Fisch schwimmt, Mensch läuft
1. Jenseits der europäischen Grenzen gibt es in diesem einen Monat zudem Marathons von der australischen Hauptstadt Canberra bis nach Hobart, wo sonst gesegelt wird. Oder in Jordanien am Toten Meer nahe der Kriegsregion. Oder in Cartago. Was in Costa Rica liegt; Hannibals Geburtsstadt am Mittelmeer ist nicht gemeint. Vom ältesten – seit 1897 stattfindenden – Marathon in Boston ganz zu schweigen.
2. Danach folgt das Rennen auf der Big Sur in Kalifornien, der schönsten Küstenstraße der Welt. Außerdem gibt es bis Monatsende Marathons in Almaty, Nagano und Santiago de Chile. Hinzu kommen Bukidnon auf den Philippinen, Miri in Malaysia und Puerto Vallarta in Mexiko. Wie viele dieser Marathonstädte hätten Sie ohne Dr. Google auf der Landkarte gefunden?
3. In Boston und London sind jeweils bis zu 60.000 Läufer am Start. Sogar in Linz und Wien sind es – samt Zusatzbewerben – 20.000 beziehungsweise 40.000 Laufbegeisterte. Weltweit beendet jedes Jahr eine Millionenzahl von Verrückten einen Marathon. Was bringt Menschen dazu, freiwillig über 42 Kilometer lang zu laufen?
4. Der Kolumnentitel ist ein Zitat von Emil Zátopek. Der Tscheche gewann bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki sowohl im 5000- und 10.000-Meter-Lauf als auch im Marathon die Goldmedaille. Ich wollte auch kein Fisch sein und wurde also Volksläufer. „Marathonis“ bewundere ich, weil ich auf dieser Strecke kläglich gescheitert bin. Ja, ich kam zweimal ins Ziel. Das war aber, bevor ich so richtig Laufsport betrieb.
5. Danach wolle ich flott sein. Anhand seiner Bestzeiten auf kürzeren Strecken kann man sich ausrechnen, was im Marathon theoretisch möglich ist. Für Nichtweltklasseläufer gilt als Faustregel die doppelte Halbmarathon-Zeit plus zehn Minuten. Was Teil der Faszination ist: Langstreckenläufe sind keine Talentsache, sondern das Produkt von langem und zielorientiertem Training nach Plan.
Meinen zwölfwöchigen Trainingsplan hatte ich ein- und durchgehalten. Das Problem war das Wetter: Es war schweineheiß. Intelligente Läufer verabschieden sich in solchen Situationen von ihren Zeitzielen. Der kleine Peter war dumm und probierte es trotzdem.
6. Meinen zwölfwöchigen Trainingsplan hatte ich ein- und durchgehalten. Das Problem war das Wetter: Es war schweineheiß. Intelligente Läufer verabschieden sich in solchen Situationen von ihren Zeitzielen. Der kleine Peter war dumm und probierte es trotzdem. Mein Marathon endete im Wiener Prater nach drei Viertel der Strecke. Leider ohne Runner’s High.
7. Schön war es, weil Leiden und Qualen dazugehören. Mein Masochismus beruhte darauf, dass man zwecks Vermeidung des muskulären Katers nach Wettkämpfen ein paar Kilometer auslaufen soll. Schlaue Denker wären aus dem Prater zur U-Bahn gejoggt. Ich trabte bis zum Lusthaus und darüber hinaus. Das war jener Ort der Marathonstrecke, der am allerweitesten von sämtlichen Verkehrsmitteln und Heimkehroptionen entfernt ist …
8. Frei von Eitelkeit bin ich nicht. Folgerichtig sage ich dazu, dass meine Partnerin – sie war 2024 Staatsmeisterin im Marathon und versteht was davon – meint, für mich wäre eine Zeit von unter 2 Stunden und 35 Minuten machbar gewesen. Stattdessen wurde ich Möchtegern-Sportreporter und darf heuer im ORF wieder den Linzer Marathon kommentieren. Ich war jetzt schon fünfmal live dabei, und es gab vier Streckenrekorde. Wer hat als Reporter so eine Erfolgsquote?
9. Allerdings fasziniert mich jedes Laufereignis, bei dem es auch kürzere Bewerbe gibt und all jene Sieger:innen sind, die kilometermäßig viel weniger als den Marathon schaffen. Man kann das Laufen überall trainieren und muss es nicht verwissenschaftlichen: Abwechselnde Geh- und Langsamlauf-Strecken mehrmals in der Woche genügen, um bald eine halbe Stunde am Stück zu laufen. Dass die Laufverrückten anfangen, an eine zehnmal so lange Distanz zu denken, ist Teil des Mythos Marathon.
10. Nur eine altgriechische Legende ist aber, dass ein Soldat 490 vor Christus in Kampfausrüstung aus der Ebene von Marathon nach Athen lief, um den Sieg gegen die Perser zu verkünden. Warum hat der Kerl seine Rüstung anbehalten? Ebenfalls Fischerlatein ist, dass Spyridon Louis sich durch Beten und Fasten vorbereitete und so 1896 Marathonolympiasieger wurde. Liebe Kinder und Lauffreunde: Macht das mit der Hungerkur bloß nicht nach!