon jetzt zeichnet sich ein Gefälle ab: zwischen jenen, die relativ schmerzfrei auf Home-Office umstellen können – und jenen, die weiter Pakete zustellen, an der Supermarktkasse sitzen oder im Spital werken müssen. Zwischen Großunternehmen, die Kurzarbeit stemmen können – und Ein-Personen-Betrieben, denen die Option nicht offensteht. Wer wird wann wie großzügig mit welchen Maßnahmen unterstützt?

Wie weit rasseln die Börsen nach unten? Viele offene Fragen, gewiss ist nur eines: Das Budget, an dem Finanzminister Gernot Blümel werkte, ist jetzt schon von der neuen Realität überholt.

Leicht werden die Stresstests nicht zu bestehen sein, für niemanden. Nur: Der Versuch, apokalyptische Zustände wie in Italien zu vermeiden, ist die Anstrengung allemal wert.

[email protected] Twitter:@evalinsinger

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