Eva Linsinger
Eva Linsinger

© Monika Saulich

Meinung
07/24/2022

Eva Linsinger: Teile und herrsche

Geschlechterrollen wandeln sich rasant, wirtschaftliche Gleichberechtigung hingegen geht nur zäh voran, vorgestrige Zustände halten sich hartnäckig.

von Eva Linsinger

Damals, Anfang der 1970er-Jahre, war die Welt zwischen den Geschlechtern klar aufgeteilt: Männer verfügten über die sogenannte Schlüsselgewalt. Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch schrieb ihnen ausdrücklich das Recht zu, allein über den Wohnsitz zu entscheiden. „Väterliche Gewalt“ galt als probates Erziehungsmittel. Frauen hingegen durften weder Schulanmeldung der Kinder noch Passantrag unterschreiben, auch keinen Arbeitsvertrag. Gestatteten ihnen ihre Männer, außer Haus arbeiten zu gehen, werkten sie in für Frauen reservierten „Leichtlohn“-Gruppen. Ein Klaps auf den Po ging als adäquate Begrüßung für Frauen am Arbeitsplatz durch. Vergewaltigung in der Ehe war kein Straf-, sondern Kavaliersdelikt – in heterosexuellen Ehen, versteht sich, andere Partnerschaften waren für Gesetzgeber und Kirche in Österreich ohnehin unvorstellbar. Die Nachbarstaaten waren auch nicht fortschrittlicher, in der Schweiz wurde unerbittlich darüber diskutiert, ob unausweichlich „Familienhader“ und „vermännlichte Frauen“ drohen, wenn das Wahlrecht nicht mehr reine Männersache ist. Erst 1990 war die Debatte endlich entschieden, und Frauen durften in allen Kantonen wählen.

Diese Rechts- und Gesellschaftslage vor 50 Jahren, von Anfang der 1970er-Jahre, klingt heute verdammt lang her, nachgerade wie eine paradoxe Schieflage aus dem finsteren Mittelalter, vielleicht gar von einem anderen Kontinent. In fast rasantem Tempo begab sich eine Zeitenwende, binnen nur einer Generation wandelte sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern radikal. Universitäten, Spitäler und Parlamente sind längst keine Männerdomänen mehr. In ORF-Nachrichtensendungen wird gegendert. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist verboten. Die Bundeshymne wurde um „Töchter“ ergänzt. Männer gehen in Karenz. Geschlechterrollen werden infrage gestellt und aufgebrochen und führen zu selbstbestimmten Lebensentwürfen ohne Rollenzwänge. Und das Prinzip der Gleichberechtigung, das wagen nur mehr besonders Reaktionäre oder bewusste Provokateure offen infrage zu stellen. Selbst hartgesottene Machos erkannten spätestens in Debatten mit ihren Enkeln oder Kindern, wie aus der Zeit gefallen ihr Weltbild mittlerweile ist. 

Keine Frage: Der Feminismus ist eine beeindruckende Erfolgsstory, eine der einschneidendsten sozialen Bewegungen. Gut so. Niemand, zumindest niemand Vernünftiger, will  in die Geschlechterwelt von vor 50 Jahren zurück.

Männer führten mit viel Krach auf Nebengleisen Kulturdebatten über Bundeshymne und Binnen-I.

So viel sich auch seither in erstaunlichem Tempo veränderte – in manchen Bereichen halten sich vorgestrige Zustände hartnäckig, Fortschritt passiert dort maximal im Schneckentempo. Bei jämmerlichen 8,5 Prozent grundelt der Frauenanteil in Vorstandsetagen von ATX-Unternehmen bis heute dahin. Die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sind in der EU nur in Estland und Lettland gravierender als hierzulande. Kinderbetreuungsplätze gibt es nach wie vor viel zu wenige, vor allem am Land und nachmittags, Ganztagsschulen sowieso, allesamt gravierende Erwerbshindernisse. Kurz: Bei ökonomischen Verteilungs- und Machtfragen verlaufen Fortschritte in puncto Gleichberechtigung überaus zäh.

Das liegt auch daran, dass noch erfolgreicher als der Feminismus die Gegenbewegung dazu war – die Diskreditierung von Feminismus, die festzurrte, wie Feministinnen angeblich zu sein haben: kein Humor, perfekt im Opferjargon, verbiestert. Bei diesem abstoßenden Zerrbild fühlt 
sich niemand mitgemeint, auch deshalb hielt es jede Generation für notwendig, sich abzugrenzen und loszusagen – und immer und immer wieder von vorn anzufangen: als zweite, dritte, vierte Welle des Feminismus, als Lipstick-Feminismus gegen Antikonsum-Feminismus, Gebärstreik-Feminismus gegen Mütter-Feminismus, Post-Feminismus gegen Alt-Feminismus, black feminism gegen white feminism, intersektionaler Feminismus gegen traditionellen Feminismus, Mainstream-Feminismus gegen Girlboss-Feminismus. 

Nur Männer blieben einfach Männer.

Das Teile-und-herrsche-Prinzip „Divide et impera“ war schon im alten Rom bekannt. Die manchmal erbitterten Diskussionen seit den 1960er-Jahren über den einzig richtigen und wahren Feminismus machten es Männern leicht, auf Nebengleisen mit viel Krach symbolische Kulturdebatten über Bundeshymne oder Binnen-I (erinnern Sie sich noch an den Brief der 800?) zu führen – über ökonomisch einschneidende Themen wie Gehaltsunterschiede aber nie so hitzig zu diskutieren. Auch die Taktik, sich einzelne Gruppen herauszupicken und aggressiv zu attackieren, wird seit Jahrzehnten angewandt – derzeit entdecken US-Republikaner das Transgender-Thema als Schlachtfeld im „Culture War“.

Das bringt niemanden weiter, das verschiebt schon gar keine Machtverhältnisse. Dabei könnte es ganz simpel sein: Feminismus ist vielfältig – und vor allem kein Zuschauer-, sondern Mitmachsport für alle, männlich, weiblich, divers. Denn niemand will die verzopfte Geschlechterwelt von vor 50 Jahren zurück.

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Twitter: @evalinsinger